Kultur
Literarische Parabel auf die unrühmliche Rolle der Schweiz im Weltkrieg

In Thomas Röthlisbergers Roman «Das Licht hinter den Bergen» kommt der Krieg in Gestalt einer Flüchtlingsfrau in ein Schweizer Dorf und zwingt die Bewohnerinnen und Bewohner, Farbe zu bekennen.

Charles Linsmayer
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Thomas Röthlisberger.

Thomas Röthlisberger.

Ayse Yavas

Farbe bekennen – das ist die Aufgabe, vor der sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Dorfes gestellt sehen. Die vor dem Nazi-Regime geflohene Anna Schwarz sucht hier Zuflucht. Thomas Röthlisbergers neuer Roman gehört zu den lesenswertesten Büchern dieses Frühjahrs. Zehn Jahre sind vergangen, seit Thomas Röthlisberger mit «Zuckerglück» den Schauplatz des Erzählens von der nordischen Landschaft der Romane «Die Eiswanderung» oder «Das Lotsenhaus» in die Schweiz verlegt hat. «Das Licht hinter den Bergen» ruft nun quasi die nordische Kargheit und Einsamkeit hervor – in einem Prättigauer Bergdorf dicht an der Grenze zu Österreich. Vom Lehrer Anton Marxer ist da die Rede und von seiner Frau Barbla.

Thomas Röthlisberger.

Thomas Röthlisberger.

Ayse Yavas

Man fühlt sich an Max Frischs «Andorra» erinnert

Weil die Geschichte zwischen 1940 und 1945 spielt, könnte man an Max Frischs Theaterstück «Andorra» und seine Figur Barblin erinnert sein, die sich am Ende als Schwester ihres Geliebten Andri entpuppt. Aber der Vergleich hinkt: Röthlisbergers Barbla ist eine stumme behinderte Frau, die sich nur noch mit dem Aufschlagen ihres Stocks Gehör verschaffen kann, ihr Mann ist in seiner ruhigen Verschlossenheit eine typische Röthlisberger-Figur, und der Antisemitismus, bei Frisch das Hauptthema, spielt nur eine Nebenrolle. Was vorgeführt wird, ist ein vom Krieg verschontes Schweizer Bergdorf, dessen Bewohner die Bewährung nicht bestehen.

Anna Schwarz ist eine politisch verfolgte Lehrerin aus dem Vorarlbergischen, die Anton Marxer nicht lange zu verstecken vermag. An ihr, der die Dörfler einzig das Glück voraus haben, «nicht auf der anderen Seite des Bergs geboren zu sein», enthüllt sich, dass hinter der viel gelobten Schweizer Humanität nichts als Angst, Egoismus und Selbstgerechtigkeit verborgen sind.

Für Derungs, dessen Tochter sie ungestraft als Hexe verschreien darf, wird Anna zur Zielscheibe des Hasses auf Fremde und Juden. Barbigna, die alternde Magd, meldet sie der Polizei, weil sie sie als Rivalin um die Gunst ihres Arbeitgebers sieht. Selbst Barbla ist nicht konfus genug, dass sie in Anna nicht eine Bedrohung erkennen könnte, die sie unbedingt los sein will. Ihr Vater aber, Giusep Arquint, sieht in ihr nicht ein Opfer des Naziregimes, sondern einen willfährigen Ersatz für seine verstorbene Frau. In paranoider Besessenheit will er sie in seine Fänge bringen, bis er bei ihrer Verfolgung zu Tode stürzt.

Der Situation gewachsen ist einzig Anton Marxer, der zu Anna in eine scheue, leise Beziehung tritt und das Mitleid nur in extremen Momenten in Zärtlichkeit umschlagen lässt: als sie vom Tod ihres Kindes erzählt, als er ihr von der ihretwegen losgebrochenen Schlägerei in der Beiz berichtet, und als sie gesteht, dass Giusep bei ihrer Verfolgung den Tod gefunden hat. Da erst, von Gericht und Ausschaffung bedroht, bricht die Liebe der beiden sich Bahn: «Wenn alles verloren ist, gibt es nichts mehr zu verlieren. Und Mund presste sich auf Mund. Haut suchte Haut.»

Auf atemlos zwingende Weise erzählt

Dieser Roman ist aus einem Guss, in dem alles stimmt: Sprache, Bilder, Psychologie – und der sich von Annas Flucht die Hänge auf der österreichischen Seite hinauf bis zu jener anderen Flucht, als sie auf der Schweizer Seite vor einem wahnsinnig gewordenen Mann einen verschneiten Hang hinunterstolpert, auf eine atemlos zwingende Weise zur tief in die Landschaft eingekerbten Parabel steigert, die wie kaum etwas in den letzten Jahren starke Bilder für das Schweizer Versagen im Zweiten Weltkrieg liefert.

Thomas Röthlisberger: Das Licht hinter den Bergen. Roman. Edition Bücherlese, 277 Seiten.