LITERATUR: «Araber schreiben keine Kriminalromane»

Der syrisch- deutsche Autor Rafik Schami erklärte im ausverkauften Bourbaki-Kinosaal, warum Kriminalromane in der arabischen Welt nicht funktionieren.

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Der syrisch-deutsche Autor Rafik Schami signiert vor der Lesung im Bourbaki in Luzern Bücher. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Der syrisch-deutsche Autor Rafik Schami signiert vor der Lesung im Bourbaki in Luzern Bücher. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Ein Autor wie Rafik Schami braucht keinen Moderator als Eisbrecher an seiner Seite. Mit seinen Lesern wird der 69-Jährige selbst warm. Lesungen sind für ihn keine Bringschuld; sie sind der lebendige Kern seiner Arbeit. Schon als kleiner Junge beobachtete er in den Kaffeehäusern seiner syrischen Geburtsstadt Damaskus fasziniert, wie die Geschichtenerzähler ihre Erzählteppiche knüpften. Auch wenn er heute im Herzen Europas schwere Schmöker schreibt, bedeutet ihm die mündliche Erzähltradition des Orients immer noch viel.

An der ausverkauften einstündigen Lesung im Luzerner Bourbaki erlebte man einen Gastgeber, der private Anek­doten und Romanpassagen in freier Rede locker miteinander verknüpfte. Stuhl und Tisch blieben Staffage. Schami flirtete heftig mit seinem weiblichen Publikum («ohne Frauen wäre die Belletristik tot») und erklärte das kaputte System in seinem kriegsgebeutelten Geburtsland anekdotisch verständlich. So viel Sinnlichkeit sucht man bei europäischen Gegenwartsautoren vergeblich.

Seit 1970 im Exil

Eigentlich heisst der Sohn aramäischer Christen Suheil Fadél. Sein Pseudonym bedeutet «Freund der Damaszener». Mit Damaskus, das er seit 45 Jahren nicht mehr gesehen hat, führt er eine innige Fernbeziehung. Wie es wirklich steht um sein Land, erfährt er von heimgekehrten syrischen Exilanten. Anonym. Denn das Land besitzt 16 Geheimdienste. «Einen für Israel, 15 für die Menschen im eigenen Land», so Schami. 1970 verliess er Syrien, um Militärdienst und Schreibzensur zu entfliehen, Richtung Deutschland.

Neben Liebesgeschichten, die religiöse Vorurteile sprengen, und Geschichten über Gastarbeiter in Deutschland gehören zu seinem OEuvre Übersetzungen syrischer Märchen, Kinderbücher und Geschichten über das Leben zwischen Orient und Okzident. Daneben hat er auch Essaysammlungen herausgegeben, etwa über den Israel-Palästina-Konflikt.

Im Bourbaki las er aus seinem aktuellen Roman «Sophia oder Der Anfang aller Geschichten». Darin hat er seine seit Jahrzehnten schlummernde Sehnsucht nach Rückkehr eine literarische Wahrheit werden lassen: Nach vierzig Jahren Exil kehrt sein Alter Ego nach Syrien zurück – mit allen dramatischen Konsequenzen, vor denen Schami bis heute die Angst schützt. Als ihm das Assad-Regime vor Jahren Amnestie anbot, lehnte er ab. «Wer einmal die Freiheit genossen hat, der will nicht mehr zurück», sagt er.

Bildung entlässt aus Haft der Sippe

Gerade hat er sich an der Frankfurter Buchmesse über die Uneinigkeit der Europäer in der Flüchtlingskrise echauffiert: «Es ist ein Bild des Chaos», sagte er. «Der eine macht Stacheldraht, der nächste öffnet die Grenzen.» In Luzern sagte er: «Seit Jahren rufe ich den Westen auf, den Flüchtlingen vor Ort zu helfen.» Mit Freunden hat er Schulen gegründet. Nur Bildung könne die Menschen aus der Haft der Sippe entlassen, die er als Grundübel der arabischen Gesellschaften betrachtet. Die unbedingte Loyalität zur Sippe mache unfrei.

«Deshalb schreiben Araber auch keine Kriminalromane. Die Vorstellung, man könne Angehörige einer mächtigen Sippe verhören, ohne danach getötet zu werden, nimmt Ihnen kein Leser ab.»

Julia Stephan

Hinweis

Rafik Schami: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten. Hanser, 480 Seiten, Fr. 35.90.