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LITERATUR: Aufrechter Gang, trotz allem

In ihrem Roman «Ein Mann, der fällt» erzählt die deutsche Autorin Ulrike Edschmid die Geschichte eines Paares, das sein Leben nach einem Schicksalsschlag neu ordnen muss.
Bernadette Conrad
Ulrike Edschmid (Bild: Ullstein)

Ulrike Edschmid (Bild: Ullstein)

Ein Paar, eng verbunden, zieht in die erste gemeinsame Wohnung. Diese muss von Grund auf renoviert werden; eine Aufgabe, der sich beide mit Elan stellen. An einem Sommertag im Jahr 1986 geht die Frau auf eine Dienstreise, der Mann renoviert weiter; steht auf der obersten Stufe der Leiter – und stürzt. Ein katastrophales Ereignis, das den Lebensgefährten betrifft, verändert auch den Gang des eigenen Lebens komplett: Davon erzählt die deutsche Schriftstellerin Ulrike Edschmid im autobiografischen Roman «Ein Mann, der fällt».

«Querschnittslähmung ab dem sechsten Halswirbel, inkomplett.» In jener knappen Sprache, in der die Autorin die persönliche Lebenskatastrophe oft nur andeutet, benennt sie auch das Hoffnungswörtchen: «inkomplett». Dass es noch intakte Nervenbahnen gibt, bahnt den Weg für etwas, was die Ärzte ein Wunder nennen: Der Verletzte verweigert es konsequent, sich einen Rollstuhl anpassen zu lassen. Die Frau bringt ihn in die Reha, wo er es schaffen wird, die schmerzenden, zitternden, sich selbstständig machenden Beine zu einem tastenden Gehen mit Stock zu bringen – der gestürzte Mann ist trotz allem ein gehender Mann.

Wache Zeitgenossen trotz radikaler Lebenswende

Die Frau kehrt in die Wohnung zurück – und renoviert: «Nur im Notfall hole ich mir Hilfe, arbeite allein vor mich hin, schaffe weg, was im Weg steht, ohne mich dabei zu verlieren auf dem schmalen Pfad zwischen seinem und meinem Leben. Ich möchte wenig reden, keine Ratschläge bekommen und keine Prognosen abgeben, nichts erklären und keine Auskünfte erteilen über einen Menschen, der sich fern von mir in einer Betonburg am Meer unter anderen verletzten Menschen seinem Schicksal gegenübersieht.»

Der Mann kehrt zurück in seinen Beruf als Stadtentwickler, sie setzt ihre Arbeit fort. Trotz der radikalen Lebenswende bleiben sie wache Zeitgenossen, wache Nachbarn: Da sind die griechisch-orthodoxen Gottesdienste im Erdgeschoss des Westberliner Hauses, eine koreanische Suppenküche im vierten Stock, eine spanische Kneipe unten. Als vor dem Fenster ein alter Mann in ein Taxi rennt und stirbt, greift der gestürzte Mann seinen Stock und geht, um dem Taxifahrer beizustehen. Der gestürzte Mann ist ein überaus aufrechter Mann – auch davon handelt das Buch.

Dann fällt die Berliner Mauer. «Im Frühling tut er etwas, worauf er sich innerlich lange vorbereitet hat, um es nicht als Rückschritt zu empfinden. Er nimmt einen zweiten Stock zu Hilfe und macht sich auf den Weg in unbekanntes Terrain. Um Berlin herum zieht sich menschenleeres Gelände. Verlassene Kasernen der Grenzsoldaten. Aufgebrochene Türen, zerschlagene Fensterscheiben. Graffiti in den Fluren. Im Brachland liegt herum, was von einer solchen Grenze übrig bleibt.»

Ihrer beider Leben ist «unbekanntes Terrain» geworden, auf dem sie beide neu gehen lernen müssen. Beeindruckend ist, dass Edschmid dieses Buch 30 Jahre nach dem Unfall geschrieben – oder zumindest publiziert – hat: Dadurch belegt es die Würde dieses weiten Weges, auf dem zwei einerseits mutig dem Schicksal getrotzt und zugleich, nicht minder mutig, sich der Dimension des «nie mehr» gestellt haben: nie mehr tanzen, nie mehr rennen, sich nie mehr dem anderen in die Arme werfen können.

Bernadette Conrad

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt. Suhrkamp, 188 S., Fr. 29.–

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