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Liebe ist verderblicher als irgendwas

Dragica Rajčićs Roman «Glück» gewinnt seine Authentizität aus der gekonnt eingesetzten Unbeholfenheit, mit dem er erzählt ist.
Charles Linsmayer
Dragica Rajčić (Foto: Ayse Yavas)

Dragica Rajčić (Foto: Ayse Yavas)

«Wahnfrauen in büchern / stecken ihr kopf in backoffen / Die lebende frauen / operieren ihre nasen / riechen dämonen und lächeln.» Die Zeilen stammen aus dem «Buch von Glück» von 2004 und dokumentieren nicht nur die Schreibweise der 1959 im kroatischen Split geborenen und seit 1978 in der Schweiz lebenden Dragica Rajčić, den Verzicht auf grammatikalische, orthografische und semantische Korrektheit, Gedichtform ohne metrische Prinzipien. Sondern auch ihre niederschmetternd illusionslose Auffassung von dem, was man Glück nennen könnte.

«Glück» heisst nun auch ihr jüngstes, eben erschienenes Buch, das den Stoff ihres gleichnamigen, 2018 in Basel uraufgeführten Theaterstücks in einen 212-seitigen Text einarbeitet, der zwischen Versepos, Roman und Lesedrama anzusiedeln ist.

Frühe Liebe, frühes Leid

«Glück» ist der Name des dalmatischen Dorfs, wo Ana Jagoda geboren wird, ist dann aber auch das Letzte, was man ihrem Lebensschicksal attestieren könnte. Schon vom Vater, der sie später halbtot prügeln wird, heisst es, dass seine Kinder zu Gott beten, er möge den Vater zum Verschwinden bringen.

Mit 14 beginnt sie zu dichten und trägt den Erstling dem Jugendseelsorger Don Lilo vor, der «Liebe als göttliche Sendung an die Menschen» predigt und dessen plumper Anmache sie nur entkommt, weil sie verkündet: «Ich will Nonne werden!» Dafür erklärt Don Lilo ihre Dichtung für genial. Zudem weiss sie, dass sie «jetzt von ihm alles verlangen kann», was ihr schon bald von Nutzen sein wird. Igor heisst der junge Mann, bei dem sie keine Nonne mehr werden will und «unter den strengsten konspirativen Umständen» jene «unbekannte Operation» vollziehen lässt, die der 17-jährigen Gymnasiastin eine Schwangerschaft beschert. Den Liebhaber wird sie mit dem Segen der Familie heiraten, vom Kind aber sagt sie: «Ich muss es töten / bevor Vater mich tötet.»

Don Lilo weiss Rat. Als das Paar zusammenzieht, ist das Kind abgetrieben. Eifersucht und Alkohol machen die Flitterwochen zum Desaster, und bald schon fragt sich die junge Frau, ob es «einen Orden für Seelenverlust und Weiterleben» gebe. Vielleicht wartet das Glück in Amerika, und so reist das Paar nach Chicago, wo das Drama zur Tragödie wird und Ana im «Womenirrhaus», dem Heim für misshandelte Frauen, Zuflucht sucht. Noch kann sie von Igor nicht lassen, kehrt zu ihm zurück und erlebt mit dem Alkoholiker so viel Brutales, dass sie am Ende wieder im «Womenirrhaus», diesmal im «Abteil der geschlossenen Psychiatrie», landet. In einer Psychoanalyse arbeitet sie ihre Kindheit und Jugend auf und lässt sich von der Betreuerin überzeugen: «Liebe ist verderblicher als irgendwas.» Vom Peiniger kommt sie erst los, als er bei einer Schiesserei ums Leben kommt. Zur Rehabilitation kommt sie auf die Sunflower Farm. Mit Tim, der im Rollstuhl sitzt und wie sie Gedichte schreibt, aber mit dem Mund, da er die Hände nicht benützen kann, erlebt sie jenes Leise, Zärtliche, Unbeschwerte, das endlich wirkliche Liebe in ihr Leben bringen könnte.

Fehlerhaft, aber authentisch

Das Buch macht es einem, mosaikartig-assoziativ-bruchstückweise, wie es sich darbietet, nicht leicht. Zusammenhänge gibt es nicht auf Anhieb preis. Man kann sich jedoch gut vorstellen, dass es bei einem mündlichen Vortrag, als Rollenprosa eine berührende Wirkung entfaltet. Gerade weil sie stockend und abgehackt, mit fehlerhaften und falsch verstandenen Worten, in einem Rhythmus, der nicht von der Metrik oder der Kompositionskunst, sondern von dem Zorn, der Trauer, dem Schmerz und der Verzweiflung bestimmt wird, darüber berichtet, was ihr widerfährt, bekommen diese verkappte Autorin Ana Jagoda und ihre Wehklage eine Authentizität. «Ich wollte nicht Mutter werden / ich wollte fliegen / in Luft leben / Gedichte schreiben / in schwarzen Magie der Bäume / in Unzulänglichkeiten der Welt…»

Dragica Rajčić: Glück, Der gesunde Menschenversand, 220 Seiten

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