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LITERATUR: Die Geburt einer Dichterin

Ein wortgewaltiges Werk löst sich in Lyrik auf: Mit «Wir werden erwartet» schliesst Ulla Hahn ihre autobiografisch getönte Roman-Tetralogie luftig und kunstvoll ab – nach einem Umweg ins Ideologische.
Bettina Kugler
Wir werden erwartet von Ulla Hahn. (Bild: PD)

Wir werden erwartet von Ulla Hahn. (Bild: PD)

Sie war von Anfang an eine Musterschülerin, bei denkbar ungünstigem Umfeld: Hilla Palm, Tochter eines ungelernten Arbeiters, «dat Kenk vun nem Prolete», erlebte auf den ersten fünfhundert Seiten des gigantischen Entwicklungs- und Emanzipationsromans die Familie und das katholisch geprägte Kleinstadtmilieu der 1950er-Jahre am Niederrhein als zu eng für ihre Fantasie und Wissbegier. 2001 erschien Ulla Hahns Kindheits- roman «Das verborgene Wort»; weitere zweitausend Seiten offene Worte folgten: die Bände «Aufbruch» (2009), «Spiel der Zeit» und als Abschluss der Tetralogie «Wir werden erwartet».

Mit Fleiss und Akribie hat sich die Lyrikerin in diesen vier Büchern, wie sie selbst sagt, «an mein Leben herangeschrieben». Oft tastend, in vorsichtigen Kreisbewegungen, in der bildkräftigen Sprache einer angesehenen Dichterin. Oft aber auch mit regelrechtem Sammlerstolz, dem Erledigungsfuror der bildungshungrigen Aufsteigerin Hilla Palm. Kaum ein bedeutendes Ereignis der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte, kaum eine Mode oder Zeitgeisterscheinung der «Fresswelle», der Wirtschaftswunderjahre, der darauf folgenden Protestbewegung in den rebellischen Sechzigern, auf die Hahns Alter Ego Hilla nicht pflichtschuldig einginge.

Vom katholischen Milieu zur frommen Kommunistin

Zuweilen geschieht dies nebenbei, gleichsam als dokumentarisches Hintergrundgeräusch. Meist aber deshalb, weil die Geschehnisse essenzieller Teil ihres frühen Lebensweges, der Jahre als Schülerin und Lehrtochter, später als Germanistikstudentin in Köln und Hamburg sind. Dennoch wirken diese Einschübe hin und wieder, als habe Ulla Hahn beim Schreiben eine Chronik der Jahre zwischen 1960 und 1976 auf dem Pult liegen gehabt und streberhaft eins ums andere abgehakt: die Mondlandung der Apollo 11, Woodstock, Willi Brandts Kniefall von Warschau, den Radikalenerlass, dem auch Brandt zustimmte. Et cetera pp.

Leicht von der Hand ist es ihr dennoch nicht gegangen, denn zu Beginn des vierten und letzten Bandes ziehen düstere Wolken über Hilla Palm auf. «Der Tod» macht ihr im ersten Drittel des Romans gleich zweifach zu schaffen. Erst kommt ihr Verlobter Hugo, empfindsamer Spross einer sehr auf Prestige bedachten Kölner Grossbürgerdynastie, bei einem Autounfall im 2 CV ums Leben. Dann stirbt der Vater, der sich jahrzehntelang an der Maschine kaputtgeschafft hat.

Mit beiden Todesfällen einher geht eine biografische Wende, die Ulla Hahn für sich selbst klären musste: die Hinwendung der Doktorandin zum moskautreuen Kommunismus, nicht ohne dichterische Rückendeckung. «Leben die Bücher bald?», zitiert Ulla Hahn mehrfach Hölderlins Gedicht «An die Deutschen». «Tatenarm und gedankenvoll» will Hilla Palm fortan nicht länger sein. Sie wechselt die Universität, den Doktorvater, beschäftigt sich mit Arbeiterliteratur. Sie versöhnt sich gerade noch rechtzeitig mit dem Vater, für den sie sich so viele Jahre geschämt hat – nicht zuletzt, weil er ihr den Sinn für das vermeintlich nutzlose Schöne mit roher Gewalt austreiben wollte. Und sie wird fünf Jahre lang zur emsigen Arbeitsbiene der DKP. «Wie konnte ich nur?», dieser Frage widmet sich «Wir werden erwartet» in der gewohnten Gründlichkeit und Anschaulichkeit, lebhaft, geistreich, auch mit Humor, hin und wieder ein wenig selbstgefällig.

Kämpfen für «eine Sache, grösser als man selbst»

Konnte Hilla wirklich so fromm hohlen Parolen folgen, so naiv in die DDR reisen, sich das dort Erlebte zunächst schönreden? Nach Hunderten von ideologisch aufgeladenen Seiten (zum Glück durchsetzt von erzählerisch brillanten Episoden) geht es am Ende recht schnell mit der Ernüchterung. Dabei waren die beiläufig hingekritzelten Gedichte auf den Rückseiten von Flugblättern mehr als ein Hinweis darauf, dass die sprachsensible junge Frau nie ganz warm wird mit den strammen Parteigenossen.

Eher glaubt man ihr, dass sie die Entfremdung vom Elternhaus nach dem Tod des geliebten Mannes umso schmerzlicher registriert. Dass sie, um Trauer und Zorn zu überwinden, «eine Sache, grösser als man selbst» anpacken will – für die kleinen Leute. So schreibt sie in Erinnerung an einen Spaziergang am Rheinufer mit dem todkranken Vater: «Ich wollte alles tun, um seinen Nacken, Nacken wie den seinen, beschämte Nacken, Nacken voller Niederlagen, Nackenschlägen, um all die geduckten Nacken wieder aufzurichten.» Es braucht etliche Jahre und Umwege, bis Hilla Palm alias Ulla Hahn merkt, dass sie dafür nicht Parteizeitungen verkaufen und die Proletarier aller Länder vereinen, sondern Dichterin werden muss: Autorin ihres eigenen Lebensromans.

Bettina Kugler

Ulla Hahn: Wir werden erwartet, DVA, 640 S., Fr. 39.-

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