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LITERATUR: Buchpreis ist in Frauenhänden

Weiblich, literarisch, jung: So sieht die Kandidatenliste für den Schweizer Buchpreis 2015 aus. Zum ersten Mal sind vier der fünf Finalisten Frauen.
Die vier Kandidatinnen und der Kandidat für den Schweizer Buchpreis 2015: Ruth Schweikert... (Bild: Key/PD)

Die vier Kandidatinnen und der Kandidat für den Schweizer Buchpreis 2015: Ruth Schweikert... (Bild: Key/PD)

Anna Kardos

Es ist das Jahr der Frau. Nein, nicht im chinesischen Horoskop, auch nicht im feministischen Kalender, sondern in der Schweizer Literatur. Die fünf Finalisten des Schweizer Buchpreises 2015 stehen seit gestern fest – vier davon sind weiblich. Das gab es noch nie. Und fast nimmt sich neben Monique Schwitter, Ruth Schweikert, Meral Kureyshi und Dana Grigorcea der arrivierte Autor Martin R. Dean als Quotenmann aus.

Was Schweizer Literatinnen angeht, gilt dieses Jahr: stark, stärker am stärksten. Wie sehr sie die Literaturszene umkrempeln, zeichnete sich ab, als am Bachmann-Preis die drei angetretenen Schweizerinnen Nora Gomringer, Dana Grigorcea und Monique Schwitter bei der Jury für Furore, ihre zwei männlichen Kollegen lediglich für wohlwollendes Lächeln sorgten. Seither reichten die deutschsprachigen Medien Schweizer Literatinnen herum, und nun ist auch noch das Buchpreis-Finale fest in Frauenhand.

Nah am Leben

Doch was ist so gut an den hiesigen Autorinnen? Die Jury-Sprecherin des Buchpreises, Corina Caduff, meint: Sie «bringen aktuelle gesellschaftliche Problemlagen – die eigene Erfahrung des anderen, Internationalität und Erinnerung – eindringlich zur Sprache». Vielleicht könnte man es auch so sehen, dass die aktuellen Autorinnen immer weniger grossen Idealen – und immer stärker der eigenen Erzählstimme vertrauen. Statt an literaturtechnische Höhenflüge hält sich ihre Literatur ans Leben und ist dennoch aussergewöhnlich erzählt.

Bei Dana Grigorcea und Meral Kureyshi hat die eigene Biografie ihren Teil dazu beigetragen: Beide sind als Kind in die Schweiz emigriert. Von der alten Heimat erzählt Grigorcea in «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» mit einer Wucht a la Emir Kusturica. Es ist ein Rumänien, wo der Nachbar eines Morgens statt mit dem Kopf aus dem Fenster mit den Füssen aus der Mülltonne rausschaut und der Sex zum Abc des Alltags gehört.

Poetisch wie im Märchen

Meral Kureyshis ehemalige Heimat zeigt sich in «Elefanten im Garten» ungleich exotischer. Poetisch, wie die Märchen aus «TausendundeinerNacht», sind die Erinnerungen der jungen Frau an ihren Heimatort Prizren (im ehemaligen Jugoslawien), wo «der Tod täglich spazieren geführt wird». Und statt kusturica­mässig den Kerl zu mimen, fühlt sich ihre Erzählerin noch immer verloren in der glückverheissenden Schweiz, deren Reichtum die Mutter so in Worte fasst: «Mit Geld kann man den Menschen vom Leben ablenken, irreführen, täuschen, glücklich machen, töten.»

Und wenn sich ein Kind verirrt und von den verzweifelten Eltern wiedergefunden wird, schreibt Kureyshi: «Das Kind schaut zu mir, während die Mutter ihm Tiernamen gibt.» Fremder erschien uns der eigene Alltag kaum je – und schöner beschrieben ebenso selten.

Fremdheit herrscht

Meral Kureyshi war Elevin des Bieler Literaturinstituts. Ihre dortige Mentorin Ruth Schweikert findet nicht nur ins Romandebüt der jungen Autorin Eingang, sondern selbst einen verdienten Platz auf der Shortlist. Mit ihrem Roman «Wie wir älter werden» hat die besonnene Wenigschreiberin einen Tolstoi’schen Familienkosmos entworfen und spiegelt unser Leben, auch unsere Wahrnehmung desselben, anhand der verschiedenen Familienmitglieder. Fremdheit herrscht auch hier vor – und geht vor der Kulisse des Familiengefüges gleich doppelt unter die Haut.

Für das vielleicht ­aussergewöhnlichste Buch brauchte es weder die Fremdperspektive noch familiäre Entfremdung. Monique Schwitter genügte die Alltags-Konstellation Frau-Mann, um einen herausragenden Roman zu schreiben. Ihre Erzählerin blickt zurück auf Leben und Lieben in zwölf Abschnitten, anhand zwölf Männer, die den Namen der zwölf Apostel tragen. In ihrem Buch prallen die grossen Fragen auf die kleinen Dinge.

Eine Ausnahme

Und der einzige Mann auf der Shortlist? Martin R. Dean nimmt auch literarisch betrachtet eine Sonderstellung ein: Mit seinem Essayband «Verbeugung vor Spiegeln» ist er der einzige Finalist, der für ein nichtbelletristisches Buch nominiert ist. Dass es ihm darin wie Grigorcea und Kureyshi um Fremdheit und Heimat geht, ist der schönste Beweis dafür, dass Literatur nicht mehr zuvorderst männlich oder weiblich sein muss, sondern aussergewöhnlich – und dabei nahe am Leben.

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