Die Frankfurter Buchmesse macht eine literarische Reise in den Kaukasus

Gastland der Frankfurter Buchmesse ist dieses Jahr Georgien. Aus diesem Anlass erscheinen etliche Bücher aus und über Georgien. Das kleine Land am Rande Europas hat eine grosse literarische Tradition.

Erika Achermann
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Die Medea-Statue in Batumi. Die georgische Hafenstadt am Schwarzen Meer ist heute ein Reisehotspot für russische Touristen. (Bild: Getty (Batumi, 8. September 2017))

Die Medea-Statue in Batumi. Die georgische Hafenstadt am Schwarzen Meer ist heute ein Reisehotspot für russische Touristen. (Bild: Getty (Batumi, 8. September 2017))

In der georgischen Hafenstadt Batumi schaut Medea von einer Säule aufs Schwarze Meer. Auf dem Freiheitsplatz in Tbilissi hat der Heilige Georg seit einigen Jahren Lenin ersetzt. Georgien, dieses südliche Land am Rand Europas, vom hohen Kaukasus bis an die Schwarzmeerküste reichend, hat eine wechselhafte Geschichte und eine reiche Literatur. Viele Geschichten sind hinreissend, manche sehr fremd, jedenfalls einmalig in Europa, entstanden in einem kleinen Land, in dem Literatur und Sprache – auch die georgische Schrift ist unvergleichlich – eine wichtige Rolle spielt.

So ist etwa der Boulevard in der Hauptstadt Tbilissi nach dem Dichter Schota Rustaweli benannt, der im «goldenen Zeitalter» (dem 12. Jahrhundert, als Königin Tamar herrschte) das abenteuerlich-romantische Heldenepos «Der Recke im Tigerfell» schrieb. Es wird noch immer, auch in den Schulen, gelesen und verstanden, da es bereits die Themen späterer Jahrhunderte umfasst.

Einem anderen «Held unserer Zeit», der 1840 «mit Postpferden aus Tiflis» ritt, hat der russische Dichter Michail Lermontow einen Roman gewidmet. Lew Tolstoi erzählt in «Hadschi Murat» die Geschichte des Widerstands der um Freiheit kämpfenden Völker im Kaukasus. Für die russischen Dichter war der Südkaukasus, in dem die Orangen blühen, ein Sehnsuchtsland wie für Goethe Italien. Von Puschkin bis Andrej Bitow, der in den 1980ern ein sehnsüchtiges «Georgisches Tagebuch» geschrieben hat, reisten sie in den Kaukasus. Sie waren fasziniert vom Charme des Landes.

Lange waren Literatur und Geschichte Georgiens und des Kaukasus von Männern dominiertes Terrain. Heute stechen auch junge Autorinnen heraus.

Medea, von der Antike ins heute

Georgien war das antike Kolchis, in dem Medea aufgewachsen ist, die aus Liebe zum Eroberer Jason ihr Land verrät. In den Gebirgen von Kolchis, das aus der Sicht der Griechen barbarisches Land ist, soll goldgetränktes Wasser fliessen. In «Die Gärten der Dariatschangi» hat Otar Tschiladse (1933–2009) Medea einen Roman gewidmet. Er zeichnet sie als eine zeitgenössische junge Frau und die Erfahrungen eines Volkes, das in seiner Geschichte immer wieder verraten wurde. Auf Verrat und demütigende Eroberung folgten Lähmung und moralischer Niedergang und oft über die Kunst ein neuer Aufschwung.

Orthodoxe, katholische, sunnitische, sephardische Gotteshäuser findet man in der Altstadt von Tbilissi. Bereits 337 wurde das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Byzanz, Perser und Osmanen standen sich im Kaukasus immer wieder feindlich gegenüber. Vor 200 Jahren wurde Georgien dem russischen Reich, 1921 in die Sowjetunion einverleibt und 1991 nach der Perestrojka daraus entlassen. Ein schwieriger Übergang mit Kriegen, die in den Menschen Spuren hinterlassen, wie man sowohl bei Otar Tschiladse in «Awelum» als auch bei Nino Haratischwili in ihrem Roman «Die Katze und der General» lesen kann.

Tschiladses «Awelum» ist ein Epos über die georgische Befindlichkeit in den Neunzigerjahren, als das Land kurz vor einem Bürgerkrieg stand. Er hat den Roman 1989 bis 1993 geschrieben, als auf den Strassen von Tbilissi die Auswirkungen der Perestrojka sichtbar wurden: «Das Imperium wandelt nur seine Gestalt, sein Geist bleibt derselbe», resümiert er bitter. Doch Avelum, sein Name bedeutet ‹vollberechtigter freier Bürger›, wagt das Abenteuer der individuellen Freiheit, kehrt aber nach Aufenthalten in Paris und Berlin immer wieder zur georgischen Familie zurück.

Stolz auf Stalin

Ilja Sdanewitsch, der sich Iliazd nannte, ist hingegen in Paris geblieben, nachdem die georgische und russische Avantgarde bereits 1924 und dann 1937, als Stalin die Macht übernahm, radikal ausgelöscht wurde. Iliazd verkehrte in Kreisen der Surrealisten und Dadaisten. Er verlegte den Schauplatz seines Romans «Verzückung» in die mystisch-surreale, gewaltige Bergwelt Georgiens. Auch in seiner Geschichte um Flachländler und Gebirgler hat sichtlich die Sehnsucht nach Georgien mitgespielt, trotz Erfolgen in Paris.

Nicht zu vergessen, dass Stalin und sein Geheimdienstchef Beria in Georgien geboren und aufgewachsen sind. Nachdem Stalin in Moskau die Macht übernommen hatte, liess er grosse Teile der kommunistischen Elite Georgiens auslöschen. Künstler, Schriftsteller, auch ethnische Minderheiten waren betroffen. Erstaunlich ist, dass es bis heute bei einem Teil der Bevölkerung kein Tabu ist, positiv über Stalin zu sprechen. Liegt es daran, dass im orthodoxen christlichen Glauben über die Toten nichts Schlechtes gesagt werden soll?

Schatten der Vergangenheit

«Vergiss die Moral, Alexander, vergiss sie. Vergiss Dostojewski und vergiss jede Fabel von dem am Ende immer siegreichen Guten. Das ist alles Schrott. So läuft es nicht. Zumindest hier bei uns nicht», schreibt Nino Haratischwili, die im deutschen Sprachraum bekannteste Georgierin. Sie schreibt auf deutsch erfolgreiche Theaterstücke und wortreich über den Alltag des Schweigens.

Ihr neuester Roman «Die Katze und der General» steht auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis. Auf über 760 Seiten schildert sie, was der Krieg aus den Menschen macht und wie sie in der Berliner Emigration leben. Das liest sich teils ergreifend, wunderbar einfühlsame Passagen wechseln jedoch mit ausufernden Schilderungen, in eine geradezu orientalisch anmutende Erzählweise, die übrigens auch bei Tschiladse zu finden ist. Die Katze ist eine Schauspielerin, die nach Berlin ausgewandert ist und der General ein mit Immobilien reich gewordener Russe, dem seine Beteiligung an Verbrechen im Krieg in Tschetschenien, wo muslimische Tradition zum Potenzial des Widerstands gegen das russische Imperium wird, keine Ruhe lässt.

Die dunklen Schatten der Vergangenheit liegen auf einem gewichtigen Teil der Literatur Georgiens. Sie ging aber auch einen faszinierenden Weg vom Epos «Der Recke im Tigerfell» bis zu «Techno der Jaguare», wie ein Erzählband mit Texten von jungen Autorinnen heisst. Georgien ist global geworden.