LITERATUR: Der alte Schauspieler und sein schmerzhaftes Geheimnis

Im neuen Roman folgt Alain Claude Sulzer den Spuren eines einstmals berühmten Schauspielers. Und lässt zugleich ein ganzes Zeitalter lebendig werden.

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Alain Claude Sulzer zeigt seine Figuren in ihren Milieus und lässt ihnen zugleich ihre Rätselhaftigkeit. (Bild: Julia Baier)

Alain Claude Sulzer zeigt seine Figuren in ihren Milieus und lässt ihnen zugleich ihre Rätselhaftigkeit. (Bild: Julia Baier)

Es ist seine grösste Niederlage nach jener anderen, die sich 1933 ereignet hat. Aus Europa meldet sich 1949 ein ihm unbekannter Regisseur namens Luchino Visconti und bietet Lionel Kupfer eine kleine Nebenrolle in seinem neuen Film an. Kupfer reist zu den Dreharbeiten nach Rom, unterwegs treffen er und Walter sich ein letztes Mal. Zufällig. Sie erkennen einander, tun aber so, als wären sie Fremde. Nach Fertigstellung des Films teilt Visconti mit, er habe leider diese Szene weglassen müssen, in der Lionel Kupfer sich selber als abgehalfterten Schauspieler auf der Suche nach einer Rolle gespielt hatte.

Eine Liebe ausser Plan

Das Honorar bekommt er trotzdem. Aber auf das Honorar kommt es diesem alten Mann nicht an, den Alain Claude Sulzer ins Zentrum seines neuen Romans «Postskriptum» stellt. Ein Schauspieler will leben, das heisst spielen. Er will gesehen werden. Einer wie dieser Lionel Kupfer sowieso, dessen Schauspieler-Leidenschaft sich aus einem sehr tiefen, sehr schmerzhaften und sorgsam gehüteten Geheimnis herleitet das der Leser erst ganz zum Schluss erfährt.

Da führt Sulzer all jene Fäden zusammen, die er über die 250 Seiten geknüpft hat. Es sind nicht wenige, gleichwohl verschwindet das Konstruierte der Handlung hinter der Lebendigkeit seiner Figuren und deren Echtheit.

Da ist Lionel Kupfer, der sich in den ersten Wochen des Jahres 1933 ins Hotel Waldhaus in Sils Maria zurückgezogen hat. Alle begegnen dem berühmten deutschen Filmschauspieler mit Ehrfurcht, ja tiefster Bewunderung. Auch Walter Staufer, Posthalter im Dorf, dessen Mutter als Büglerin im Hotel arbeitet. Eines Tages sitzt Staufer da, beim Nachmittagstee, sie lernen sich kennen, lieben sich, mal im Hotel, mal in der kargen Wohnung des Postbeamten. Doch dann taucht Eduard Steinbrecher auf, Lionel Kupfers Geliebter, und die ungleiche Beziehung zu Walter kommt so jäh zu Ende wie Kupfers Karriere.

Schwere Jahre im Exil

Denn im fernen Berlin hat mittlerweile Hitler die Macht ergriffen. Die Nazis wissen um Kupfers gut gehütetes Geheimnis: dass er Jude ist. Und er weiss, dass er nicht mehr zurück kann.

Eduard kann zurück, sein Wissen als Kunstexperte wird jetzt sogar in allerhöchsten Kreisen geschätzt. Denn er hilft mit, den Juden ihre Kunstschätze zu entreissen und bereichert sich gern auch selber auf raffinierte Weise. Dass das eines Tages schiefgehen wird, ahnt er. Aber nicht, wie es geschehen wird.

So lebt denn Lionel Kupfer in New York, bekommt kleinere, nie aber eine grosse Rolle. Und Walter Staufer geht seinen Weg. Wird Steward bei der Swissair, seine Mutter ist stolz auf ihn und schockiert, als sie, durch Zufall, von der Homosexualität ihres Sohnes erfährt.

All diese Lebenswege lässt Sulzer zusammentreffen, in jedem lernen wir ein Milieu kennen. Viele Szenen sind durchwirkt von Melancholie, in die sich das Glück des Augenblicks mischt. Melancholie ist ja die Trauer über das unwiederbringlich Verlorene, und mit dieser Trauer im Herzen läuft nicht nur Lionel Kupfer durch ein New York, das ihm immer mehr zur Heimat wird.

Brillante Knappheit

Was aber «Postskriptum» so lesenswert macht, ist gerade die Knappheit seiner umso aussagekräftigeren Szenen. Sulzer erzählt nie zu viel. Die abenteuerlichen Lebensläufe, die er auch in den Nebenfiguren versammelt, hätten leicht den Stoff für ein doppelt so dickes Buch liefern können das dann aber nur halb so gut geworden wäre. Auch vom historischen Hintergrund, von der Machtergreifung der Nazis, vom Kunstraub an den Juden, der ihrer Ermordung vorausgeht, und von der Emigration vieler Künstler in die USA, erfahren wir nur so viel, als für den Fortgang der Handlung erforderlich erscheint. Lieber belässt Sulzer es bei Andeutungen. Auch Lionel Kupfer bleibt am Ende, was jeder Mensch im Grunde ist: ein Rätsel.

Rolf App

Alain Claude Sulzer: Postskriptum. Galiani Berlin, 251 Seiten, Fr. 27.90.