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LITERATUR: Die Kunst der Unaufdringlichkeit

Fasziniert von Karl Stauffers Porträts der Kunstmäzenin Lydia Welti-Escher, greift Lukas Hartmann in seinem neuen Roman «Ein Bild von Lydia» erzählerisch zum Pinsel – und lässt viel Weiss zu.
Bettina Kugler
Lydia Welti-Escher (1858–1891) (Bild: Karl Stauffer/Kunsthaus Zürich)

Lydia Welti-Escher (1858–1891) (Bild: Karl Stauffer/Kunsthaus Zürich)

Bettina Kugler

Eine selbstbewusste junge Frau soll sie gewesen sein, belesen, an Musik und Kunst interessiert: Lydia Welti-Escher, geboren 1858 als einzige Tochter des «Eisenbahnkönigs» Alfred Escher. Die Mutter starb früh, das Verhältnis zum Vater war eng. Er traute ihr Büroarbeiten und die Haushaltsführung der herrschaftlichen Zürcher Villa Belvoir zu. Illustre Persönlichkeiten gingen hier ein und aus, unter ihnen auch der Schriftsteller Gottfried Keller. Er darf nicht fehlen, wenn Lukas Hartmann in seinem neuen Roman die Millionenerbin Lydia Welti-Escher in den Mittelpunkt rückt, wenn er sie in wechselnder Garderobe und Aufmachung, in ihrem gleichförmigen grossbürgerlichen Alltag und an den Extrempunkten ihres kurzen Lebens porträtiert – so wie es ihr Geliebter Karl Stauffer-Bern in Skizzen und auf Leinwand getan hat.

Alltagskizzen und Helldunkel einer Epoche

«Ein Bild von Lydia» taucht ein in die Entstehungszeit dieser Porträts; es nimmt sich Zeit für den genauen malerischen Blick ins Intérieur eines vornehmen Bürgerhauses, auf eine Gesellschaft mit strengen sittlichen Vorstellungen und auf eine Frau, die sich den Erwartungen und den Regeln des «Anstandes» widersetzen wird. Lydia Welti-Escher heiratet zu früh – kurz nach dem Tod ihres Vaters. Sie heiratet den Sohn des mächtigen Bundesrates Emil Welti, mit dem Escher heillos zerstritten war. Sie lässt sich von Karl Stauffer, Freund ihres Ehemannes, porträtieren und brennt später mit ihm durch. Für beide wird die kurze Affäre tragisch enden, denn die Männer im Umfeld sitzen am längeren Hebel. Stauffer wird in Rom verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, Lydia in ein Irrenhaus eingewiesen. Zwar kommen sie frei, doch zur Konvention finden sie nicht mehr zurück. Karl Stauffer wird sich mit einer Pistole lebensgefährlich verletzen, Lydia Welti-Escher an ihrem Rückzugsort in Champel bei Genf den Gashahn aufdrehen.

Dies mag Stoff sein für leidenschaftliches Gefühlskino; das jedoch wäre Hartmann zu trivial. Er sucht einen anderen Zugang, nähert sich Lydia auf der Basis gründlicher biografischer und historischer Recherchen mit dem feinen Pinsel des Malers, mit behutsamem Strich, mit Sinn für Licht und Schatten. Seine Perspektive freilich ist nicht die des Künstlers und Geliebten, sondern jene des Dienstmädchens Marie Louise Gaugler, genannt Luise.

Selbstbehauptung aus weiblicher Perspektive

«Du bist einfach ein nettes Persönchen», lässt Hartmann Gottfried Keller einmal am Tisch dieser Luise wohlwollend zuflüstern. Und er hat recht: Mit ihrem naiven, gutherzigen Blick, ihrer Zurückhaltung und Loyalität der Dienstherrin gegenüber ist Luise eine sympathische Figur, ein junges Mädchen, das sehr genau beobachtet und vorsichtige Schlüsse zieht. Immer deutlicher erkennt Luise mit wachsendem Selbstvertrauen und Verstand, dass ihre Herrin in Herzensdingen kaum freier ist als sie selbst. Eher im Gegenteil.

Auch wenn Luise als Kammerzofe der unglücklichen Lydia sehr nahe kommt, ihr Leiden und ihren Verfall drastisch erlebt, so bleibt doch Distanz bestehen und Diskretion gewahrt. Manchen Streit hört sie gedämpft hinter Türen und Wänden, selten genug kommt es zu kleinen Vertraulichkeiten, doch nie wird Lydia ihr wahres Gesicht offen zeigen. Sie bleibt bis zum Schluss ein Geheimnis. Über ihre Beweggründe, die spätere Verzweiflung und Zerrüttung kann man allenfalls Vermutungen anstellen.

Die weisse Lydia – und die im roten Kleid

Interessant erscheint in diesem Zusammenhang das Coverbild: nicht etwa «Die weisse Lydia», jenes Porträt, für das Lydia Welti-Escher zu Beginn des Romans Karl Stauffer Tag für Tag Modell sitzt. Sondern ein Ausschnitt der unvollendeten «roten Lydia», entstanden 1886 – ein sehr dynamischer zumal, vom Ausschnitt abwärts bis zum Knie. Man sieht nicht, wer diese Frau ist; sie sitzt nicht ruhig da, sondern schickt sich an zu einem sehr entschlossenen Schritt. Die «rote» Lydia hat auch in Hartmanns Roman einen indirekten Auftritt, über den sich Stauffer ziemlich ärgert. Zur Enthüllung der «Weissen Lydia» erscheint sie im roten Kleid, Luise verteidigt sie, doch Stauffer hat sie für einmal durchschaut. «Sie wollte ein Zeichen setzen. Unabhängig will sie sein, die grande dame.» Sie ist es erst in ihrem endgültig letzten Schritt.

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