Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

LITERATUR: Eine dunkle poetische Mischung aus Buch und Comic

Jetzt erscheint «Ungewisses Manifest 1» des Genfers Frédéric Pajak auf Deutsch. Es macht aufmerksam auf einen Autor, der Text und Bild auf spezielle Art für seine Erzählung nutzt.
Frédéric Pajak schafft mit «Ungewisses Manifest 1» ein ganz eigenes Genre. (Bild: PD)

Frédéric Pajak schafft mit «Ungewisses Manifest 1» ein ganz eigenes Genre. (Bild: PD)

Die mal filigranen, mal wuchtig expressiven Tuschzeichnungen fallen sogleich ins Auge. Frédéric Pajaks «Ungewisses Manifest 1» ist ein eindrucksvolles Bilderbuch, zugleich ist es eine autobiografische Erzählung und ein Essay über die 1930er-Jahre. Es entzieht sich den herkömmlichen Zuschreibungen und schafft sein eigenes Genre.

«Ich bin ein Kind, vielleicht zehn Jahre alt. Ich träume von einem Buch, das Wörter und Bilder vereint.» So setzt der 1955 geborene Pajak im Vorwort auf seiner «Spur der Ungewissheit» an. Das Buch musste lange reifen, bis der erste Band des «Manifeste incertain» 2009 erscheinen konnte. Auf Französisch sind zwei weitere Bände herausgekommen.

Frédéric Pajak, der 2015 einen der Schweizer Literaturpreise erhielt, erzählt in knappen Umrissen von einem Jungen, den die Liebe seiner Grossmutter durch die schwierigen Jahre des Aufwachsens trägt. Schon im Namen ist der Pascha mit angelegt. Der Hang zur Trägheit lässt ihn keine rechte Arbeit finden. Mit Gelegenheitsjobs frisst die Gegenwart die Zeit auf und «zerbröselt» sie in eine ungewisse Zukunft – wie er schreibt.

Zurück in die Erinnerung

Nach einem ersten Kapitel, in dem er sich als Knabe mit Zigarette darstellt, erfolgt ein Schnitt. Pajak blendet in die Zeitgeschichte zurück, um zuerst an den holländischen Maler Bram van Velde, dann an den deutschen Kulturphilosophen Walter Benjamin zu erinnern.

1932 und nochmals 1933 schiffte sich Benjamin ein, um einige Wochen auf Ibiza zu verbringen. Um die Reise zu bezahlen, hatte er beim Bücherkauf gespart. Er nahm die Zeichen der Zeit deutlich war: die Aufmärsche der Nazis, die bösen Witze über die Juden, die damals noch als Witze aufgefasst werden konnten. Das würde sich bald ändern.

Benjamin war ein scheuer, linkischer Mensch, er galt als Bourgeois und Marxist und als schwer verständlicher Denker. Seinen Platz in der Welt hatte er nie richtig gefunden, seine Interessengebiete verzweigten sich in zu viele Richtungen: Kommunismus und Messianismus. Noch glaubte er 1932, in Deutschland bleiben zu können, Ibiza war eine Ausflucht. Später würde es für ihn zu spät sein.

Vielleicht ist es das Meer, das ihn mit dem Erzähler verbindet. Auch er verbringt die Zeit am Strand, als er beschliesst, endlich das Buch zu schreiben und zu zeichnen: «Ein wenig zu sagen, was ich lese, was ich lebe, warum, wie.» Er erinnert sich, wie er zwei alte Schulkollegen trifft, die weiterhin ihre puerilen faschistischen Ansichten vertreten.

Er sieht die beiden durch die Folie Benjamins. Der eigenwillige Denker leitet Pajak auch in seiner episodischen Erzählweise an. Wie verstreute Mosaikstücke bilden sie als Ganzes einen tieferen Zusammenhang.

Text und Bild

Von wenigen Ausnahmen abgesehen ziert jede Seite eine Tuschzeichnung. Sie bestechen durch filigrane Genauigkeit und durch eine eindrückliche Palette an expressiven Stimmungen und Landschaften. Im unteren Drittel werden sie jeweils von Text begleitet und erweitert.

Pajak hält das Verhältnis von Bild und Text raffiniert offen. Mal illustriert er das Geschriebene. Mal ergänzen oder kontrastieren sich die Ebenen oder laufen parallel nebeneinander her, um gegenseitig ein Angebot zur Diskussion zu machen. «Ungewisses Manifest 1» ist weder Roman noch Essay noch Graphic Novel – vielmehr eine dunkle poetische Mischung von allem zusammen.

BEat Mazenauer, sfd

Frédéric Pajak: Ungewisses Manifest 1. Walter Benjamin, versehrter Träumer in der Landschaft. Edition Clandestin, 190 Seiten, 39 Franken.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.