LITERATUR: Die Chancen und die Gefahren des Exils

Ist das Exil die bestimmende Kondition des Weltbürgers? Zu diesem Schluss kommt Schriftsteller Norman Manea.

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Norman Manea (79) ist ein pointierter Denker. (Bild: Getty)

Norman Manea (79) ist ein pointierter Denker. (Bild: Getty)

Er ist im abgeklärten Alter, sein Werk gleichmässig weise und reflektiert. Aber einmal wurde Norman Manea richtig zornig. Das war, als ihn Saul Steinberg fragte: «Gibt es überhaupt noch eine rumänische Literatur?» Manea konterte ausser sich: «Wann sind Sie denn aus Rumänien weggegangen?» Dann nannte er all die Namen, die ihm Recht gaben: Rebreanu, Petrescu, Blecher, Urmuz, den Ionesco als seinen grossen Vorläufer beschrieben habe.

Frage des Fremdseins

Man kann sich fragen: War es für sein Heimatland oder eher für seine Literaten, für das sich der jüdische Emigrant Manea so vehement in die Bresche schlug? Er, der 1941 als fünfjähriger Knirps vom faschistischen Regime in Bukarest im Eisenbahnzug in ein KZ deportiert worden war, der 1986 wegen des Ceausescu-Regimes voller Bitterkeit nach Westberlin ausgereist war, der schliesslich «mit Fragen über das Fremdsein regelrecht gemartert» wurde, wie er sich in seinem neuen Essayband «Wir sind alle im Exil» erinnert.

Die Frage des Fremdseins, des Exils, ist auch die Frage der Sprache. Manea wuchs auf Rumänisch auf, spricht aber auch Deutsch, stammt er doch aus der früher österreichischen Bukowina. Manea blieb aber beim Rumänischen – auch als er 1988 in die USA übersiedelte. Dort lebt er bis heute, und dort befand er, die Sprache sei wie das Schneckenhaus, das die Schnecke überallhin mitnehme. «Für den Schriftsteller, der nirgends Heimat hat, ist Sprache wie eine Plazenta. Für ihn, der im eigenen Land denkbar ‹fremd› ist, ist sie nicht nur eine sanfte und herrliche Eroberung, sondern die geistige Legitimation, sein Zuhause.»

Bloss gibt es dabei laut Manea ein Problem: Die «Sprache der Innerlichkeit, der gedämpfte Klang der Gedanken» brauche die «äussere Phonetik»; ohne das gesprochene Wort führe das Exil notgedrungen zur «sozialen Entwertung der Muttersprache». Sein Englisch bleibt hingegen nur «eine Mietsprache, die sich ein Robinson Crusoe für gesellschaftlich notwendige Verhandlungen ausgeliehen hat, um sich dem Stamm, der ihn beherbergt, sprachlich anzupassen».

Maneas Essaysammlung enthält Texte über die rumänische Kommunistin und Ex-Aussenministerin Ana Pauker, die Opfer des latenten Antisemitismus stalinistischer Prägung wurde, des Weitern über Cioran, dem wiederum der Antisemitismus der Rechten unterstellt wurde.

Die Unmöglichkeiten

Langsam vereinigen sich seine Kernthemen – Totalitarismus und Shoa, Exil und Sprache – zu einem einzigen, dem einzigen auch, das bezeichnenderweise nicht mehr direkt mit Rumänien zu tun hat, sondern darüber hinausgeht: Kafkas «Unmöglichkeiten». Die erste ist die Unmöglichkeit, nicht zu schreiben (weil ihn das Schreiben am Leben hält), die zweite die Unmöglichkeit, auf Deutsch zu schreiben (wegen der Entfremdung zum deutschen Alltag), die dritte besteht in der Unmöglichkeit, anders zu schreiben (als auf Deutsch), die vierte in der Unmöglichkeit, zu schreiben (weil sich die Verzweiflung auch dadurch nicht beruhigen lässt).

Manea analysiert dieses widersprüchliche Netz, in dem Kafka gefangen war, und wundert sich: Eigentlich hätte der Prager eine fünfte Unmöglichkeit anführen müssen – die Unmöglichkeit, im Exil zu schreiben, oder schlicht die Unmöglichkeit des Exils. Sie sei eine Art Quintessenz, ein Kondensat der vier ersten Unmöglichkeiten, meint Manea. Und sie zwingt ihn, seine frühere Feststellung zu revidieren, der Exilant werde durch das mitgeführte Schneckenhaus der Muttersprache beschützt.

In Wirklichkeit sei sie stets bedroht, denn der Exilschriftsteller pralle unvorbereitet auf sein neues Umfeld, er erlebe «den neuen Boden und den neuen Himmel, die neuen Lebewesen, den Klang ihrer einladenden oder abweisenden Sprache». In der heissen Wüste sei die Schnecke trotz ihres Häuschens gefährdet und damit auch die Chance des «schriftstellerischen, sprachlichen Überlebens».

Verlust von Hoffnung

Und dieses Schicksal drohe heute, wie Manea schreibt, nicht mehr nur dem Schriftsteller oder Emigranten, sondern allen Sterblichen. Im neuen Jahrtausend würden Mobilität und Migration, so Manea, bald schon normal, damit auch «trivial», unsere Welt werde damit «kosmopolitisch, postmodern, post- und intensivkafkaesk, zentrifugal». Fast 30 Jahre nach seiner Abreise aus Bukarest kommt der 79-jährige Rumäne zu einem düsteren Schluss: Was man euphemistisch «unbegrenzte Möglichkeiten» nenne, sei in Wahrheit die Zunahme von Exil und Entfremdung, der Verlust von Erinnerung und Hoffnung.

Stefan Brändle

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Norman Manea: Wir sind alle im Exil. Essays. 222 Seiten. Carl Hanser Verlag, München.