LITERATUR: Diogenes vom Schrottplatz

Jens Steiners Romanhelden bewegen sich gern an Rändern der Gesellschaft. In «Mein Leben als Hoffnungsträger» wird der Recyclinghof zum Spiegel der Welt.

Bettina Kugler
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Jens Steiner erzählt im neuen Roman von einem Hoffnungsträger, der sein Glück in den Bäumen findet. (Bild: Luca Linder (Winterthur, 1. Oktober 2013))

Jens Steiner erzählt im neuen Roman von einem Hoffnungsträger, der sein Glück in den Bäumen findet. (Bild: Luca Linder (Winterthur, 1. Oktober 2013))

Bettina Kugler

Treffen sich zwei junge Männer Mitte zwanzig beim Herumstrolchen am Fluss. «Und?», fragt der eine, weil diese Frage tief in uns verwurzelt ist, «was machst du so im Leben?» Sagt der andere: «Ach, dies und das. Meistens dies. Manchmal das. Ab und zu etwas ganz anderes.» Kann daraus ein Roman werden? Selbstverständlich – wenn ein so hintersinniger Beobachter und Grübler wie Jens Steiner der Autor ist. Drei Bücher hat er bislang herausgebracht, in nicht zu grossen und nicht zu kleinen Abständen. Jedes Mal verblüffte er mit eigenwilligen Perspektiven und einem jeweils passenden Ton. Das Debüt «Hasenleben» (2011) schaffte es aus dem Stand auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis, der zweite Roman «Carambole» wurde 2013 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

Auf «Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit» folgt nun «Mein Leben als Hoffnungsträger» und verfestigt ein Spezialgebiet Jens Steiners: den Blick auf die Gesellschaft vom Rande her, in einer Sprache, die zuweilen mit dem Erzähler durchgeht. Philipp, angelernter Entsorger und Hoffnungsträger seines Chefs Uwe Löhlein, ist ein Taugenichts wie viele in der Literaturgeschichte – einer, der sich dem gut geölten Sortiersystem der Leistungsgesellschaft und den Erwartungen seines Vaters entzieht. Er flaniert allerdings nicht durch eine biedermeierliche Idylle, sondern wählt einen Unort als Beobachtungsposten: den Recyclinghof.

Am Ende wartet der Presscontainer

Hier kreuzt der von der Warenfülle überforderte Zeitgenosse immer dann auf, wenn er dringend Ballast abwerfen muss und nicht mehr weiss, wohin mit all den Sachen, die er irgendwann unbedingt anschaffen oder sammeln musste. Gelassen wie Diogenes in seiner Tonne begegnet Philipp der wechselnden Kundschaft und lässt sich von Uwe Löhlein (der ihn an der Endschleife des Trams beim «m&m»-Verzehr als Hoffnungsträger aufgelesen hat) in die Technik und Weisheit des Sortierens einführen. Für beides zeigte er schon als Vierjähriger Talent.

Generationsroman, Satire und Gaunerkomödie

Wie es sich gehört für einen Bildungsroman, lässt Steiner den Ich-Erzähler zurückblicken in seine saubere, behütete Achtzigerjahre-Kindheit. Von der frühen Lust an der Fülle beim Spielen mit der Kinderpost (nicht so wie vorgesehen), dem Aufsammeln und Horten von Silberpapier und ersten peinlichen Erfahrungen als Teenager führt die Entwicklung recht konsequent über eine abgebrochene Mechatroniker-lehre auf den Recyclinghof.

Dass der muntere Uwe hier Philipps «Potenzial» fördern will, macht von Beginn an skeptisch. Man ahnt: Philipp wird eine Weile über die Welt und ihre komplizierten Warenkreisläufe staunen, über das Eigenleben der Dinge im Verhältnis zum funktionierenden «Verbraucher» – dann aber weiterziehen. Er bleibt ein Luftikus, ein Glücksritter wie Zamboni in Italo Calvinos «Der Baron in den Bäumen», auf den Steiner charmant Bezug nimmt. Das Spiel mit dem Motiv geht so weit, dass Philipps Geliebte Mila bei Gartenarbeiten vom Baum fällt und sich das Bein bricht.

Raffiniert verschränkt der Roman das Lebensgefühl der Generation Y mit einem satirischen Blick auf die Wegwerfgesellschaft – und erzählt wie nebenbei noch eine slapstickreiche Ganovenstory. Denn zum philosophischen Schrottquartett gehören neben Philipp und Uwe, dem Deutschen aus «NRW» («mein lieber Herr Gesangsverein!»), zwei Portugiesen mit Spürnase für alles, was sich vom Entsorgten noch einmal auf den Markt werfen lässt: Arturo, der Herumsteher vom Dienst, und der umtriebige João. Im Abfall fischen sie nach Sinn und Werten. Den Rest erledigt der Presscontainer.