LITERATUR: Auf der Reise ins Dritte Reich wurde Meinrad Inglin krank

Ein Buch sammelt neue Studien zum Schwyzer Schriftsteller Meinrad Inglin (1893–1971): aktuelle Blicke auf ein vielschichtiges Werk.

Urs Bugmann
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Ein Autor zwischen Zeitgeschichte, Natur und Gesellschaft: Meinrad Inglin (Aufnahme um 1940). (Bild: PD)

Ein Autor zwischen Zeitgeschichte, Natur und Gesellschaft: Meinrad Inglin (Aufnahme um 1940). (Bild: PD)

Im Vorwort der von ihnen herausgegebenen Studien zum Schwyzer Schriftsteller Meinrad Inglin schreiben Christian von Zimmermann und Daniel Annen: «Zwischen dem fünfzehn Jahre älteren literarischen Flaneur Robert Walser (1878–1956), dessen Modernität erst in der zweiten Hälfte seines Jahrhunderts entdeckt wurde, und dem achtzehn Jahre jüngeren literarischen Moralisten Max Frisch (1911–1991), der Inglin nicht zuletzt aus dem Schulkanon verdrängt hat, ist Inglin vielleicht die ‹schweizerischste› Erscheinung in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts: Sein Werk repräsentiert wie kein anderes die inneren Spannungen und Entwicklungen der Schweiz thematisch und ästhetisch (allerdings in der Wahl einer zunehmend klassizistischen Stilidealen verpflichteten Hochsprache nicht auch sprachlich).»

In seinem grossen Roman «Schweizerspiegel» von 1938 hat sich Inglin explizit mit der Schweiz auseinandergesetzt: In dem breit angelegten Familienroman, der in der Zeit des Ersten Weltkriegs spielt, sind Zeitgeschichte und Politik das Thema, werden die Grundfragen nach der Aufgabe des Staatswesens, den Ansichten seiner Bürger und der Rolle des Militärs erörtert. Im Zentrum des Zeit- und Gesellschaftsromans steht eine Gruppe junger Menschen, die erwachsenen Söhne und Töchter alteingesessener Familien.

«Kriegsromane ohne Krieg»

Die Antworten, nach denen sie suchen, sind bestimmt von der Krisenzeit, in der sie leben. Nina Ehrlich vergleicht in ihrem Beitrag zum vorliegenden Band Inglins «Schweizerspiegel» mit einem anderen Zeitroman aus einem andern Land, das nicht selber im Krieg stand: mit «Jacob Paludans» des Dänen Jørgen Stein – und stellt fest, «wie ähnlich diese beiden Generations- und ‹Kriegsromane ohne Krieg› sind; zwei Texte, die den Krieg in seinen politischen, zeithistorischen, öffentlichen und privaten Folgen und Bedeutungen zu fassen versuchen».

Der Band «Kurz nach Mittag aber lag der See noch glatt und friedlich da» sammelt die Beiträge der im Herbst 2011 in Schwyz veranstalteten Inglin-Tagung. Mehrmals wird das Spannungsfeld Natur–Mensch angesprochen: Beatrice von Matt schreibt über den «Erzähler zwischen Wildnis und Menschengesellschaft», Christa Baumberger über «Vagabundentum und Zivilisationskritik» in Inglins Roman «Wendel von Euw» (1925) und Peter Utz über «Die Lawine – eine positive Katastrophe».

Daniel Annen sucht nach den «Spuren einer theologischen Ästhetik bei Meinrad Inglin», und Dominik Müller befasst sich mit dem «Wechselverhältnis von Tourismus und Literatur» in Inglins «Werner Amberg».

Meinrad Inglins Werk erweist sich in diesen Beiträgen als ergiebiger Forschungsgegenstand: Die Antworten, die der Schwyzer Autor in seine Romane und Erzählungen einschrieb, sind selten von platter Eindeutigkeit und zeigen oft den Frager selbst in spannungsvoller Auseinandersetzung und differenzierter, sogar wechselnder Einstellung.

Mit Kurierpaket unterwegs

Ein besonders interessantes Kapitel steuert Oliver Lubrich zu dem Band bei: In «Pneumo-Prosa. Nationalsozialismus als helvetische Krankheit» leuchtet er Meinrad Inglins Reise von 1940 nach Deutschland ins Dritte Reich aus. Inglin soll ein Kurierpaket nach Berlin bringen, besucht seinen Verleger in Leipzig und absolviert Lesungen in Leipzig und Hamburg. Er wird krank und muss seine Reise abbrechen. Über seinen Aufenthalt und seine Beobachtungen hat er nachträglich Bericht erstattet – und in seine Aufzeichnungen die eigene Krankheit mit eingearbeitet.

Der Band mit neuen Studien zu Inglin vertieft bereits bekannte Aspekte, entdeckt aber auch bislang Verborgenes.

Hinweis

«Kurz nach Mittag aber lag der See noch glatt und friedlich da». Neue Studien zu Meinrad Inglin. Herausgegeben von Christian von Zimmermann und Daniel Annen. Chronos Verlag, Zürich. 272 Seiten, Fr. 54.–.