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LITERATUR: «Der Gotthard» – von der Schranke zur Brücke

Fritz Schaub hat Carl Spittels Gotthardbuch zur Eröffnung des Basistunnels neu herausgegeben. Und stellt mit umfangreichen Kommentaren überraschende Bezüge zu heute her.
Urs Mattenberger
Mit Volldampf voraus: Nostalgiezug auf dem Weg in den Gotthard­tunnel - Illustration aus dem neuen Buch von Fritz Schaub. (Bild: Archiv Neue LZ)

Mit Volldampf voraus: Nostalgiezug auf dem Weg in den Gotthard­tunnel - Illustration aus dem neuen Buch von Fritz Schaub. (Bild: Archiv Neue LZ)

Urs Mattenberger

Nobelpreis hin oder her: Dass es in der aktuellen Neuauflage von Carl Spittelers Schrift «Der Gotthard» derart knallen würde, konnte man nicht erwarten. Schliesslich schrieb Spitteler (1845 bis 1924) das Werk 1897 im Auftrag der Gotthard-Bahn als Werbeschrift und stellte deren Vorzüge sprachmächtig heraus.

Zu diesen Vorzügen gehörte nicht nur der Zeitgewinn bei der Fahrt von Luzern nach Mailand, die sich von 31,5 Stunden im Jahr 1848 (mit Schiff, Postkutsche und Bahn) auf damals rund sechs Stunden verkürzte. Spitteler, und darin lag die Bedeutung seiner Schrift, behandelte als Erster die ganze Region Gotthard als «zusammenhängende Verkehrs- und Kulturlandschaft», wie der als Autor unserer Zeitung bekannte Herausgeber der Neuauflage, Fritz Schaub, schreibt.

Symbol der Südland-Sehnsucht

So wird der Gotthard bei Spitteler, der sich 1892 in Luzern niederliess, zum paneuropäischen Symbol, weil er nicht mehr «Schranke» zwischen Nord und Süd ist, sondern zur «Brücke» wird, die beide verbindet. Zu den Eindrücken von der Bahnfahrt durch den damals 15 Jahre alten Gotthardtunnel und Wanderschilderungen durch Seitentäler nehmen deshalb Ausführungen zu Kultur und Vegetation grossen Raum ein. Im literarisch dramatisierten Gegensatz von finsterer Reussschlucht und lichtdurchflutetem Tessin wird der Gotthard zum Sinnbild für die Südland-Sehnsucht des Mitteleuropäers.

Und mitten in diese Idylle hinein platzt der Satz: «Ich hasse im Grunde die Berge, weil sie dem Himmel, also der Lichtkugel, Stücke wegfressen und den Horizont verringern. Meine Lieblingsfantasie ist jetzt, den Gotthard mit allen Alpen mit Dynamit in die Luft zu sprengen, damit wir italiänische Luft direct bekämen.»

Damit stellt sich der Dichter nicht nur in die Reihe der Italienreisenden seit Goethe, dessen Gotthard-Schilderungen Schaub neben anderen prominenten Reiseschilderungen Spittelers Eindrücken zur Seite stellt. Dessen Vision einer Gotthardsprengung nimmt vielmehr auf verblüffende Weise den Slogan von der «freien Sicht aufs Mittelmeer» vorweg, mit dem die Jugendbewegung der Achtzigerjahre gegen das frostige gesellschaftliche Klima der Schweiz antrat.

Für luxusverwöhnte Städter

Natürlich passt der Satz nicht in ein Buch, das über weite Strecken die Vorzüge der Gotthard-Bahn im «Baedecker»-Stil herausstreicht, wie Spitteler später selbstkritisch anmerkte. Der Wert der vorliegenden Neuauflage liegt darin, dass Fritz Schaub in ausgiebigen Kommentaren den Originaltext mit anderweitigen Äusserungen Spittelers und weiteren Hintergrundinformationen ergänzt. Sie stellen nicht nur mit Vergleichen zum Neat-Projekt aktuelle Bezüge her. Überraschende Bezüge zu heute schaffen auch die Informationen darüber, wie Spitteler als «luxusverwöhnter Städter» von 1897 seine Wanderungen unternahm.

Wie hoch diese Ansprüche schon damals, knapp 100 Jahre vor Internet und Mobiltelefonie waren, zeigt ein Abschnitt über die Reise ins Maderanertal, der ebenfalls nicht in die originale Buchausgabe übernommen wurde. Da fand Spitteler unglaublich, dass es weder «Telegraf» noch «Telefon» gab und ebenso keinen Postwagen, kein ordentliches Strässchen, keine Wegweiser: Selbst grössere Gepäckstücke könnten nicht zu Pferde gefördert werden, sondern müssten auf dem Rücken getragen werden.

Hingegen schätzte Spitteler, dass man sich bereits vor «tückischen Überraschungen» bezüglich des Wetters schützen konnte – nicht per Klick auf meteo.ch, sondern dank des Telegrafen am Bahnhof Luzern: «Dort steht täglich, auf Grund von Telegrammen, das Wetter sämtlicher massgebenden Gotthard­stationen verzeichnet», schreibt er und gibt einen Tipp, wie man dadurch die Reise in den Süden perfekt timen kann: «Göschenen bei Regen zu verlassen, um bei Airolo plötzlich in ein warmes, strahlendes Sonnenmeer hineinzufahren, das gehört zu den überwältigendsten Glücksüberraschungen, die dem Menschen beschieden sind.»

Plärrende Edelweissbuben

Dass Fritz Schaub in den Kommentaren zu den Wanderungen in die Gotthard-Seitentäler und im Tessin Spittelers überraschend detaillierte Angaben zur Anreise per Zug ebenso detailliert aktualisiert, macht das Buch nebenbei zu einem ganz praktischen Reiseführer – bis hin zu «Geheimtipps» wie dem Brunnital, das Spitteler noch ohne Seilbahn erwandern musste. Und weil Spitteler mit seiner achtjährigen Tochter unterwegs war, sind alle auch durchaus familientauglich.

Aber auch hier geht die Aktualisierung weiter, wenn Schaub, der Spittelers Wanderwege unter die eigenen Füsse nahm, die zivilisatorischen Veränderungen resümiert. Anders als Spitteler rät Schaub, heute dessen Wanderungen erst in Erstfeld zu beginnen, «weil die untere Reussebene durch Industrie- und Gewerbebauten mehr denn je verbaut ist». Und dass die Gotthardregion von da an eher von Abwanderung als von Zersiedlung bedroht ist und die Autobahn die einschneidendste Veränderung darstellt, mag nicht überraschen.

Interessant ist freilich, dass sich in Einzelfällen die Aktualität geradezu umkehrt. Der «verlassene Eindruck», den Göschenen heute macht, kontrastiert gespenstisch zum Rummel, den Spitteler hier vorfand: Vorüberfahrende Gasthofomnibusse, zweispännige Kutschen, bettelnde Kristallhändler und plärrende Edelweissbuben empfand er schon vor dem Aufkommen des alpinen Massentourismus als Entzauberung der gewaltigen Natur.

Ein Vorzug von Spittelers eigenem Text ist, dass er den Leser diese Natur, die uns nach über hundert Jahren Gotthard-Bahn selbstverständlich geworden ist, wieder wie mit neuen Augen sehen lernt. Das beginnt schon mit der Schilderung der neuen Linienführung von Luzern auf die Gotthardlinie durch den Museggtunnel, der damals kurz vor der Eröffnung stand. Spitteler malte sich die Ausfahrt beim Hotel Europe wie eine gewaltige, sich ständig verändernde Theaterszenerie mit Blick durch Villen und Gärten auf Bürgenstock und die Rigi aus.

Strasse der Illusionen

Zugegeben, als ich kürzlich bei der Bahnfahrt nach Küssnacht darauf achten wollte, verpasste ich vor lauter Palavern den Moment beim Tunnelaustritt. So «überwältigend», wie Spitteler sich das ausmalte, war die Wirkung nicht. Vielleicht liegt es an der Abstumpfung durch Gewohnheit, über die Spitteler in den psychologisierenden Abschnitten seines Buchs philosophiert. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Gotthard doch ein Mythos, eine Projektionsfläche ist, oder wie Spitteler zum Schluss bemerkt: «Die Strasse der Illusionen.»

Hinweis

Carl Spitteler: Der Gotthard, kommentiert und herausgegeben von Fritz Schaub. Pro Libro, 230 Seiten, ca. Fr. 29.–.

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