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LITERATUR: Aufgespannt im Damen-Dreieck

Im vierten Teil seines Biografieprojekts «Alle Toten fliegen hoch» ist Joachim Meyerhoff erst geschwätzig und arrogant, dann findet er doch noch zum ihm eigenen Ton.
Valeria Heintges

Es gibt diese «entpanzerten ­Momente». Momente, in denen ­Joachim Meyerhoff seine Selbstverliebtheit verliert, seine Geschwätzigkeit ablegt – und mit ein, zwei pointierten Sätzen zum angsterfüllten Kern seines Lebens stösst. Am Anfang sind sie selten, auf den ersten 120 Seiten möchte man das Buch «Die Zweisamkeit der Einzelgänger» zuweilen an die Wand schmeissen mit seiner Plauderei, seinem aufgeblasenen Ton, seinem Zuviel an Bedeutung, an Metaphern, an Unwichtig­keiten. Dann aber kommen sie, diese entpanzerten Momente, in denen der heute so berühmte Schauspieler und der so gefeierte Schriftsteller wieder ganz bei sich ist.

Zwischen Verzweiflung und Komik

Die ersten drei Teile von Meyerhoffs Biografieprojekt «Alle Toten fliegen hoch» wurden Bestseller: «Amerika» über ein Austauschjahr in den USA, «Wann wird es endlich wieder so wie es nie war» über die Jugend auf dem Psychiatriegelände und «Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke» über seine Zeit an der Schauspielschule und bei den Grosseltern. Auch wenn es Leser dieser Bücher – und des neuen Bandes – nicht glauben können: Meyerhoff ist einer der gefeiertsten Schauspieler im deutschsprachigen Raum.

Fünfmal gewann er den Nestroy-Preis als Bester Schauspieler Österreichs, zweimal wählten ihn die Kritiker der Fachzeitschrift «Theater heute» zum Schauspieler des Jahres. Zuletzt in diesem Jahr für die Solodarstellung des Romans «Die Welt im Rücken», in dem der Autor Thomas Melle seine bipolare Störung aufarbeitet. Sehr fremd – diese These sei gewagt – ist diese Krankheit ­Meyerhoff nicht. Er beschreibt die Schauspielerei als «auf Ängsten beruhenden Beruf» und auch in seinem Schreiben wechseln sich Phasen höchster Verzweiflung mit denen brüllendster Komik ab.

In «Die Zweisamkeit der ­Einzelgänger» ist Meyerhoff weit von seinen aktuellen Bühnenerfolgen entfernt. Beim Sprechen von Celans «Todesfuge», einem der tragischsten Texte deutscher Sprache, bekommt er einen Lachanfall, im Musical «Anatevka» werden seine Lieder in Sprechtexte umgeändert, weil er überhaupt nicht singen kann. Seine Engagements zuerst in Bielefeld, dann in Dortmund entmutigen ihn auf der ganzen Linie, detailliert beschreibt er die Unfähigkeit der Kollegen. Eine schwer erträgliche Arroganz des Superdarstellers breitet sich da aus, der heute sowohl am Wiener Burgtheater als auch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg angestellt ist.

Mit den Frauen kommt der geliebte Sound

Nein, sympathisch ist Meyerhoff in «Die Zweisamkeit der Einzelgänger» nicht. Weder beruflich, noch privat: Da teilt er sich auf zwischen drei Frauen, der obergescheiten, aber hyperkomplizierten Studentin Hanna, der ­rassigen Tänzerin Franka und der grossherzigen Bäckerin Ilse, denn nur zwischen Puddingbrezeln und Schwarzbrot findet er Ruhe. Eingeklemmt zwischen Lügen­gebäuden, aufgeputscht mit ­Koffeintabletten und ausgehungert nach drei Jahren Enthaltsamkeit bei den Grosseltern lebt er mehrere Leben – eines in langen, verkopften Reden über Literatur und Philosophie mit Hanna, eines in ausschweifenden Nächten voller Alkohol und Sex mit Franka. Je mehr er sich im Damen-Dreieck aufspannt, umso mehr verlässt Meyerhoff die Banalitäten und dringt zum Erzählenswerten vor. Immer deutlicher ist er dann zu hören, der traurig-komische Meyerhoff-Sound, den seine Leser so lieben.

Valeria Heintges

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