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LITERATUR: Der Ex-Abt wirbelt Staub auf

Martin Werlen ist zurück – mit einem neuen Buch. In «Heute im Blick» geht er mit gewissen Haltungen der Kirche hart ins Gericht. Offen, provokativ, ohne Beschönigungen.
Andreas Faessler
Alt Abt Martin Werlen (52) an der Buchvernissage in Zürich. In «Heute im Blick» lässt er zuweilen kein gutes Haar an der Kirche. (Bild Andreas Faessler)

Alt Abt Martin Werlen (52) an der Buchvernissage in Zürich. In «Heute im Blick» lässt er zuweilen kein gutes Haar an der Kirche. (Bild Andreas Faessler)

Ende 2013 trat Martin Werlen (52) als Abt des Klosters Einsiedeln zurück, nahm sich eine Auszeit, sammelte dabei einiges und tritt jetzt wieder an die Öffentlichkeit – mit einem Buch nämlich, das reichlich «Zündstoff» enthält, «notwendig» ist und «einigen weh tun wird». So preist es der Verleger an. So ganz Unrecht mag er damit nicht haben, denn in «Heute im Blick» – so der vieldeutige Buchtitel – geht der nunmehrige «normale» Benediktinermönch Martin mit dem Konstrukt Kirche sowie gewissen Vertretern und Kreisen derselben ziemlich hart ins Gericht. Entstanden ist das Buch, das laut Autor dort Staub aufwirbelt, wo sich auch viel Staub angesetzt hat, innert kurzer Zeit. Nur mit Notizbuch ausgerüstet, verlebte Martin Werlen vier Monate in der ungarischen Territorialabtei Pannonhalma sowie im Heiligen Land. Zeit für viele Begegnungen und ebenso viele Gedanken. «Was in diesem Buch geschrieben ist, ist mir geschenkt worden», so der alt Abt.

Eine Kirche für den Menschen

In konservativen Kreisen war Martin Werlen so manches Mal harsch kritisiert worden für seine Progressivität und Offenheit gegenüber einer Kirche, die es seiner Ansicht nach zu entstauben und zu erneuern gilt. Und das Buch dürfte insbesondere diesen Kreisen nicht besonders gefallen, hält der Autor ihnen doch in mancherlei Hinsicht einen Spiegel vor.

Eine der Kernbotschaften von «Heute im Blick»: Die Kirche ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Kirche. Und hier läuft laut Werlen so einiges verkehrt, ja die Kirche krankt geradezu vor sich hin. Dabei hätte sie so viel Potenzial, die Menschen anzuregen, ihren Glauben mit Freude zu leben oder gar neu zu entdecken. Der Ex-Abt erweist sich als grosser Franziskus-Anhänger und bezieht sich an vielen Stellen in seinem Buch auf die Botschaften des bescheidenen Menschenfreundes aus Buenos Aires. Es gebe Widerstand, Verschlossenheit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Aufruf von Papst Franziskus, stellt Werlen fest. Ja, Bischöfe, Äbte und Priester würden Menschen oft dazu aufrufen, sehend und hörend durchs Leben zu gehen, sagt er etwa. Doch viele von ihnen seien es selbst nicht, so der unverblümte Vorwurf. Entlarvend stellt Werlen fest und kommentiert wiederholt, wie tief unkatholisch ausgerechnet diejenigen handeln, die sich selbst für besonders katholisch halten. Er attestiert ihnen mit deutlichen, wenn auch nicht verurteilenden Worten eine erschreckende Scheinheiligkeit – oder Doppelbödigkeit, wie er es selbst diplomatisch nennt. Und das sei die grösste Sünde. «So tun als ob, wirkt auch im Glaubensleben lächerlich», heisst es an einer Stelle im Buch. Ein einfacher Satz mit brisantem Inhalt, wie sich bei der Lektüre wiederholt erweist, denn der «Stein der Verlogenheit» zerstöre viel an Glaubwürdigkeit.

Dabei bezieht sich Werlen auch unmissverständlich auf den Pomp und die Prunksucht, der gar mancher Kirchenfürst frönt und dabei den tatsächlichen Auftrag der Kirche vergisst. Auch hier bringt er Papst Franziskus als gelobtes Vorbild ein, der den ganzen Menschen anspreche und nicht nur den Intellekt oder die Sinne. Äusserlichkeiten mit der Tradition der Kirche zu verteidigen, könne verheerende Folgen haben, mahnt der Autor. Nämlich den Substanzverlust des Glaubens.

Die Kirche, die Frauen und der Sex

Auch die Stellung der Frau in der Kirche spricht Werlen an und gibt dem Leser einige Gedanken hierzu auf den Weg. Eine abschliessende Stellungnahme bleibt wie zu erwarten aus, aber die Stossrichtung ist eindeutig. Dasselbe ist der Fall, wenn Martin Werlen ausgiebig von der Ökumene und dem interreligiösen Miteinander spricht.

Ebenso deutlich wird der alt Abt beim Thema Kirche und Sexualität. Die gedankliche Fixierung frommer Menschen auf sexuelle Beziehungen anderer sei krankhaft, schreibt er beispielsweise. Die Haltung der Kirche werde deswegen zu Recht als Ablehnung des Menschen wahrgenommen. «Und eine solche Haltung ist ganz klar nicht katholisch.» Hier kommt auch das ewig brisante Thema der Homosexualität und der Umgang damit durch die Kirche zur Sprache. Wie sehr die Kirche durch die vehemente Ablehnung und die Tabuisierung betroffene Menschen in grosse Einsamkeit treiben kann – der Autor regt auch hier zum Nachdenken an und lässt einen deutlichen Seitenhieb nicht aus, beispielsweise an jene Gemeinschaften hinter einschlägigen Internetportalen, die sich katholisch schimpfen, sich jedoch gegenüber homosexuellen Menschen und – auch anderweitig – zutiefst unkatholisch verhalten. «Hass, Aggression und Ausgrenzung gehören auch in unserer Kirche noch nicht der Vergangenheit an», zieht Werlen schonungslos Fazit.

Martin Werlen macht Mut

Sprachgewandt und oft mit einer erfrischenden Portion Humor sowie auch Ironie schreibt Martin Werlen seine Gedanken nieder. Auch zahlreiche Anekdoten und Erlebnisse während seiner Auszeit finden Platz im Buch und bergen Botschaften an den geneigten Leser. «Heute im Blick» – im Blick Gottes nämlich, ein Blick voller Liebe – regt zum Nachdenken an und dürfte gar Menschen, die den Glauben an eine barmherzige Kirche verloren haben, neuen Mut machen. Trotzdem täuscht das Buch nicht darüber hinweg, dass es noch ein sehr weiter Weg ist, bis das Konstrukt Kirche einigermassen staubfrei wird.

Hinweis

«Heute im Blick», Provokationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht. Herder Verlag, 192 Seiten, ISBN 978-3-451-33752-9, Fr. 21.90

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