LITERATUR: Ein Neoliberaler macht schlapp

Jonas Lüscher ist ein intellektueller Star: Nach «Frühling der Barbaren», einer Groteske zum Finanzkapitalismus, schickt er in «Kraft» einen neoliberalen Professor auf satirisches Glatteis.

Hansruedi Kugler
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Jonas Lüscher schreibt endlose Sätze und trotzdem oft witzig. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Jonas Lüscher schreibt endlose Sätze und trotzdem oft witzig. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Der Titel «Kraft» ist ironisch. Dem akademischen Helden Richard Kraft ist nämlich die Schaffens- und Lebenskraft ausgegangen. Und man darf vermuten, dass der heute in München lebende Zürcher Jonas Lüscher diese Figur mit grosser Lust seziert hat.

Schon in der Novelle «Frühling der Barbaren» hat er 2013 die Finanzkrisen der jüngeren Vergangenheit zur makabren Groteske gesteigert. In «Kraft» überführt er nun einen neoliberalen Denker: Kraft ist ein beziehungsunfähiger Schwätzer, der seinen Vorbildern Margaret Thatcher und Ronald Reagan huldigt und den harten Wirtschaftsliberalismus eines Otto Graf Lambsdorff als ideologische Bibel sieht.

Die kurze Namensliste macht deutlich: Eine leichtfüssige Satire sollte man nicht erwarten. Denn Lüscher taucht tief in die Politik der BRD der frühen 1980er-Jahre und in die wirtschaftspolitischen Debatten ein: Nato-Doppelbeschluss und der Machtwechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl. Was für zeitgeschichtlich Informierte eine reizvolle Verbindung fiktiver Figuren mit dokumentarisch ausgebreiteter Politgeschichte ergibt.

Reden die Figuren oder spricht der Erzähler?

Zum leisen Sarkasmus muss sich der Leser aber allzu oft durch einen Wust hochgestochener Formulierungen kämpfen. Reden die Figuren oder spricht der Erzähler? Lüscher hält das zu wenig auseinander. Allerdings sind die langen Relativsätze, die an Thomas Mann oder Gottfried Keller erinnern, für Sprachliebhaber ein Genuss und markieren gleichzeitig die ironische Erzählerhaltung.

Richard Kraft ist Rhetorik-Professor und reist im vorgerückten Alter nach Kalifornien, um an einem Essay-Wettbewerb teilzunehmen. Er braucht das Geld, weil er sich scheiden lassen will. Nun sitzt er an der Elite-Uni Stanford unter dem Porträt des süffisant lächelnden Donald Rumsfeld – und hat einen Schreibstau. Mal stört ihn die staubsaugende Mexikanerin, mal kentert er beim Rudern, wobei er Hose, Handy und Würde verliert. Dann bastelt er sich mit Schere und Leim aus Zitaten ein Vortragsmanuskript zusammen, das er dann als «Hühnerkacke» zerreisst.

Der Roman ist phasenweise hochkomisch und realsatirisch. Und da sind noch in Rückblenden drei Frauen und vier Kinder in Krafts Leben. An der Bildhauerin Ruth schätzt er deren breites Becken – das abstrakte Ideal der Familiengründung scheint greifbar. Die Biologin Johanna lacht ihn aus, als er pathetisch Ernst Jünger zitiert, und die Unternehmensberaterin Heike ist ohnehin cleverer als er.

Krafts Ideale erweisen sich als lächerliche Kopfgeburten. Lüscher schreibt die Akademikersatire aber nicht zur pointenseligen Brachialkomödie. Er erweist sich auch in diesem Roman als aussergewöhnlich präziser Beobachter, der mehrschichtig ein Psychogramm mit der Zeitgeschichte und dem Zeitgeist verbindet. Da verzeiht man ihm seine verschnörkelten Endlossätze.

Hansruedi Kugler

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis
Jonas Lüscher: Kraft. C. H. Beck, 237 Seiten, ca. 29 Franken.