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LITERATUR: Charles Lewinsky: «Die Pointen sind wie das Gewürz»

Der Schriftsteller Charles Lewinsky wird heute 70 Jahre alt. Ein Gespräch über «Fascht e Familie», Cervelats und die Schweiz.
«Ich erzähle gerne selbst erfundene Gutenachtgeschichten», sagt Charles Lewinsky. (Bild: Michel Canonica)

«Ich erzähle gerne selbst erfundene Gutenachtgeschichten», sagt Charles Lewinsky. (Bild: Michel Canonica)

Interview Hansruedi Kugler

Charles Lewinsky, mögen Sie lieber Pizza oder Cervelat?

Charles Lewinsky: Ich geniesse beides und entscheide mich nicht. Ausser wenn Sie mich zum «Sternen Grill» einladen, dann nehme ich Cervelat.

Der Vergleich steht in «Das chunt eus spanisch vor», mit dem Sie 1987 den Grand Prix der Volksmusik gewannen. Darin gibt es die Klage, Schweizer Kultur gehe verloren, es gebe nur noch Pizza, aber keine Cervelat-Beizen mehr.

Lewinsky: Der Song hat einen rein handwerklichen Hintergrund. Carlo Brunner wollte den Wettbewerb gewinnen. Ich sollte den Text schreiben, obwohl er wusste, dass ich mit Volksmusik nichts anfangen konnte. Das Reglement liess nur traditionelle Volksmusikinstrumente zu. So erfand ich die Zeile «Das chunt eus spanisch vor» als Ausrede für den Einsatz des Flamenco. Die Kastagnetten ersetzten wir dann durch Löffel.

Eine selbstironische Pointe, dass man sich mit Flamenco über den Verlust der Schweizer Kultur beklagt?

Lewinsky: Damals durfte Volksmusik eben noch lustig sein. Bevor nur noch von Berglein und Kirchlein gesungen wurde. Eine ernsthafte künstlerische Arbeit war das aber für mich nicht.

Sie äussern sich oft zur politischen Lage der Schweiz. Warum sind Sie erst spät in eine Partei, die SP, eingetreten?

Lewinsky: Lange Zeit war ich der Meinung, es genüge, an Abstimmungen teilzunehmen. Dann wurde die geistesschwache Minarett-Initiative angenommen. Da realisierte ich, dass man sich nicht heraushalten kann. Völlig unverständlich fand ich auch, dass sich niemand aufregte, als Toni Brunner die Gemeinden zum Wider­stand gegen Asylzentren aufrief.

Sie sagten einmal, der Begriff «Dichtestress» sei eine geniale Erfindung einer Werbeagentur gewesen.

Lewinsky: Ja, aber ich glaube nicht, dass diese Symbolpolitik auf die Dauer Erfolg hat. Da unterscheide ich mich von Lukas Bärfuss, dessen wütende Schweiz-Kritik mich geärgert hat. Ich habe ein zuversichtliches Bild der Schweiz. Die Schweiz hat ein langweiliges, aber sehr gut funktionierendes Staatssystem aufgebaut, und wir haben 150 Jahre trainiert.

Woher kommt der Rechtsrutsch?

Lewinsky: Es liegt an den starken Persönlichkeiten. Ich sage gelegentlich, Christoph Blocher lasse absichtlich schlecht sitzende Anzüge schneidern, damit er aussieht wie ein Büezer. Es ist schon eine tolle Marketingleistung, dass eine Milliardärspartei es schafft, als volkstümlich zu gelten.

Ein anderes Schweiz-Bild zeigten Sie in der Sitcom «Fascht e Familie», die von 1994 bis 1999 im Fernsehen lief. Was machte die Serie zum Erfolg?

Lewinsky: Sie war gut gemacht, und sie war die erste Schweizer Sitcom. Zudem hatten wir grosses Glück mit der Besetzung. Ich hatte die amerikanischen Vorbilder genau analysiert. Sitcoms haben strenge dramaturgische Regeln. In der Schweiz gab es keine Unterbrecherwerbung, was es auch möglich machte, eine Folge als Einakter durchzuspielen. Die amerikanische Sitcom hat etwa fünf Werbespots, also bestehen diese Sitcoms aus lauter kleinen Szenen.

Jede Minute eine Pointe.

Lewinsky: Nach 15 Sekunden! Gedreht haben wir vor Livepublikum mit Originallachern. Mit der Zeit mussten meine Drehbücher kürzer werden, weil die Lacher immer länger wurden. Einmal ­lachte das Publikum eine Minute, bis wir weiterspielen konnten. Die Pointe war visuell: Hans hätte in einem Festspiel zu Ehren einer Pizzeria mitspielen sollen. Als er im Fliegenpilzkostüm auftrat, kam das Publikum fast nicht mehr aus dem Lachen heraus.

Sind Charaktere oder Pointen wichtiger?

Lewinsky: Pointen sind wie das Gewürz, das man über eine fertige Speise streut. Entscheidend sind die Charaktere. Diese verändern sich nicht und machen immer dieselben Fehler. Wenn man in einer Folge fragt, wer so blöd ist, diese Pizzeria-Rolle zu übernehmen, dann hat man einen Lacher, weil das Publikum weiss, dass der Hans das machen wird. Zudem hat der Charakter ein falsches Bild von sich: Hans ist ein Kellner und glaubt, er sei ein grosser Schauspieler. Deshalb ist «Fascht e Familie» eigentlich eine Charakter-Comedy.

Faszinierend war, dass die verschiedenen Figuren gut miteinander auskommen. Ein Vorbild für Toleranz?

Lewinsky: Was die Figuren sympathisch macht, ist ihre Naivität. Sie lassen sich nicht entmutigen. Aber «Fascht e Familie» hat keine Botschaft. Die Sitcom ist völlig anders entstanden. Die Schweiz ist ein kleines Land. Man kann keine Sitcom-Familie glaubhaft besetzen. Man findet nicht genug Leute mit demselben Dialekt. Wir mussten deshalb eine WG bilden.

Das Gymnasium besuchten Sie in Luzern, weil die Zürcher Gymnasien auch von orthodoxen Jugendlichen verlangten, am Samstag zu schreiben.

Lewinsky: Das galt nur für die Knaben. Wir sind eben in der Schweiz. Das Mädchengymi war städtisch, das Knabengymi kantonal. Der Kanton sagte, es sei unmöglich, dem Unterricht zu folgen, wenn man nicht schreibe. Das durften wir während des Schabbat ja nicht. Deshalb konnten orthodoxe Juden nicht ins Gymnasium. Die Stadt sagte hingegen, das sei kein Problem. Die Knaben landeten in Privatschulen, was sich meine Eltern aber nicht leisten konnten. Darum fuhr ich jeden Tag mit dem Zug nach Luzern. Der Witz ist: Der Föderalismus in der Schweiz hat ja auch etwas Gutes. Die Stadt Zürich zahlte mir dann ein Stipendium für die Zugkosten, weil mich der Kanton nicht ins Gymi liess.

Wie vereinen Sie das Schreiben mit Ihrem Familienleben?

Lewinsky: Es kam schon mal vor, dass ein Kind mir beim Mittagessen sagte, ich solle arbeiten gehen, weil ich sowieso nicht zuhören würde. Aber alles in allem war ich wohl ein recht brauchbarer Vater. Und meine Frau hält es immerhin schon seit 50 Jahren mit mir aus.

Wie fühlen Sie sich als Grossvater?

Lewinsky: Wunderbar. Viel Zeit habe ich zwar nicht, ich bin ja noch voll berufstätig. Aber ich erzähle gerne selbst erfundene Gutenachtgeschichten. Aktueller Held ist ein Affe.

Sie waren Regieassistent beim legendären Fritz Kortner, der ein unglaublich gründlicher Leser und Perfektionist war.

Lewinsky: Ich hatte in Ingolstadt schon inszeniert. Aber nach diesen zehn Wochen «Der zerbrochene Krug» mit Kortner wusste ich, dass ich eigentlich nichts weiss vom Theater. Kortner war genial, aber gnadenlos. Nach Proben musste ich vor seelischer Erschöpfung oft erbrechen. Also ging ich an die Uni Berlin und studierte Theaterwissenschaften. Ich musste viel lernen.

Was schauen Sie heute im Theater?

Lewinsky: Ich gehe kaum noch ins Theater. Da geht es meist nur um die Selbstinszenierung des Regisseurs und der Schauspieler, was nichts mit dem Stück zu tun hat.

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