LEIDENSCHAFTEN: In der Gluthitze der Literatur

Drückende Hitze, Schweiss und stechende Sonne machen auch Romanhelden arg zu schaffen. Die Kulturredaktion stellt sechs von ihnen vor: krasse Beispiele, die von Erotik, Verbrechen und Wahnsinn berichten.

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Ein Mann liest am Strand von Revere, Massachusetts, ein Buch. (Bild: Keystone, 12.07.2017)

Ein Mann liest am Strand von Revere, Massachusetts, ein Buch. (Bild: Keystone, 12.07.2017)

Schweisstreibende Selbstjustiz

GerichtsthrillerOft haben US-Autoren die Hitze der Südstaa­ten als atmosphärischen Hintergrund geschildert, vor dem Rassismus und andere Formen von Gewalt aufbrechen. So auch 1989 ein unbekannter junger Anwalt namens John Grisham in seinem Roman «Die Jury». Dieser erwies sich als stilbildender Justizthriller, dem Grisham mit «Die Firma» und «Die Akte» noch zwei weitere Knaller folgen liess. Diese Qualität hat er seither selten mehr erreicht. «Die Jury» handelt vom farbigen Carl Lee, der nach der Vergewaltigung seiner Teenagertochter die beiden Täter erschiesst. Nun mehr selber angeklagt, wird er von einem jungen weissen Anwalt verteidigt. Der Fall zieht die gesamte Region in ihren Bann und löst weitere Gewalt aus. Dramatischer Höhepunkt ist der Entscheid der Geschworenen. Bei der Lektüre ist die physische und emotionale Hitze allgegenwärtig. Dies hat Joel Schumacher in seiner Verfilmung von 1996 veranlasst, die Körper der Darsteller mit literweise Schweiss zu überziehen. Der etwas plakative Streifen packt dank Stars wie Samuel L. Jackson oder Matthew McConaughey. Doch das Buch ist dennoch besser.

Arno Renggli

John Grisham: Die Jury. Heyne-Taschenbuch

Erotische Spannung vor dem Sommergewitter

MakaberDer Arzt Partolle und seine Frau Hélene leben auf einer einsamen Insel. «Die Tropensonne hatte in ihm den Mann abgetötet und in ihr die Liebe.» Mit erst 20 Jahren schrieb der russisch-französische Autor Romain Gary 1935 seine erste Erzählung, «Das Gewitter». Die Sonne brennt gnadenlos, Palmen ragen reglos in den flirrenden Himmel. «Am Horizont tauchte ein weisser Punkt auf, der rasch die Form eines Dreiecks annahm.» Hélene greift zum Fernglas, ein Segelboot läuft in die Bucht ein. Ein Mann mit verstörtem, fiebrigem Ausdruck kommt an Land. Er röchelt, hat Durst. Ein entflohener Häftling? Als er die Frau erblickt, die sich träge im Liegestuhl räkelt, schiesst ihm das Blut ins Gesicht – und er verliert die Beherrschung. Zugleich braut sich über der Insel ein Gewitter zusammen. Der Mann und das Unwetter sind beide unberechenbar. Die Figuren werden nur skizzenhaft angedeutet, die Geschichte mündet in einen makaberen Schluss. Naturgewalten, Sex, Tod – all dies kommt hier in knappster Form zusammen. Meisterhaft!

Melissa Müller

Romain Gary: Das Gewitter. Erzählungen. Fischer

Das schwül-heisse Grauen des Kolonialismus

AbenteuerEs sind die letzten Worte des todkranken, wahn­sinnig gewordenen Kurtz: «Das Grauen. Das Grauen.» Als Stationsleiter einer britischen Kolonialgesellschaft unter dem Schutz der belgischen Kolonialherrschaft ist er der erfolgreichste Elfenbeinplünderer im Herzen Schwarzafrikas, am Kongo- Fluss, mitten im feucht-heissen Dschungel. Allerdings hat sich der ehemals bewunderte, hochintelligente Europäer die Eingeborenen mit einem blutrünstigen Kult gefügig gemacht. Skrupel­losigkeit zeigt hier unter der sengenden Sonne ihr wahres Gesicht: Die entmenschlichte Ausbeutung entlarvt sich als purer Wahnsinn. Im vermeintlich finsteren Kontinent wird die barba­rische Seele des europäischen ­Kolonialismus sichtbar. Joseph Conrads Roman gehört zu den wichtigsten Antikolonialromanen der Weltliteratur. Seine in eine Abenteuergeschichte gepackten präzisen Schilderungen lesen sich ohne direkte Anklage wie ein fiebriger Albtraum: Der Erzähler sieht als Schiffskapitän auf der Suche nach Kurtz das gleichermassen Dahinsiechen der Versklavten und der Kolonialisten. Conrad war selbst Schiffskapitän auf dem Kongo. Seine pessimistische Weltsicht: Zivilisation ist blosse Augenwischerei.

Hansruedi Kugler

Joseph Conrad: Herz der Finsternis. Reclam

Mörderische Hitze und totale Gefühlskälte

ExistenziellDieser Roman aus dem Jahr 1942 ist von einer einmaligen Dichte. Auf lakonische Art erreicht «Der Fremde» von Albert Camus eine unheimliche psychologische Tiefenschärfe. Nur schon der Anfang: «Heute ist Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiss es nicht.» Die Isolation der Hauptfigur, ihre Unfähigkeit, Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu finden, wird sofort klar. Es ist Meursault, der im Knast auf seine Hinrichtung wartet. Er hat an einem algerischen Strand einen Araber erschossen. Die sengende Sonne hat ihn noch dumpfer als sonst gemacht. Und ihn im entscheidenden Moment mit dem Licht geblendet, das sich auf dem Messer des Kontrahenten reflektierte. Eine Art Notwehr also? Doch Meursault hat dann vier weitere Schüsse auf die Leiche abgegeben. Die Unzurechnungsfähigkeit durch die Hitze war nur ein Symptom für seine Gefühlskälte, für die totale Absenz von Empathie, die Meursault schon vor der Tat gezeigt hat. Kommt er am Ende und angesichts des Todes zu einer Art Einsicht? Man muss Leute be­neiden, die das Buch zum ersten Mal lesen, weil es einen derart in Bann zieht. Aber die Lektüre lohnt sich immer wieder.

Arno Renggli

Albert Camus: Der Fremde. rororo

Die Sonne, die Liebe, der Tod

LiebesdramaDie Hitze dieses Sommers ist schwer zu ertragen. Und auch die Beziehungen werden auf eine Probe gestellt. Da sind Sara und Jacques, Eltern eines Buben, zwischen denen Sprachlosigkeit herrscht. Da sind Ludi und Gina, die immerzu streiten. Da ist Diana, die Ungebundene. Und da ist dieser Fremde mit dem Motorboot, der sich der Gruppe Ferienreisender anschliesst und rasch ein Auge auf Sara wirft. Marguerite Duras richtet in «Die Pferdchen von Tarquinia» eine explosive Mischung an. Eine Explosion ist es auch, die am Berg einen Minensucher in Stücke gerissen hat. Jetzt sind seine Eltern da, hüten die Kiste mit den sterblichen Überresten – und weigern sich, eine Todeserklärung zu unterschreiben. Unbarmherzig steht die Sonne über allem und macht die Tage zur Qual. Nicht enden wollende Gespräche drehen sich um das Leben, die Liebe und den Tod. «Nichts sperrt einen so ein wie die Liebe», sagt Sara. «Und eingesperrt sein macht einen auf die Dauer böse.»

Rolf App

Marguerite Duras: Die Pferdchen von Tarquinia. Suhrkamp

Verstörende Amour fou bei 37,2 Grad

Kultroman «Betty Blue» haut ­einen um, auch mehr als 30 Jahre später noch. Der 1985 erschienene Roman von Philippe Djian erzählt eine der wohl verstörendsten Amour fou der Literaturgeschichte aus der Perspektive von Zorg, einem brotlosen Schriftsteller, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält: «Ich wusste noch nicht, dass sie mit ­Lichtgeschwindigkeit von einer Verfassung in die andere übergehen konnte.» Seine Freundin, Betty, leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Allein der Originaltitel «37,2° le matin» verrät es – obwohl sich die Temperaturangabe «37,2 Grad am Morgen» auf die mögliche Schwangerschaft der Hauptfigur bezieht. In «Betty Blue» ist die Hitze ein wichtiger Faktor. Körperliches Feuer, seelischer Furor. Oder macht sie die Gluthitze da draussen verrückt? Die fiebrige Stimmung kippt von Überschwang in Melancholie – und schliesslich in tiefste Verzweiflung. Die Zeichen stehen auf Sturm, und die Liebe, so sehr sie sich ihre Welt darum herum­ ­bauen, hat keine Chance. Die innere Verfassung der Figuren findet ihre Entsprechung in der Sommerhitze, die sich in heftigen Gewittern entlädt. Die Verfilmung machte «Betty Blue» zum Kult. Die Story beginnt und endet mit einem Chili, das auf kleiner Flamme vor sich hinköchelt.

Regina Grüter

Philippe Dijan: Betty Blue. Diogenes