Klassik
Leiter des Zürcher Kammerorchesters Daniel Hope: «Unsere Musik ist ansteckend»

Daniel Hope leitet das Zürcher Kammerorchester – und betreibt sein ZKO-Haus als Zentrum für junge Menschen. Im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» spricht er über gestiegene Publikumszahlen, Flüchtlingshilfe und seinen Mentor Yehudi Menuhin.

Anna Kardos
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Geigensolist und ZKO-Direktor Daniel Hope in der Bar Razzia im Zürcher Quartier Seefeld.

Geigensolist und ZKO-Direktor Daniel Hope in der Bar Razzia im Zürcher Quartier Seefeld.

Nicolas Zonvi

Daniel Hope, Sie sind seit 2016 Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters (ZKO) und haben die Publikumszahlen im ersten Jahr um 15 Prozent gesteigert. Wie?

Daniel Hope: Ich weiss es nicht genau. Aber wir haben uns zum Ziel gesetzt, Programme anzubieten, die eine Geschichte erzählen. Programme, die eine Nähe zum Publikum suchen – und hoffentlich finden. Dazu kommen spannende Gäste, unser Sozialengagement und natürlich das ZKO-Haus als Zentrum für junge Menschen. Ich glaube, dass das die Menschen ansteckt.

Heute kommen Menschen nicht automatisch mit Klassik in Kontakt.

Das ist richtig. Umso wichtiger ist es, dass man von klein auf die Chance hat, eine Beziehung zu Musik aufzubauen. Weil sie die Sinne anders anspricht. Das ZKO fängt ja bereits mit Babys an. Ich habe Nuggi-Konzerte gespielt, bei denen bis zu 100 Babys um einen herumkrabbeln.

Und wenn ein Kind Sie beim Spielen stört?

Man ist ja nicht in einer traditionellen Konzertatmosphäre. Man spielt für Babys. Auf Englisch sagt man: «Go with the flow». Es ist nicht ganz so schlimm, wenn man kurz aussetzt, weil etwas passiert ist. Das Stück wird ja ganz gespielt, das heisst, es gibt eine Konzerterfahrung.

Sie wirken souverän, aber locker. Wie wichtig ist Ihnen Perfektion?

Das ZKO und ich geben alles, in jeder Sekunde. Dafür proben wir sehr intensiv. Schliesslich müssen wir alles versuchen, um dieser Musik gerecht zu werden, die so unglaublich und wunderschön ist. Was dann im Konzert gelingt oder nicht ganz gelingt, ist letztendlich zweitrangig.

Yehudi Menuhin war Ihr Mentor. Er hatte als junger Geiger eine riesige Krise. Kennen Sie Ähnliches?

Ich kann mich an Konzerte erinnern, wo ich grosses Lampenfieber hatte und einfach nicht gut gespielt habe. Oder wo es mit einem Partner nicht gepasst hat. Aber das ist nicht vergleichbar mit Menuhin. Er hatte schon als Achtjähriger Erfolg, wie sonst nur Mozart und Mendelssohn. Ein Fall von dieser Höhe? Das ist mit nichts vergleichbar. Natürlich hatte ich Momente, wo ich dachte: Schaffe ich das? Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass ich Musiker sein will. Musik definiert mein Leben.

Weshalb sind Sie dann in verschiedenen Bereichen unterwegs? Sie schreiben Bücher, Sie moderieren ...

... weil alles zur Musik zurückfliesst. Die Geige ist nicht die einzige Möglichkeit, mich über Musik auszudrücken. Ich habe erlebt, dass ich einen tieferen Zugang zur Musik habe, wenn ich, statt einfach die Töne zu spielen, auch die Hintergründe teile. Zu den Komponisten oder den Umständen, wie ein Stück entstanden ist.

Sie laden beim ZKO Sportler oder Manager zum Gespräch. Ist Musik allein nicht genug?

(lacht). «Nur» zu spielen reicht mir nicht. Nicht weil die Musik nicht genug wäre. Ich könnte mich mein ganzes Leben nur mit Beethovens Violinkonzert beschäftigen. Aber ich möchte erleben, was Musik auslösen kann. Wir wissen, dass man mit ihr bei Menschen mit Alzheimer oder Autismus kleine Wunder bewirken kann. Musik hat eine viel tiefere Bedeutung, als nur auf die Bühne zu stehen und Konzerte zu spielen.

Wie wichtig ist dann, dass das Publikum stillsitzt und sich konzentriert?

Das ist eine gute Frage. Um Musik wirklich in sich aufzunehmen, braucht es Ruhe und Konzentration. Das heisst aber nicht, dass man das zwei Stunden durchzieht. Unterbrechung ist sehr wichtig. Zu Bachs und Mozarts Zeit wurde ständig unterbrochen.

Damals waren Konzerte auch Unterhaltung.

Unterhaltung ist ein spannendes Wort. Man geht quasi unter das, was wir als Haltung definieren. Unterhaltung ist nicht nur, Menschen zum Lachen bringen. Sondern Humor, Trauer und Trost. Emotionen, die wir haben, gehören alle in den Konzertsaal – sie dort zu provozieren, finde ich wichtig.

Sie spielen Musik aus Theresienstadt und von geflüchteten Komponisten. Weil Sie selbst Migrationshintergrund haben?

Meine ganze DNA ist migrationsbelastet, von meinen Grosseltern, die aus Deutschland geflohen sind, bis zu meinen Eltern, die wegen des Apartheidsystems sozusagen geflohen sind aus Südafrika. Das hat sicherlich eine grosse Rolle gespielt für meine Programme.

Können Sie sich vorstellen, etwas für Flüchtlinge von heute zu tun?

Ich setzte mich sehr stark für soziale Angelegenheiten ein, schon seit 20 Jahren. Das sind Themen, die uns nicht nur als Musiker beschäftigen müssen, sondern als Menschen. Gestern bin ich mitgelaufen bei «Berlin trägt Kippa», einer Demonstration gegen Antisemitismus.

Fürchten Sie nicht, sich dabei an der Hand zu verletzen?

Das kann mir auch beim Skifahren passieren. Generell bin ich ziemlich vorsichtig. Aber zur Demonstration ging ich, weil ich seit zwei Jahren in Berlin lebe und die Debatte gerade sehr hochgekocht wird. Der Umzug betraf mein direktes Umfeld.

Sie demonstrieren und haben Demokratie ins ZKO gebracht. Zum ersten Mal hat es keinen Chefdirigenten.

Das ZKO ist so gut, dass es keinen Chefdirigenten braucht. Das schafft nicht jedes Orchester.

Wieso schafft es das ZKO?

Es ist sehr feinhörig und kann selbstständig denken. Das ist ein grosses Talent, weil es in Orchestern oft so ist, dass man sich auf den Schlag verlässt. Wir arbeiten anders.

Vor kurzem haben Sie Ihren Vertrag bis 2022 verlängert.

Es war mein Traum, ein «eigenes» Orchester zu haben. Und ich fühle, dass das ZKO und ich uns gefunden haben. Dieses Ensemble besteht aus lauter Persönlichkeiten. Sie möchte ich hören, spüren und sehen – und unsere gemeinsame Arbeit unbedingt fortführen.

Dauern Ihre Proben dreimal länger als mit Dirigent?

(lacht) Nicht unbedingt. Aber es gibt tatsächlich sehr viel auszuprobieren, weil viele Musiker eine eigene Meinung haben. Wir diskutieren also viel und entscheiden auf demokratische Weise – wobei ich zum Schluss die letzte Entscheidung treffe, indem ich abwäge.

Es herrscht also keine Schweizer Basisdemokratie?

Zumindest gibt es bei mir kein Referendum.

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