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Klassenmusizieren: «Lieber blasen statt singen»

In Luzern gibt es Familien, die sich keinen Musikunterricht leisten können. Ein Pilotprojekt an Primarschulen soll dies nun ändern. Wir haben einen Augenschein genommen
Roman Kühne
Jonas Raeber (links) und Pirmin Rohrer proben mit der Klasse 5a im Schulhaus Sprengi in Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein)

Jonas Raeber (links) und Pirmin Rohrer proben mit der Klasse 5a im Schulhaus Sprengi in Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein)

Die Kinder strahlen über das ganze Gesicht. Eine Trompeterin und zwei Trompeter üben Töne. Zuerst wird auf dem Mundstück eingeblasen, anschliessend werden die verschiedenen Ventile durchgenommen. Fünf Minuten nur, dann kommen die Saxofone, die Flöten und zum Schluss die Posaunen. Heute ist Einzelprobe. Wobei, alleine spielen sie ja nie, hier im Schulhaus Sprengi in Emmen. Denn dies ist genau die Idee des neuen Konzeptes «Klassenmusizieren», das in vier Primarschulen im Kanton Luzern durchgeführt wird. Die Kinder sollen eben nicht alleine sein. Sondern sie spielen und üben praktisch immer im Verband.

Vorbilder für einen Musikunterricht für alle

Initiiert wurde das Konzept von «Schukulu», der Plattform Schule und Kultur im Kanton Luzern in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern, welche die musikalische Entwicklung der Jugendlichen wissenschaftlich begleitet. Von den interessierten Schulen wurden bewusst Klassen ausgewählt, die einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund aufweisen. Denn man weiss es schon länger: Musikunterricht hängt stark vom Einkommen, der Bildung und der Herkunft der Eltern ab.

In der Klasse 5a in Emmen finden sich Schüler aus Brasilien, Griechenland, Italien, Portugal, Eritrea und sämtlichen Ländern Ex-Jugoslawiens. Die Idee eines Musikunterrichts in Gruppen ist ja nicht ganz neu. In Venezuela gibt es seit längerem ähnliche Projekte in Slums. Der Leuchtturm dieses «Sistema» ist das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar, früher geleitet von Gustavo Dudamel. Nach diesem Konzept werden auch die Jugendlichen unterrichtet, die sich im Sommer beim Superar-Orchestercamp des Lucerne Festivals trafen. Superare ermöglicht in der Schweiz an verschiedenen Orten Kindern aus wirtschaftlich benachteiligten Familien das gemeinsame Musizieren.

Als der Klassenlehrer Jonas Raeber von der Idee des Klassenmusizierens erfuhr, musste er keine 10 Minuten überlegen: «Mir war sofort klar, dass dies eine einmalige Chance ist. Mit dem neuen Lehrplan 21 haben wir zwei Lektionen Musik zur Verfügung. Diese gilt es sinnvoll zu nutzen.» Er selber hat von der Querflöte auf die Klarinette gewechselt. «Einerseits habe ich genug Querflöte gespielt», erklärt er lachend. «Andererseits bin ich so nahe dabei, erlebe die Schwierigkeiten des Lernens eines Instrumentes am eigenen Leibe.»

«Laut und cool»: Lieber blasen als singen

Denn hinter dieser spontanen Teilnahme am Projekt steckte auch ein gewisses Risiko. Der Lehrer kannte seine neue Klasse noch nicht, und mit 17 Schülern ist es eine relativ kleine Gruppe. Doch nach fünf Proben ist die Begeisterung gross. Zum Schluss kommt an diesem Montagmorgen noch das ganze Orchester zusammen. Ein paar Minuten Üben, und es geht schon recht anständig durch die verschiedenen Töne.

Heute ist die Laune der Kinder besonders gut. Denn erstmals dürfen sie die Instrumente mit nach Hause nehmen. Die kecke Cristina Erzinger (10 Jahre) kann es kaum erwarten: «Ich habe die Posaune gewählt, weil mir dieses Instrument schon immer gefallen hat. Es ist laut und cool. Ich habe zwar schon Musikunterricht, wo ich Alt-Flöte spiele. Ich finde es aber super, dass wir hier spielen und nicht singen». Sie ist nur eines von fünf Kindern, das auch regulär den Musikunterricht besucht. Der musikalische Leiter dieser Doppelstunde, der Posaunist Pirmin Rohrer, ist ebenfalls überzeugt vom Projekt: «Wir haben erst wenige Male geübt, doch die Fortschritte sind gross. Dieses Musizieren ist auch gut für den Klassengeist.

Durch das Spielen in Gruppen können sich die Schüler auch ein wenig verstecken, sind nicht so exponiert. In der Musikschule hat man meistens Einzelunterricht. Und eigentlich ist es ein bisschen wie beim Fussball. Müssten die Fussballer zuerst drei Jahre alleine «tschutten», so gäbe es wohl auch nicht so viele gute Fussballspieler. Im Verband ist es halt einfach schöner.»

Ein erster Schritt hin zu Auftritten

Spannend wird es in ein bis zwei Jahren sein, wenn gewisse Musikschüler Fortschritte machen, wie man es vom venezolanischen «Sistema» kennt. Gut möglich, dass das Klassenmusizieren für einzelne ein erster Schritt ist hin zu Veranstaltungen wie den Luzerner Solo- und Ensemblewettbewerb (vgl. Hinweis).

Für Pirmin Rohrer ist es natürlich ein Ziel, dass man demnächst zusammen auftreten kann, aber nicht nur: «Es geht jetzt erst einmal darum, dass niemand auf der Strecke bleibt. Musik ist sicher die internationalste Sprache. Von dem her ist die Verständigung kein Problem. Und die Schüler sind momentan so enthusiastisch, wie sie es im normalen Musikunterricht nie wären.

Jetzt nehmen sie die Instrumente nach Hause, und dann sehen wir, wie sich die Begeisterung hält.» Die Instrumente wurden gekauft und den Schülerinnen und Schülern kostenlos zur Verfügung gestellt. Unterstützt wird das Projekt «Klassenmusizieren in Luzern» von der Stiftung Mercator Schweiz, der Fondation Suisa und der Stiftung Kind & Musik. In dieser Anfangsphase kommen vier Klassen in den Genuss einer Ausbildung. Die anderen stammen aus Buchrain und Reussbühl.

Der Unterricht ist jetzt zu Ende, die zwei Stunden im Flug vorbei. Der Musiklehrer gibt seinen Schützlingen noch einen letzten Tipp auf den Weg. Sie sollen doch bitte, wegen den Nachbarn, nicht am Mittag oder spätabends üben. Die Probleme sind überall die gleichen.

Hinweis

Der Luzerner Solo- und Ensem-blewettbewerb findet im April 2019 in Root statt. Noch diesen November läuft die Anmeldephase für den Wettbewerb.

www.lsew.ch

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