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LITERATUR: Auf der Suche nach Gottfried Keller

Gestorben vor 125 Jahren, scheint der grosse Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller toter denn je. Ein literarischer Kriminalfall.
Gottfried Keller (1819–1890) gilt als Schweizer Klassiker, doch liest ihn heute kaum jemand mehr. Zu Unrecht. (Bild: Keystone)

Gottfried Keller (1819–1890) gilt als Schweizer Klassiker, doch liest ihn heute kaum jemand mehr. Zu Unrecht. (Bild: Keystone)

Anna Kardos

Tatzeit: heute. Tatort: Bern, Basel, Zürich, Zug, Luzern ... Opfer: männlich, klein von Statur, mit auffallend grossem Kopf, Nickelbrille, Bart. Beruf: Schriftsteller. Name: Keller, Gottfried. Todeszeitpunkt: vor exakt 125 Jahren. Zeugenaussagen: Sämtliche Zeugen geben an, den Toten zu wenig gekannt zu haben.

«Der mit der schwarzen Spinne?»

Eine Passantin, Mitte zwanzig, joggt vorbei, bleibt stehen und fragt: «Wer ist das?» Die diensthabende Kommissarin: «Gottfried Keller.» Passantin: «Ach! Der mit der schwarzen Spinne? Oder war das Gotthelf? Jedenfalls habe ich einmal den Film gesehen.» Die Kommissarin (ihre Überraschung schlecht verbergend): «Beim Toten handelt es sich um einen der grössten Schweizer Autoren.» Passantin: «Wie gesagt: Ich kann mich nicht mehr erinnern.»

Tatsächlich ist es eine ganze Weile her, seit Gottfried Keller lebte. Nur altbacken, das war er schon damals nicht. Geboren am 19. Juli 1819, wuchs er seit seinem fünften Lebensjahr als Halbwaise auf. Und schon schien sein junges Leben in Schieflage schiefer noch als die Türrahmen der mittelalterlichen Häuser im Zürcher Niederdorf, in denen er seine Kindheit verlebte. Mit den strengen Lehrern standeraufKriegsfuss– und ab 15 auf gar keinem Fuss mehr, weil er der Schule verwiesen wurde. Mitten im Biedermeier lebte er, doch war er alles andere als bieder. Mit zwanzig wanderte er nach München, um dort Landschaftsmaler zu werden. Doch diese Welt zu erobern, gelang ihm nicht.

Shootingstar und Beizenrowdy

Stattdessen entdeckte Keller seine literarische Begabung. 1854 machte ihn der autobiografische Roman «Der grüne Heinrich» über Nacht zum Star. Da trug der 35-Jährige längst einen Vollbart und war damit modetechnisch auf der Höhe seiner Zeit, in der es galt, mit 30 auszusehen wie 60. Bei seinem Tod am 15. Juli 1890 war er der erfolgreichste Schweizer Schriftsteller des Jahrhunderts.

125 Jahre später scheint alles anders. Heute gibt die Generation U30 an, nichts von Keller gelesen zu haben. Während die über 50-Jährigen durchaus literarisch «unterkellert» sind, sich für den Autor begeistern und gleich noch eine Anek­dote nachschicken: Weshalb war Kellers Spazierstock so krumm? «Damit er sich in die Tramschiene einhaken konnte und nach ausgiebigen Gelagen nach Hause fand.» Auch dass er bei Uneinigkeiten gern mit den Fäusten auf den anderen einhieb, ist ein offenes Geheimnis. Keller als waschechter Beizenrowdy?

Den heute 30- bis 40-Jährigen fällt zu diesem Autor eher «Schulunterricht» oder «Deutschstunde» ein. Keller als trockene Schulkost ob es an seinen Motiven liegt? Kleinstädte, Handwerker, bürgerliche Liebeleien? Vertritt der grosse Schweizer Autor des 19. Jahrhunderts ein Bild der Schweiz, das zwischen Heidi-Romantik und Martin-Suter-­Coolness durch die Maschen fällt?

Die Spur führt in die nächstgelegene Buchhandlung. Wo, wenn nicht dort, kennt man die Wahrheit im Fall Gottfried Keller? Tatsächlich finden sich im gehobenen Sortiment des Badener Libriums ein Grossteil von Kellers Prosawerk als Reclam-Hefte sowie seine einzigen Romane «Martin Salander» und «Der grüne Heinrich» in leinengebundener Ausgabe. Hier ist Keller noch lebendig. Oder doch nicht? «Er ist ein Klassiker, den man einfach im Sortiment haben muss», erklärt der Buchhändler: «Gekauft wird er kaum.» Bei der populären Buchhandlung Thalia sieht es noch magerer aus: eine Taschenbuchausgabe von «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» und eine von «Romeo und Julia» fristen hier ihr einsames Dasein. «Der Autor wird nicht mehr nachgefragt», erzählt die Buchhändlerin. «Sogar in den Schulen wird er nicht mehr gelesen.»

Kann es sein, dass Keller statt der berühmten Leiche im Keller langsam zur Literaturleiche namens Keller wird? Ist er heute toter denn je?

Licht ins Dunkel bringen können in der Frage Gottfried Kellers geistige Nachfahren, die heutigen Literaten der Schweiz. Doch selbst unter ihnen bekunden die meisten, «viel, aber schon sehr lange nichts mehr von Keller» gelesen zu haben. Oder aber sie bekennen unverhohlen: «Nun, Keller ist nicht so meine Quelle des Geistes helle ...»

Hinter der Fassade steckt das Heute

Die Indizienlage wird also dünn und dünner im Fall Keller. Hat sich dessen Literatur tatsächlich überlebt? Die letzte Spur führt an den ursprünglichsten aller Tatorte, ins literarische Städtchen Seldwyla. Da läuft Keller selber voraus, in «Kleider machen Leute»: «An einem unerfreulichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstrasse nach Goldach.»

Also wandert man ein Stück mit. Klar, die «Plätzchen» und «Häuschen» aus der Feder eines gestandenen Mannes erscheinen erst mal altmodisch. Man muss sich an den Klang der vergangenen Schweiz gewöhnen. Doch bald schon hört man, was hinter der Sprachfassade steht über Hetzreden und Herzensdinge, über Selbstverwirklichung und skrupellose Banker. Und erblickt voll Erstaunen das Spiegelbild – von Bern, Basel, Zürich, Zug, Luzern ... Von der Schweiz, heute.

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