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LITERATUR: Das Gewissen der Schweiz

Max Frisch, der vor 25 Jahren starb, bildete mit Dürrenmatt das neuralgische Duo der Schweizer Literatur. Steht er heute etwas in dessen Schatten? Es wäre ebenso verständlich wie unberechtigt.
Arno Renggli
Max Frisch (hier im Jahr 1968), wie man ihn oft sah: mit markanter Brille und Pfeife. (Bild: Getty)

Max Frisch (hier im Jahr 1968), wie man ihn oft sah: mit markanter Brille und Pfeife. (Bild: Getty)

Arno Renggli

Sie starben innerhalb eines kurzen Zeitraums: Friedrich Dürrenmatt mit 69 Jahren am 14. Dezember 1990, der knapp zehn Jahre ältere Max Frisch am 4. April 1991. Doch während der 25. Todestag Dürrenmatts medial für einiges Aufsehen gesorgt hat, bleibt es um den gleichen Anlass zu Max Frisch eher ruhig. Ist Dürrenmatt mehr im kollektiven Gedächtnis geblieben? Schaut man etwa die Anzahl von Theaterproduktionen an – im Profi- wie im Amateurbereich – erhärtet sich dieser Eindruck. Und aus der Sicht von Literaturkritikern und anderen ambitionierten Interessierten scheint Dürrenmatt den höheren Stellenwert zu geniessen als Frisch. Was im Grunde schon mindestens zu späteren Lebzeiten der beiden so war.

Frisch bietet Angriffsflächen

Dürrenmatt macht es gerade den Intellektuellen auch etwas einfacher: Seine pessimistische Weltsicht kommt oft mit ironischer Distanz und meistens ohne unmittelbare Emotionalität. Dies in Verbindung mit der gedanklichen und dramaturgischen Brillanz macht ihn quasi unantastbar. Da bietet Frisch viel mehr Angriffsfläche. In der Konstruktion sind seine Werke sicher nicht weniger stark als Dürrenmatts, aber er lässt auch die direkte Berührung zu. Und vor allem appelliert er unverblümt an die Moral bzw. kritisiert deren Nichtbeachtung fast ohne künstlerische Verbrämung.

Das ist aus heutiger Sicht manchmal etwas zu viel des Guten. Ein Stück wie «Biedermann und die Brandstifter» ist derart offensichtlich in seiner Aussage und moralingetränkt, dass es heute nicht leicht zu inszenieren ist. Frisch hat den direkten Aufruf nicht gescheut, kein Wunder war er als Gewissen der Nation noch wichtiger als Dürrenmatt. Und in der Art, wie er diese Rolle wahrnahm, auch durchaus unangenehmer: Dürrenmatt liess dem Establishment meistens einen Schlupfwinkel, um das Geschriebene oder Gespielte auch als künstlerische Unverbindlichkeit wahrzunehmen. Diesbezüglich bot Max Frisch schon deutlich weniger Spielraum.

Prosa: Vorteil Frisch

Vielleicht muss man, um Frisch auch gegenüber Dürrenmatt fair zu würdigen, Drama von Prosa differenzieren. Es gibt gute Gründe, Dürrenmatts Bühnenwerk für wichtiger zu erachten als dasjenige von Frisch. Bei Letzterem sind vor allem «Biedermann und die Brandstifter» sowie «Andorra» noch erfolgreich, beiden Stücken kann man die erwähnte direkte Moralität anlasten. Von Dürrenmatt werden eine ganze Reihe Stücke regelmässig aufgeführt, natürlich mit «Die Physiker» und «Der Besuch der alten Dame» als überragende Aushängeschilder.

Bei der Prosa aber hat Max Frisch mehr zu bieten. Zweifellos haben etwa die Krimis von Dürrenmatt eine bestechende Qualität und wirken innerhalb des Genres heute noch modern und subversiv. Aber literarisch gesehen sind die grossen Romane von Frisch – «Stiller», «Homo Faber» und «Mein Name sei Gantenbein» – wohl bedeutender. Sie sind nicht nur gut geschrieben, sie treffen einen im Innersten. Und die Behandlung der fatalen Tragik unserer Existenz oder die Verwirrspiele um Identitäten sind zwar klug, aber auch zutiefst berührend. Es sind Bücher, die man immer wieder liest, auch Spätwerke wie «Montauk» oder «Der Mensch erscheint im Holozän».

Schliesslich sind da noch essayistische Schriften, die bei Dürrenmatt eher kopflastig wirken. Auch hier ist Frisch etwa in seinen Tagebüchern viel zugänglicher, obwohl es darin nicht primär um persönliche Erlebnisse, sondern um Betrachtungen über alles Mögliche geht.

Ambivalentes Verhältnis

Das macht Frisch näher, somit auch angreifbarer als seinen kongenialen Gegenspieler. Dieser Begriff ist übrigens nicht als Feindschaft zu verstehen. Die beiden verband und trennte je vieles, natürlich auch Konkurrenz. Jedenfalls war ihr Verhältnis ein ambivalentes und somit spannendes. Diesem nachspüren kann man etwa in ihrem Briefwechsel, der auch in Buchform erhältlich ist.

Max Frisch ist nun also seit 25 Jahren tot. Und nicht weniger als Dürrenmatt sollte man vor allem seine Prosatexte weiterhin lesen. Sowie seine Stücke anschauen und dabei ihre Direktheit aushalten. Denn eines ist sicher: Vor allem «Biedermann» und «Andorra» könnten gerade heute wieder kaum aktueller sein.

TV-Hinweis

Nächsten Samstag auf 3sat: «Homo Faber» (Verfilmung von 1991): 20.15 Uhr. «Max Frisch, citoyen». Dokfilm: 22.05 Uhr.

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