Liebe dreht im Karussell durch

Eine Händel-Oper nicht nur für Freunde des Barocks: Die «Orlando»-Premiere im Luzerner Theater packt mit starkem Spiel und verschwenderisch reicher Musik.

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Nichts von Ritterromantik: Marie-Luise Dressen als «Orlando». (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Nichts von Ritterromantik: Marie-Luise Dressen als «Orlando». (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Manchmal sieht man eine Inszenierung anders, als die Regisseurin sich das vorgestellt hat – und ist nach der ersten Enttäuschung trotzdem begeistert. Die Premiere von Händels tragikomischer Oper «Orlando» war am Freitag im Luzerner Theater ein solcher Fall.

Die bereits mit etlichen Preisen ausgezeichnete deutsche Regisseurin Eva-Maria Höckmayr versprach im Gespräch mit unserer Zeitung ein Stück über den Verlust der Illusionen: Da sollte es um junge Menschen gehen, die durch Eifersucht und Zurückweisung lernen, ihr unbekümmertes Lieben Vernunftzwängen unterzuordnen, und dadurch auch die Fähigkeit zur Lebensfreude verlieren.

Schäferspiel mit Flower-Power

Auf der Bühne selbst allerdings ist es mit dieser Unbekümmertheit schon nach zehn Minuten vorbei. Nur während der Ouvertüre tobt sie sich ausgelassen aus: Da schmusen die Akteure im neckischen Spiel der Reihe nach übers Kreuz und über Geschlechtergrenzen hinweg miteinander. Ein barockes Schäferspiel mit einer Art Flower-Power und Hippie-Fröhlichkeit: Dass das nur Illusion ist, zeigt schon die Bühne von Nina von Essen. Ihr riesiges Karussell steigert mit seinen Drehungen nicht nur die Wankelmütigkeit der Gefühle zum labyrinthischen Verwirrspiel. Mit seinem nüchternen Metallgestänge, das mit Lichtreflexen flunkert wie eine Discokugel, ist es eine perfekte Illusions- maschinerie. Ein grandioser Wurf.

Aber die Wirklichkeit ist stärker. Denn Händels Stück handelt auch einfach davon, wie unerfüllte Liebe in Resignation mündet oder zur Eifersuchtsraserei antreibt. Ein alte Geschichte also, die immer wieder neu ist, gerade auch in dieser Inszenierung. Das ist die zweite Überraschung. Auch wenn sich Höckmayr zu «konventioneller» Regiearbeit bekennt: Ihre «Orlando»-Inszenierung ist ganz modern – mit einem sinnlich-intensiven Spiel, das die Menschen auf der Bühne so zeitlos aktuell macht wie die Kostüme von Birgit Künzler.

Starkes Ensemble

Möglich machen das die starken sängerisch-darstellerischen Leistungen des Ensembles. Überragend im Zentrum steht Marie-Luise Dressens Orlando mit einer Stimme, die Gefühlswärme mit Koloraturraserei zu einem explosiven Gemisch verbindet: Eine Figur, die im Ritterrüstungsmüll in der Gosse wühlt, Stühle fliegen lässt und zum Schluss an ihrer unerfüllten Liebe zu Angelica klinisch kaputtgeht.

Diese Angelica zieht den Spielcharakter der Liebe als einzige provokativ durch, indem sie sich ihren Geliebten Medoro wie den bettelnden Orlando warmhält. Madelaine Wibom ist in dieser Rolle die dritte Überraschung des Abends: Über die manchmal scharfe Hysterie hinaus, die ihre Stimme in den letzten Jahren entwickelt hat, findet sie in innigen Tönen zu neuartigem Glanz und ergreifendem, wie aus dem Leben gegriffenem Ausdruck. Simone Stocks wohlklingender Sopran, Caroline Vitale als etwas nüchterner Medoro und Szymon Chojnacki, hier eine Art Vernunftsdoktor des Orlando, runden das Ensemble-Spiel stark ab.

Eine Entdeckung ist schliesslich Händels Musik, die alle Register zieht und nach der Pause zwischen Pastoralidylle und Wahnsinnszene Perle an Perle reiht. Hier gewinnt auch das Spiel des Luzerner Sinfonieorchesters unter der Leitung von Michael Wendeberg mehr Schwung und Flexibilität, die man zunächst vermisst. Der lange Publikumsapplaus bestätigte den Eindruck jener Premierenbesucherin, die «romantische Oper mit grossen Gefühlen vorzieht» und Barockoper eigentlich nicht so mag: «Aber das hier hat mich richtig gepackt!»

Urs Mattenberger

HINWEIS
«Orlando» von Georg Friedrich Händel. Weitere Aufführungen am Luzerner Theater: 28., 30., 31. 5.; 3., 8., 10., 15., 17. 6., je 19.30 Uhr.