LITERATUR: De Cesco: «Man hat mich verharmlost»

Seit zwei Jahren lebt die bekannte Autorin Federica de Cesco in Luzern. Und dies keineswegs still und zurückgezogen. Im Gespräch wird klar, wieso das so ist.

Arno Renggli
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Federica de Cesco und ihr Mann Kazuyuki Kitamura auf der Treppe vor der Hofkirche in ihrer Wahlheimat Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Federica de Cesco und ihr Mann Kazuyuki Kitamura auf der Treppe vor der Hofkirche in ihrer Wahlheimat Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Diese Frau sprüht vor Leben und Witz. Und wenn sie lacht, klingt sie zuweilen wie das 15-jährige Mädchen, das sie war, als sie 1953 mit «Der rote Seidenschal» ihren ersten Bestseller schrieb.

Am 23. März wird Federica de Cesco 75. Aber das Alter ist für sie kein Thema. «Schliesslich spüre ich noch nicht viel davon», schmunzelt sie. Erst kürzlich starb ihre Mutter mit 102 Jahren: «Zuletzt sah sie nichts mehr und hörte nichts mehr, aber sie war guter Dinge. Und der Tod gehört eben zum Leben dazu.»

«Luzern fast italienisch»

Federica de Cescos Vitalität kommt nicht von ungefähr. Täglich schwimmt sie 50 Minuten am Morgen und 30 Minuten am Abend. Und sie ist viel zu Fuss unterwegs. «Mit meinem Mann spaziere ich oft am Luzerner Quai entlang bis zum Hotel Hermitage. Mir gefällts auch in der Luzerner Altstadt, gewisse Orte etwa an der Reuss muten für mich fast etwas italienisch an.»

Dass die Italienerin heute in Luzern lebt, liegt auch an ihrem Mann, dem japanischen Fotografen Kazuyuki Kitamura. Dieser hatte schon in den 70er-Jahren Bildbände über die Schweiz veröffentlicht, in denen auch die Luzerner Fasnacht ein Thema war. Und 1990 machte er im Auftrag des damaligen Luzerner Verkehrsdirektors Kurt H. Illi Fotos für ein Poster der Kapellbrücke.

Lange hatte das Paar in der Westschweiz gelebt. «Doch das hatten wir irgendwann satt», erzählt de Cesco. «Hinzu kam, dass ich oft Lesungen in der Deutschschweiz habe. So kamen wir auf Luzern. Uns gefällt es hier.»

Literarisches Doppelleben

Viele Menschen verbinden den Namen der Autorin mit Jugendbüchern, die sie in jungen Jahren gelesen hatten. Aber sie hat auch erfolgreich Erwachsenenbücher geschrieben: ein literarisches Doppelleben, das Literaturkritiker irritierte. «Ja, die Kritiker», grinst sie, «die versuchten mich oft in eine Schublade zu stecken und zu verharmlosen.» Die Antwort in Form von Erfolg gegeben zu haben, sei schon eine Befriedigung. Gram ist sie den Kritikern aber nicht grundsätzlich: «Im Gegenteil vermisse ich ein wenig die seriöse Buchkritik früherer Tage, die sich fundiert und genau mit einem Buch befasst. An Kritikern missfällt mir, wenn sie aus einer snobistischen Haltung werten.»

Die Schubladisierung ist bei ihr tatsächlich schwierig. Weder lesen nur junge Leute ihre Bücher, noch sind es vor allem Frauen und Mädchen, wie man anhand der oft weiblichen Heldinnen meinen könnte. «Diese wagen sich meist mutig in neue Gefilde. Aber sie treffen dann oft auf ein männliches Alter Ego. Mich interessieren Männer, die emanzipiert, also das Gegenteil von Machos sind. Solche, die leben und lieben und die sich in erster Linie als Mensch und erst dann als Mann sehen.»

«Ich bin ein Schnörri»

Den Bezug zu ihren jungen Lesern hat sich die Autorin trotz ihrer bald 75 Jahre erhalten. Auch dank ihrer Lesungen etwa in Schulklassen. «Auch wenn sich die Diskussionen dann oft auf die drei üblichen Fragen beschränken», lacht sie. «Nämlich: Woher ich meine Ideen habe, wie lange ich für ein Buch brauche und wie viel Geld ich verdiene. Vielleicht liegts ja daran, dass ich selber so ein Schnörri bin und die Schüler dann gar nicht zu Wort kommen.»

Dabei seien die heutigen Jungen nicht aufs Maul gefallen. «Sie äussern sich rasch und oft vorlaut, zuweilen kommt einfach Quatsch raus, aber dann auch wieder Interessantes.» Trotz neuer Technologien sei die Befindlichkeit der Jungen heute grundsätzlich nicht anders als früher. «Natürlich ist alles in viel mehr Coolness verpackt, aber es sind die gleichen Bedürfnisse und Gefühle. Auch wenn vordergründig etwa Sex das Thema ist, was cool wirkt, geht es im Grunde immer noch um Liebe.» Heute anders seien die wachsenden Anforderungen in Schule und Arbeitswelt. «Die Jungen werden, etwa im Vergleich zur Generation davor, wohl früher mit dem Ernst des Lebens konfrontiert.»

Zu neuen Technologien hat sie selber ein eher distanziertes Verhältnis. «Ich habe natürlich Internet und E-Mail. Aber ich blogge nicht und bin auch nicht auf Facebook. Die Leute geben oft zu viel von sich preis. Ich jedenfalls ziehe es vor, nicht so leicht zugänglich zu sein.»

Furcht vor allem Möglichen

Im Gespräch aber ist davon nichts zu spüren. Sie scheint immer noch die Draufgängerin zu sein, die damals nach ihrem Erstlingserfolg einfach weitermachte. Schreibblockaden, mit denen andere oft kämpfen, hatte sie nie. Zu vielseitig waren die Gebiete, in denen sie sich weiterbildete und aus denen sie literarisch schöpfen konnte: Kunst, Psychologie, Theologie und die verschiedensten Kulturen, die dann auch Hintergründe für ihre Romane abgaben.

Hat sie diese Unerschrockenheit auch im Alltag? «Ach wo», lacht sie zum unzähligsten Mal in diesem Gespräch. «Gewisse Länder würde ich aus Furcht nie besuchen. Um Leute, die ich bedrohlich finde, mache ich einen grossen Bogen. Und wenn ein Auto mal schnell fährt, werde ich ängstlich. Eigentlich bin ich ein Höseler.» Genau so sagt es die italienische Luzernerin. Es ist das Einzige, was man ihr nicht so recht abkauft.