LITERATUR: Die Luzern-Prag- Connection

In den 1970er- und 1980er-Jahren war Luzern heimliche Hochburg der tschechischen Literatur. Pavel Kohout und der Luzerner C. J. Bucher Verlag erlebten auch Skurriles mit dem Geheimdienst.

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Der tschechische Autor Pavel Kohout (links) 1975 im Gespräch mit Luzerns Stadtpräsident Hans Rudolf Meyer. Anlass ist die geplante Uraufführung von Kohouts Stück «Roulette» am Stadttheater. (Bild Emanuel Ammon/Aura)

Der tschechische Autor Pavel Kohout (links) 1975 im Gespräch mit Luzerns Stadtpräsident Hans Rudolf Meyer. Anlass ist die geplante Uraufführung von Kohouts Stück «Roulette» am Stadttheater. (Bild Emanuel Ammon/Aura)

Julia Stephan

In Kleider genähte Manuskripte, in Sandwiches verpackte Zettel und Geheimagenten der CSSR, die in ihren fantasievollen Protokollen aus einer angeheiterten Künstlergruppe eine Säuferbande machen: Das sind Geschichten, wie sie in Prag einst der Kalte Krieg geschrieben hat. Ihre Nebenstränge reichen bis in die Zentralschweiz.

Denn Luzern war in den 1970er- und 1980er-Jahren heimliche Verlagshauptstadt der tschechischen Literatur. Diesen Ruf hat der Stadt der ehemalige C. J. Bucher Verlag eingebracht. Unter der Leitung seiner Verlagschefin Alice Bucher sicherte man sich in Luzern nach dem Scheitern des Prager Frühlings früh die Rechte an den Werken regimekritischer tschechischer Autoren, die in ihrer Heimat weder schreiben noch publizieren durften, und kümmerte sich um ihre weltweite Vermarktung.

Schweizer schmuggeln Bücher

Während die zum Verlagsprogramm gehörenden Autoren wie Pavel Kohout, Ivan Klíma, Alexandr Kliment, Ludvík Vaculík oder Jirí Šotola in ihrer Heimat in Spitälern die Böden schrubbten oder als Nachtportier arbeiten mussten, entwickelte Jürgen Braunschweiger, der deutsche Leiter des Buchverlags bei C. J. Bucher, mit einer Gruppe von Schweizern ein ausgeklügeltes System, um die im Verborgenen geschriebenen Manuskripte nach Luzern zu schmuggeln.

Angefangen hat alles mit dem tschechischen Schriftsteller und Intellektuellen Pavel Kohout, der zu Besuch im Stanser Literaturhaus Zentralschweiz war (wir berichteten letzte Woche am Donnerstag). 1969 publizierte er beim Bucher Verlag sein erstes Prosawerk. Sein «Tagebuch eines Konterrevolutionärs» sollte die eisige Brise nach dem Prager Frühling auch für Westler spürbar machen. Geschrieben hat er das Buch nicht ganz freiwillig, wie er in seinen Memoiren augenzwinkernd zugibt.

Geburtshilfe geleistet hat ein beharrlicher Mann: der 2004 verstorbene Jürgen Braunschweiger. Er suchte wie viele Verlagsleiter seiner Zeit nach Stimmen des Prager Frühlings. Den tschechischen Intellektuellen Kohout entdeckte er bei einem Fernsehauftritt im Schweizer Fernsehen. Drei Schweizer Verlagshäuser versuchten den Dramatiker nach seinem Auftritt für sich zu gewinnen, Braunschweiger gab als Einziger nicht auf, reiste dem Schriftsteller hinterher und gewann. Kohout war es auch, der Braunschweiger weitere wichtige Autoren aus seiner Heimat vermittelte. Sie alle publizierten fortan bei C. J. Bucher. Das Verlagsprogramm fand Beachtung über die Schweizer Grenzen hinaus.

Ein Verlag unter Beobachtung

Die Autorenbetreuung erforderte einiges an Einfallsreichtum. Der tschechische Geheimdienst machte es dem Bucher Verlag nicht leicht. Ausreiseverbote behinderten die Zusammenarbeit, der schriftliche Verkehr war nur eingeschränkt möglich, Telefonleitungen waren oft tot. Überall lauerte die Zensur.

Autorenhonorare versickerten im Staatsapparat, weshalb der Bucher Verlag die Tantiemen lieber über Helfershelfer in die CSSR bringen liess. «Wenn unsere Schweizer Freunde heimlich Honorare mitbrachten, haben wir vor der Kostenabrechnung immer ein Frühstück im Freien organisiert», erinnert sich der Schriftsteller Alexandr Kliment, Schützling des Bucher Verlags. Alles vor den Augen der Staatssicherheit, die dann rapportierte, «dass wir eine Säuferbande sind und uns vom deutschen Bundesnachrichtendienst oder vom amerikanischen CIA aushalten lassen». Die «Pravda», Hauptzeitung der Kommunistischen Partei der Slowakei, machte sich 1973 im Dienst der Staatspropaganda über den Bucher Verlag lustig und bezeichnete Verlegerin Alice Bucher frech als «75-jährige Oma». Alice Bucher, die ihre Autoren auch mal in einem exzentrischen Rolls-Royce in Prag besucht haben soll, muss als Frau in einer Männerbranche eine sehr resolute Persönlichkeit gewesen sein. Kohout hat sie in seinen Memoiren augenzwinkernd als «Oberkommandantin von Jürgen Braunschweiger» bezeichnet.

Zwei Wochen Luxus

Der Autor erinnert sich gern zurück an das Jahr 1969, als ihn Braunschweiger mit anderen Tschechen im Hotel Luzernerhof einquartiert hatte. Kohout sollte dort in Ruhe an der dreisprachigen Ausgabe seines «Tagebuchs» arbeiten. Als die Verlegerin die Lebensbedingungen ihrer Autoren persönlich überprüfen kam, soll sie beim Anblick der kleinen Hotelzimmer den Satz «Wie können Sie solche Geister in einem solch gedrängten Raum arbeiten lassen?» ausgerufen haben.

Ohne zu zögern, habe sie die Autoren samt Begleitung in eine Limousine gepackt und ins Grand Hotel Montana verfrachtet. Die paradiesischen Zustände dauerten zwei Wochen. Vielleicht hatte die Verlegerin einen Blick auf die Hotelabrechnungen geworfen. Auf ihren Befehl wurden die Autoren aus dem «Luxusetablissement» wieder ausquartiert und in den «Luzernerhof» zurückgeschickt. Es ist nicht Kohouts letzter Besuch in Luzern geblieben. Der damalige Stadtpräsident und Vorsteher der Stanser Musikfestwochen (IMF), Hans Rudolf-Meyer, bekannt auch unter dem Kürzel HRM, setzte sich stark für die tschechischen Künstler ein. So durfte Pavel Kohout 1975 für die Stanser Musikfestwochen das Stück «Roulette» schreiben, das am Luzerner Stadttheater zur Uraufführung kam. Als Jürgen Braunschweiger ab 1971 die Einreise in die CSSR verboten wurde, war er auf die Hilfe Dritter angewiesen. Den heute noch in Stans lebenden ehemaligen Nidwaldner Landammann und Kunstschmied Bruno Leuthold lernte Braunschweiger über den in die Schweiz emigrierten Bildhauer Pavel Krbalek kennen. Mehr als 30-mal ist Leuthold im Namen der Literatur in die CSSR gereist, 1971 zum ersten Mal in Begleitung von Braunschweigers Gattin Liz. Der Geheimdienst der CSSR liess sich allerhand einfallen, um Leuthold das Leben schwer zu machen. Man beobachtete ihn, fühlte ihm am Flughafen auf den Zahn und durchwühlte seine Koffer. Sogar der Start einer Swissair-Maschine soll einmal wegen ihm verzögert worden sein.

Doch Bruno Leuthold war erfinderisch auf seinen Botengängen. Er nähte die Manuskripte in seine Kleider oder verteilte das heikle Material auf Begleitpersonen. Erwischt wurde er nie. Zwischen den Jahren 1973 und 1979 erklärte ihn die CSSR zur Persona non grata und verweigerte ihm die Einreise. Der inzwischen verstorbene tschechische Staatspräsident und Schriftsteller Václav Havel, mit dem Leuthold eng befreundet war, verlieh ihm für seinen Einsatz als Postbote im Jahr 2000 die Verdienstmedaille ersten Grades.

Bücher im Botschaftskeller

Gute Dienste für die tschechische Literatur geleistet hat auch der damalige Schweizer Botschafter Walter Jäggi: Da sich die Schweizer Botschaft in jenen Jahren in einem einfachen Mietshaus befand, in dem auch Pavel Kohout lebte, schoben die beiden Kohouts Archiv in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einfach in den benachbarten Keller. So gelangte das Material nach dem Abschied des Botschafters erst mal nach Stans, wo es jahrelang bei Bruno Leuthold lagerte, bevor es nach der Wende seinen Rückweg nach Prag antrat.

Der tschechische Autor Pavel Kohout (links) 1975 im Gespräch mit Luzerns Stadtpräsident Hans Rudolf Meyer. Anlass ist die geplante Uraufführung von Kohouts Stück «Roulette» am Stadttheater. (Bild Emanuel Ammon/Aura)

Der tschechische Autor Pavel Kohout (links) 1975 im Gespräch mit Luzerns Stadtpräsident Hans Rudolf Meyer. Anlass ist die geplante Uraufführung von Kohouts Stück «Roulette» am Stadttheater. (Bild Emanuel Ammon/Aura)