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LITERATUR: Auf Tauchgang mit Franzen

Jonathan Franzen erzählt in seinem neuen Buch «Unschuld» Geschichten über Liebe, Flucht, Moral und Internet. Und versteigt sich zu einem gewagten Vergleich.
Man staunt immer wieder, wie virtuos Jonathan Franzen seine Geschichten zusammenführt. (Bild: Getty/Ulf Andersen)

Man staunt immer wieder, wie virtuos Jonathan Franzen seine Geschichten zusammenführt. (Bild: Getty/Ulf Andersen)

Michael Graber

Pips Leben läuft grad nicht sonderlich spitze: Sie hat Studienschulden, eine, gelinde gesagt, merkwürdige Mutter, ihren Vater kennt sie nicht und am Telefon verkauft sie Dinge, die es gar nicht gibt. Und jetzt sitzt sie in der Küche eines besetzten Hauses und beantwortet einen komischen Fragebogen von einem noch komischeren deutschen Paar – dabei wollte sie doch nur rasch nach unten, um Kondome zu holen, um endlich mit ihrem Flirt zu schlafen.

Pip heisst auch gar nicht Pip. Ihr richtiger Name ist Purity – zu Deutsch Reinheit –, doch diesen hasst sie. Auf Englisch ist «Purity» auch der Titel von Jonathan Franzens neuem Buch, für den deutschsprachigen Raum hat man komischerweise «Unschuld» vorgezogen. Denn dieses Streben nach Reinheit ist eines der Leitmotive, die sich durch die 830 Seiten ziehen. Aber wie immer bei Franzen reicht ein Leitmotiv sowieso nicht aus. Da sind auch noch Flucht, Identität und sehr viel Internet.

Über drei Kontinente

Richtig gelesen: Internet. Irgendwann versteigt sich Franzen gar zu Vergleichen zwischen der aktuellen Internetüberwachung und der Stasi in der DDR. Eine der prägenden Figuren dieses Buches, Andreas Wolf, bringt diese beiden Stränge zusammen. Wolf wird beim Zusammenbruch der DDR eher zufällig (und eigentlich von gänzlich anderen Motiven geleitet) zu einer der Symbolfiguren im Kampf um die Aufklärung der Stasi-Akten. Mittlerweile sitzt Wolf im bolivianischen Dschungel und betreibt eine Enthüllungsplattform im Stil von Wikileaks.

Bei Wolf im bolivianischen Dschungel landet auch Pip. Sie verspricht sich von der Begegnung Hilfe bei der Suche nach ihrem Vater, Wolf dagegen die grosse Liebe. Beides geht nicht – das Scheitern ist auch eines der Leitmotive in diesem hochmoralischen Buch.

Franzen braucht wieder die grosse Klaviatur. Über drei Kontinente und insgesamt fünfzig Jahre erstreckt sich die Geschichte. Dass es – beim amerikanischen Autor eigentlich wenig verwunderlich – im Kern um die Familie geht, merkt man erst spät. Vorher staunt man, wie virtuos er die einzelnen Fäden zusammenwebt – die meisten Figuren sind an dieser Stelle noch nicht einmal erwähnt. Franzen gelingt es, mit zwei, drei Worten zu einer logischen Einheit zu formen, was praktisch unmöglich zusammenzupassen scheint – sogar den holprigen Stasi-Web-Vergleich vergibt man ihm darob gerne.

Etwas Selbstironie

Die Leichtigkeit, mit der Jonathan Franzen viele aktuelle Themen anspricht, macht den Reiz von «Unschuld» aus. Im ersten Teil ist das Buch sogar richtig komisch, das Leben von Pip wird so bitterböse als ausweglos beschrieben, dass man mehrfach laut lachen muss. Dass der Autor dabei mitunter ausufert und gewisse Bögen deutlich überspannt, ist nicht wirklich gravierend. Franzen ist ein sprachlich feiner Erzähler, der den Leser langsam in grosse Welten eintauchen lässt und diesen gar nicht merken lässt, wie tief der Tauchgang schon geht.

Gender-Fragen werden ebenso thematisiert wie Veganismus und das Hadern der Oberschicht. Er lässt dabei mitt­lerweile sogar Selbstironie durchblicken (Franzen war sonst oft Arroganz unterstellt worden). Ein grummeliger Literaturprofessor arbeitet in «Unschuld» an seinem grossem Roman und verfällt dabei zunehmend dem Alkoholismus. Als das Werk dann erscheint, wird es von der Kritik verrissen. «Aufgebläht und äusserst unangenehm» sei es.

Ins Herz schliessen

Auf Franzen selber trifft diese Kritik nicht, oder zumindest nur teilweise, zu. Unangenehm ist «Unschuld» in keiner Sekunde, aufgebläht vielleicht dann und wann (gibt es ein Buch mit über 800 Seiten, das dies nie ist?). Etwas nervig sind vereinzelte technische Exkurse und der stete Sex (so wird etwa Andreas Wolf vom krankhaften Masturbierer zum krankhaften Frauenhelden).

Wie er die Figuren aber zeichnet und entwickelt, ist schlicht grossartig. Pip und Andreas Wolf kommen einem schnell vor wie alte Bekannte, und man schliesst sie bei allen ihren ureigenen Fehlern ins Herz. Und vor allem: Wie Franzen den Roman beendet, ist bezaubernd. Da hat er die moderne Familie in ihre Einzelteile zerlegt, um dann locker mit drei Sätzen kübelweise Hoffnung auszuschütten.

Jonathan Franzen: Unschuld, Rowohlt-Verlag, 832 Seiten, Fr. 38.90.

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