LITERATUR: Direkt aus der Seelenhölle des Komikers

Er ist einer der bedeutenden Schriftsteller Israels: Dem 62-jährigen David Grossman gelingt mit «Kommt ein Pferd in die Bar» erneut ein Meisterwerk.

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Begeistert einmal mehr: David Grossman. (Bild: EPA)

Begeistert einmal mehr: David Grossman. (Bild: EPA)

Dieser Mann muss in den nächsten Jahren den Literaturnobelpreis erhalten. Wie David Grossman gesellschaftlich Dringliches in persönlich Existenziellem verankert und sichtbar macht, ist schlicht grossartig. Der 62-jährige Schriftsteller verortet seine Romane immer klar in der israelischen Gegenwart und schafft gleichzeitig mit psychologisch abgründigen Figuren, formaler Raffinesse und tiefer Menschenkenntnis atemberaubende Weltliteratur.

Erzählend das Reale überlisten

Literatur, die weit über ihre Herkunftsregion hinaus Leser erschüttert und begeistert. Dies vor allem, weil Grossman den Kern der Literatur, nämlich das Erinnern, das Erzählen und das Schreiben, zum verzweifelten Überlebensakt seiner Figuren macht. So auch im neuen Roman «Kommt ein Pferd in die Bar». In diesem verwandelt er einen zynischen Stand-up-Comedian während eines Bühnenauftritts in einen ein­samen, innerlich zerrissenen Mann, der sich immer noch schuldig fühlt für den 40 Jahre zurückliegenden Suizid seiner Mutter, einer schwer traumatisierten Schoah-Überlebenden. Eine so zarte, beschädigte männliche Seele in einer so groben, harten Schale hat man noch kaum je präsentiert bekommen.

David Grossman leuchtet von Buch zu Buch immer neue Facetten der Tragédie humaine aus: In «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» (2009) ist es eine Mutter, die ihren freiwillig im Krieg kämpfenden Sohn durch Erinnern und Erzählen am Leben erhalten will, gleichzeitig aber aus ihrem Haus flieht, damit sie die mögliche Nachricht seines Todes durch ihre Abwesenheit verhindern kann – ein verzweifelt-magischer Versuch, die Realität zu überlisten.

Noch während Grossman dieses Buch schreibt, fällt sein eigener Sohn 2006 im Libanonkrieg. Was für den Autor besonders bitter sein musste, ist er doch einer der bekanntesten Friedensaktivisten Israels und einer, der sich seit Jahrzehnten um die Versöhnung mit den Nachbarn bemüht. 2010 erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Den Verlust des Sohnes verarbeitet er drei Jahre später in «Aus der Zeit fallen». Dort ist es ein Vater, der in einer Art kollektiven Klagelieds die Trauer bewältigt – formal aufgebrochen in Gedichten, Monologen, Dialogen und Chorgesängen.

Mitreissender Seelenstriptease

Und nun kommt also in «Kommt ein Pferd in die Bar» ein 57-jähriger Stand-up-Comedian als abgewirtschafteter Zyniker zu einem düsteren Bühnenauftritt mit schwärzestem Humor, der sich allmählich zum atemberaubenden Seelenstriptease steigert. Hiesige Comedy-Kleinkünstler müssten mit ihren austauschbaren Scherzen und Parodien geradezu erbleichen.

Dieser Comedian, der sich Dovele nennt, beleidigt mit grobem Geschütz das Provinzpublikum, das für einen Abend mit ein paar Witzen den Alltag der Besatzung und die ewigen Schoah-Geschichten vergessen will. Diese Witze können durchaus scharf gewürzt sein. Ein gutes Dutzend davon baut Grossman denn auch in Doveles Auftritt ein, immer dann, wenn der Comedian das Publikum zu verlieren droht. Dieses wird trotzdem schnell ungeduldig, ja, ist angewidert von Doveles Selbstkasteiung. Einige bleiben, weil sie nicht widerstehen können, in die Seelenhölle eines anderen zu blicken.

Andere verlassen den Saal, als sie merken: Statt Lachpointen zu bringen, erzählt Dovele lieber mit immer schwärzerem Humor von den grössten Tiefschlägen seines Lebens: von der trauma­tisierten Mutter, die er mit verzweifelten Clownerien und mit Handstandlaufen wenigstens für Minuten zum Lachen gebracht hatte, vom prügelnden Vater, der als verbissen-militaristischer Perfektionist seine Unterhosen bügelte, von den Demütigungen im militärischen Schullager, von wo der kleine Dovele direkt zu einer Beerdigung gefahren wurde, ohne dass ihm jemand sagt, wer denn gestorben ist.

Grossman erzählt hier eine grausige Groteske, die aber die grundlegenden familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse, die ernsten Fragen von Loyalität und Verrat in Frage stellt und letztlich in melancholischer Humanität auflöst.

Wie ein heilsamer Faustschlag

David Grossman schildert uns den Bühnenauftritt mit den Augen eines Jugendfreundes von Dovele, eines nun pensionierten Richters. Dieser sitzt auf Einladung Doveles im Publikum, trägt selbst einen frühen Verrat am Jugendfreund mit sich herum. Grossman knallt dem Leser die ruppig-morbide Beziehung zwischen Dovele und seinem Publikum an den Kopf: «Bin ich nicht mehr lustig?», fragt Dovele öfters und schlägt sich dann jeweils die Faust ins Gesicht. Wie ein heilsamer Faustschlag trifft dies auch die Leser. Grossartig, wie er geradezu filmisch anschaulich Doveles Bühnenauftritt beschreibt.

Behutsam und gemächlich hingegen das Tempo, in dem er in Rückblenden die Vergangenheit mit dem Trauma eingebildeter Schuld enthüllt. Ein wuchtiges Buch, das 250 Seiten lang begeistert.

Hansruedi Kugler

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar, Hanser, 252 S., Fr. 31.90.