LITERATUR: Anne-Lise Grobéty – Gefühle zwischen Auflehnung und Ohnmacht

In ihrem Debütroman «Pour mourir en février» erzählte Anne-Lise Grobéty 1970 von der Adoleszenzkrise einer Frau. Jetzt ist er in neuer Übersetzung auf Deutsch erschienen.

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Anne-Lise Grobéty, die 2010 mit 61 Jahren verstorben ist. (Bild: Keystone)

Anne-Lise Grobéty, die 2010 mit 61 Jahren verstorben ist. (Bild: Keystone)

Die 18-jährige Aude fühlt sich gefangen im Korsett ihrer Familie. Der Vater ist Bankangestellter und Sonntags­dichter, die Mutter führt den Haushalt. Wie Aude eines Tages mit Krämpfen im Bauch und kurz vor dem Weinen an der Ampel steht, wird sie von einer Frau angesprochen.

Eine gefährliche Freundin?

Diese führt sie in ein Café, damit sie sich wieder etwas beruhige. Sie reden miteinander, bevor die vielleicht doppelt so alte Gabrielle das kurze Treffen mit der Einladung beendet, Aude möge sie doch einmal in ihrem nahe gelegenen Geschäft für alte Möbel und Bücher besuchen.

Etwas beklommen tut dies Aude zwei Wochen später dann auch und spürt bei Gabrielle schnell wieder die Vertraulichkeit ihrer ersten Begegnung. Sie werden sich fortan häufiger sehen, innig reden, Tee trinken, aufs Land fahren. Die junge Freundschaft wird indes durch väterliche Ermahnungen gestört. Er will von einem angeblich unmoralischen Lebenswandel Gabrielles erfahren haben. Nach langen Wochen ringt sich die unsichere Aude durch, ihre Freundin auf das Gerede anzusprechen. Eine Frage zu viel – Gabrielle bricht umgehend den Kontakt ab.

Frischer Elan

Anne-Lise Grobétys Debüt erregte 1970 Aufsehen, weil sie die Nöte ihrer Heldin mit frecher, frischer Direktheit zur Sprache brachte. Offenkundig kümmerte sich hier eine sehr junge Autorin wenig um Konventionen. Ihr Buch sprüht nur so vor hochfliegendem Ungestüm.

In einem Interview mit der Zeitschrift «Annabelle» gab sie 1971 zu Protokoll, dass sie das Buch während der sechswöchigen Universitätsferien geschrieben habe, als spontane Reaktion auf eine Preisausschreibung. Dieser Elan ist dem Buch gut anzumerken, wie eine weitere Aussage belegt: «Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die über einer Seite leiden, es ist ein Glückszustand – eine Droge.»

Auflehnung und Ohnmacht

Ihre Heldin aber krümmt und duckt sich unter den gesellschaftlichen Tabus, die ihr immer wieder diktiert werden und ihr das freie Atmen rauben. In Ich-Form beschreibt Aude ihre schwankenden Gefühle zwischen Auflehnung und Ohnmacht. Dass sie es mit jugendlicher Inbrunst tut, ist die Stärke dieses Buches.

«Um im Februar zu sterben» brennt von zwei Seiten her. Das Feuer wird einerseits genährt durch die sich vertiefende Freundschaft mit Gabrielle, die Aude vor der bedrohlichen Düsternis rettet. Andererseits brennt sich die glimmende Verzweiflung über den abrupten Bruch vom Ende her durch den Text.

Geister der 1960er-Jahre

Heute neu gelesen, kann der Roman nicht ganz verhehlen, dass in ihm der Geist der 1960er-Jahre weht. Das Ungestüm aber, mit dem hier eine junge Frau von ihrer Unsicherheit und ihren Bedürfnissen nach Geborgenheit erzählt, bleibt noch immer spürbar – auch in der neuen Übersetzung von Andreas Grosz.

Sie sei weder eine Feministin noch eine engagierte Autorin, meinte Gro­béty in dem besagten Interview, das mit den zugehörigen Fotografien dem Band beigefügt ist. Dennoch hat die 2010 im Alter von 61 Jahren allzu früh verstorbene Autorin während vieler Jahre für die SP im Neuenburger Grossrat poli­tisiert.

Beat Mazenauer, SFD

Hinweis

Anne-Lise Grobéty: «Um im Februar zu sterben». Roman. Aus dem Franz. von Andreas Grosz. Verlag Pudelundpinscher, 164 Seiten, ca. Fr. 31.–.