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LITERATUR: Barbara Geiser erzählt, wie eine Frau von der Biografie ihrer Grossmutter geprägt wird

Barbara Geisers Debütroman «Wenn du gefragt hättest, Lotta» ist ein stimmiger Generationenroman über die verspätete Selbsterkundung einer Cellistin. Musik bedeutet darin Geborgenheit, aber auch Gefängnis.
Julia Stephan
Barbara Geiser hat ihren ersten Roman im Luzerner Verlag Edition Bücherlese publiziert. (Bild: PD)

Barbara Geiser hat ihren ersten Roman im Luzerner Verlag Edition Bücherlese publiziert. (Bild: PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Lotta ist der Typ Frau, der aus der Bar geht, wenn es verspricht, spannend zu werden. Ein Privatleben kennt sie nicht. Nähe erträgt sie keine. Dafür hat sie mit ihrem Cello eine umso innigere Liaison. Denn bislang hat sie sich kaum für etwas anderes interessiert als Musik. Ein Interesse, das ihr Leben bislang zuverlässig durchgetaktet hat.

Bis zum Tag X. Als ihre Grossmutter Luise, die ihr neben dem Cello am nächsten stand, stirbt. Lottas strukturiertes Leben gerät aus dem Takt. Dass Grossmutter und Enkelin bis auf die Schnittmenge Musik wenig miteinander geteilt hatten, das erkennt Lotta erst auf Luises Beerdigung in ihrem Geburtsort Gletschen.

Eine Grossmutter ohne Geschichte

Luise soll dort vor Jahrzehnten spurlos verschwunden sein. Was ist mit dieser Grossmutter passiert, die Lotta nie mit Erinnerungen garnierte Enkelgeschichten erzählt hat? Wie hat sie gelebt? Wen hat sie geliebt?

Die in Zürich lebende Barbara Geiser (47), langjährige Konzertorganisatorin, Verlagsfrau, Lektorin, Historikerin und Musikwissenschafterin mit klassischer Gesangsausbildung, hat in ihrem Erstling «Wenn du gefragt hättest, Lotta» die Stärken ihrer berufliche Polyvalenz – ein Bewusstsein für historische Quellen, Konzertroutine und ein Gespür für den Aufbau von Texten – zu einem klug konstruierten Generationenroman zusammengeführt. Die Grossmutter ohne Geschichte wird Ausgangspunkt für Lottas Selbsterkundung, in die Geiser immer wieder historische Rückblenden auf Luises Kindheit und Jugend in den 1910er- und 1930er-Jahren einschiebt.

Mit der Recherche der gemeinsamen Familiengeschichte befreit sich Lotta nach und nach aus dem sicherheitgebenden Musikkorsett, in das sich die junge Frau nach dem spurlosen Verschwinden ihres Vaters gezwängt hatte. Lotta gesteht sich ein, dass das Gedankenkarussell, das im Roman zeitweise syntaxbefreit ohne Punkt und Komma in ihrem Kopf dreht, im Grunde Glaubenssätze ihrer Grossmutter sind, die für ihr Leben zu Leitsätzen geworden sind und hinter denen sich eine ähnlich schmerzvolle Verlust- und Ausgrenzungserfahrung verbirgt, wie sie Lotta mit ihrem Vater einst erlitten hatte. Der war in ihrer Jugend von einer Dienstreise aus Chile nie zurückgekehrt.

Nach und nach zerrt Lotta diese Erfahrungen ans Tageslicht und konfrontiert sich mit Fragen, die ihre Grossmutter ein Leben lang vermieden hatte. Luise, eine Musikliebhaberin, hatte Robert Schumanns weltliches Oratorium „Das Paradies und die Peri“ nie zu Ende gehört. Die Geschichte vom Versuch einer Elfe, ins Paradies zurückzukehren, das ihr aufgrund ihrer Herkunft verwehrt blieb, muss sie zu sehr an die Ächtung erinnert haben, die sie in ihrer Jugend erfahren musste.

Traumatische Erfahrungen werden «vererbt»

Barbara Geiser gelingt ein glaubwürdiges Anschauungsbeispiel für das, was Sigmund Freud (1856–1939) «Gefühlserbschaft» genannt hat. Die Idee von der Weitergabe traumatischer Erfahrungen an die darauffolgende Generation durchdringt diesen Roman. Dass diese Aufarbeitung nie langweilt, liegt auch daran, dass Geiser in den historischen Rückblenden und Gegenwartsmomenten die Zeit nicht anhält – ein Auf-der-Stelle-Treten wäre angesichts der verhandelten Themen wie Trauer und Selbsterkundung naheliegend –, sondern die Narration konzis vorantreibt.

So beginnt die bislang angepasste Orchestermusikerin Lotta in ihrer Trauerarbeit nachvollziehbar gegen die im Orchester vordirigierte Emotionalität aufzubegehren und ihre eigene zu ergründen. Am Ende hat Lotta neue Autonomie erlangt und über die Spiegelung mit Biografien ihrer Vorfahren neue Facetten ihrer Persönlichkeit kennen gelernt.

Und die Grossmutter? Die bleibt ein Rätsel bis zur letzten Seite. Hielt sie liebevoll ihrer Enkelin den Rücken für die Musikerinnenkarriere frei? War sie die Mutter, deren Kinder keine Mutterliebe abkriegten? Oder doch die toughe Geschäftsfrau, die das Druckereiunternehmen ihres früh verstorbenen Mannes in eine Zukunft führte? Der Roman präsentiert uns lediglich «Bilder aus Lottas Kopf, nicht aus Luises Leben». Denen darf der Leser trauen. Oder auch nicht.

Hinweis

Barbara Geiser: Wenn du gefragt hättest, Lotta. Edition Bücherlese, 340 S., Fr. 31.90.

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