Ausstellung
Nach der Abstimmung zur Organspende: Jetzt kehrt auch bei uns der Tod wieder ins Leben zurück

Der Tod hat Hochkonjunktur, manch einer verdient sich damit eine goldene Nase. Und eine neue Einsicht in alte Gewissheiten. Seit Corona und der letzten Volksabstimmung ist das Sterben wieder Teil des Lebens geworden. Im Vögele-Kulturzentrum behauptet eine Ausstellung bereits: «Der Tod, radikal normal!».

Daniele Muscionico
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Tim Ulrichs, The End: Der deutsche Künstler Tim Ulrichs hat sich als «Schlusspointe» die Worte «The End» auf sein rechtes Augenlid tätowiert.

Tim Ulrichs, The End: Der deutsche Künstler Tim Ulrichs hat sich als «Schlusspointe» die Worte «The End» auf sein rechtes Augenlid tätowiert.

«Willkommen Tod in meinem Haus!» Die Aufforderung an der alten Stadtmauer macht fassungslos: Was ist das denn für eine Art von Gastfreundschaft? Ist das Leben nicht das höchste Gut? Es ohne Not aufzugeben, scheint fragwürdig. Und überhaupt: «Exit» ist nur ein anderes Wort für Notausgang.

Das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit, mit dem unsere Vorfahren Einladungen an den Gevatter Tod aussprachen, ist uns heute fremd. Denn es sind die Altvorderen, meint man, die den Tod so selbstverständlich als letzte Biegung des Lebenskreises verstanden. Dass die Kirche mitprofitierte, machte die Sache erst rund.

Zum Wort «Gevatter» so viel: Es stammt aus den Grimm’schen Hausmärchen und steht dort für den Taufpaten. Der Gedanke, sich vom Schnitter persönlich taufen zu lassen, um sodann flux und ohne Umwege in den Himmel zu flattern, besitzt auch heute noch seinen Reiz.

Man kann das Leben versichern, nicht aber den Tod

Das Sterben ist ein öffentliches Thema längst vergangener Vorzeit, stimmt. Doch in der Ausschliesslichkeit der Behauptung ist dies falsch. Nicht vom Blick zurück kann man das gute Sterben lernen. Man lernt es viel leichter und schneller, gegenwärtiger – hier und jetzt. Die Gelegenheit dazu ist sogar ganz besonders günstig: Noch nie wurde in der Schweiz die Debatte über die Organspende so offen und öffentlich geführt wie vor der letzten Abstimmung. Und ob angenehm oder nicht, damals in der Pandemie wälzten wir die Gedanken an den Tod nicht nur in unseren Albträumen, sie gehörten mit einer neuen Selbstverständlichkeit zum Tagesgespräch.

Über Nacht wurde aus dem theoretischen «Was wäre wenn?» die aktuelle Frage: «Was jetzt?» Unvermittelt erinnerten uns die nach oben schnellenden Sterbestatistiken, dass ich zwar mein Leben versichern kann, nicht aber meinen Tod. Im Umgang mit dem letzten Gesellschaftstabu verändert sich gerade Entscheidendes: Das Sterben kehrt zurück ins Leben.

Aufsehenerregend und dabei schlank im Trend ist die «Berner Charta für ein gemeinsam getragenes Lebensende». Just Anfang November 2020 wurde sie von der Stadt Bern lanciert. Die Zahl der positiven Sars-CoV-2-Tests, die Hospitalisierungen und Todesfälle hatten dannzumal in der Schweiz «rasant zugenommen», meldete die nationale Covid-Taskforce. Die Bedrohungslage also war gegeben, um mit einer Charta «Tod, Trauer und Sterben zu enttabuisieren und eine Kultur des Füreinanderdaseins zu etablieren». Nach den Kriterien der «Compassionate Cities», mit der man die Palliativversorgung einer Gemeinde propagiert, will man in der Bundeshauptstadt ein Netzwerk zwischen verschiedenen einschlägigen Akteuren knüpfen. Kurzum, die Berner Charta ist das PR-Büro des Todes.

Wer verhilft dem Lebensende zu einem besseren Image? Die Kirche jedenfalls ist daran gescheitert

Denn das ist wohl der Knackpunkt: Der Tod hat einen schlechten Ruf. Und das soll sich ändern, meint man in Bern. Aufgefordert, mit Veranstaltungen zum Themenkreis Sterben, Tod und Trauer das Bewusstsein für das Unausweichliche zu schärfen, sind Kirchen und Religionsgemeinschaften; angesprochen fühlen dürfen sich allerdings genauso kulturelle Einrichtungen wie Museen, Galerien und Theater.

Das Vögele-Kulturzentrum in Pfäffikon macht also alles richtig, wenn es mit seiner aktuellen Ausstellung behauptet: «Der Tod, radikal normal!». Karola Widla und Jean-Daniel Strub stellen einen mehrheitsfähigen, lebenslustigen letzten Gang durch die letzten Dinge bereit. Und selbst auf die Frage: «Darf man mit einem Toten ein Handyfoto machen?», wird der Besucher hier eine konstruktive Antwort erhalten.

Darf man einen Sarg als Möbel verwenden? In der Ausstellungs-Bar Vögele-Kulturzentrums darf man. Mit einer Einschränkung: Auf ein Getränk wartet man wörtlich eine Ewigkeit.

Darf man einen Sarg als Möbel verwenden? In der Ausstellungs-Bar Vögele-Kulturzentrums darf man. Mit einer Einschränkung: Auf ein Getränk wartet man wörtlich eine Ewigkeit.

Bild: Katharina Wernli

In Pfäffikon erinnert man sich daran: Facebook, Instagram, Youtube und andere Kanäle können nicht lügen. Sie sind die Zeugen eines radikalen Gesinnungswandels in Bezug auf die Enttabuisierung des Todes. Zahllose Podcasts und andere innovative Formen zum Thema «Tod und Sterben» lassen sich im Netz aufspüren; inzwischen gibt es sogar Friedhöfe mit eigenen Facebook-Profilen.

Die Jugend denkt offensiv ans Sterben, wieso eigentlich?

Mit der Rolle des Todes in unserer Gesellschaft befasst sich vor allem die jüngere Generation. Ehrenamtlich Sterbehilfe zu leisten und sich in der palliativen Medizin zu engagieren, scheint ein Bedürfnis zu sein und liegt im Trend. Der Wunsch, Urnen und Särge individuell zu gestalten, boomt; und Streams der Beerdigung (noch nicht der eigenen) können mit einer Sturmflut an Likes rechnen.

Schluss jetzt mit der Verdrängungsleistung, scheint die Losung der Generation «Ende gut, alles gut». Wer der Endlichkeit nicht ins Gesicht blickt, sieht auch sonst bloss das, was er sehen will. Das gilt für die Klimadebatte genauso wie auch für unser persönliches Ende.

Der Tod hat Hochkonjunktur

Auch neue Berufe erfinden sich in dem bis anhin verkannten Geschäft mit dem Tod, die Ausstellung nennt dazu schöne Beispiele. So gibt es Bestattungsunternehmen, deren Losung den Sterbehilfeorganisationen abgekupfert sich. Man verkauft, leicht variiert, «selbstbestimmtes Trauern».

Im Vögele-Kulturzentrum wird der Tod zum Berufsfeld von Dienstleistern, wie es ein Hausputz ist oder die Kinderbetreuung. Die Funeral-Planer sind auf dem Plan! Während die Beschäftigung des amerikanischen Wedding-Planers auch in der Schweiz seit längerem Fuss gefasst hat, ist das Pendant dazu hier allerdings noch rar: Checkliste und Timeline der Unternehmen sind sich dabei gar nicht so unähnlich. Überrascht?

Sagar Shiriskar, Repose: Der indische Fotograf zeigt tote Tiere, die er in der Schweiz und Indien findet. Ihre friedliche Schönheit ist in diesem Fall nicht von der Hand zu weisen. Tierische Verkehrsopfer sehen anders aus.

Sagar Shiriskar, Repose: Der indische Fotograf zeigt tote Tiere, die er in der Schweiz und Indien findet. Ihre friedliche Schönheit ist in diesem Fall nicht von der Hand zu weisen. Tierische Verkehrsopfer sehen anders aus.

Bild: Vögele Kulturzentrum

Zum Ende also was, welches Fazit wird gezogen? Sicher ist, den Tod als Hoch-Zeit des Lebens zu akzeptieren, erfordert Gottvertrauen. Doch um Himmels willen, was tun, wenn das blinde Vertrauen in wen auch immer nicht mehr klappt? Und so steht man letzten Endes auch in dieser Ausstellung mit leeren Händen da. Das Unabänderliche überfordert uns alle, unabänderlich.

Der Tod, radikal normal! Über das, was am Ende wichtig ist, Vögele-Kulturzentrum Pfäffikon (SZ), bis 18. September