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LITERATUR: Eine Familiengeschichte wie ein Krimi

«Sie kam aus Mariupol» ist ein erschütternder Roman. Für ihn hat Natascha Wodin den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik erhalten.
Ulf Mauder (dpa)
Die Autorin Natascha Wodin. (Bild: Susanne Schleyer/PD)

Die Autorin Natascha Wodin. (Bild: Susanne Schleyer/PD)

Mit ihrer intimen Familiengeschichte bringt die Autorin Licht in ein Leben voller Schrecken in den Diktaturen Stalins und Hitlers. Sie selbst kam als Kind ehemaliger Zwangsarbeiter zur Welt. Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass sich Natascha Wodins von Nazis aus der Ukraine verschleppte Mutter das Leben nahm. Gut 70 Jahre nach ihrer Geburt begibt sich die Autorin auf eine späte Spurensuche. Wer war ihre Mutter, die als Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg in ein Arbeitslager in Leipzig kam? Ihre Mutter, die in der Ukraine erst die Hungersnot unter Diktator Josef Stalin und dann Hitlers Krieg überlebte und sich 1956 im Alter von 36 Jahren in den Tod stürzte.

In «Sie kam aus Mariupol» zeichnet Wodin mit epochaler Sicht und sprachlicher Wucht Weltgeschichte an den Schicksalen ihrer Angehörigen nach – ein Roman, der zutiefst erschüttert. «Um mich in den Augen der deutschen Kinder aufzuwerten, hatte ich ihnen erzählt, meine Eltern, für die ich mich so schämte, seien gar nicht meine wirklichen Eltern», schreibt Wodin. Lange haderte sie, die 1945 in Bayern als Kind heimatloser Ausländer zur Welt kam, mit der eigenen Herkunft.

Finstere Entdeckungen

Es geht Wodin nicht primär darum, die von der deutschen Politik erst spät beachtete brutale Ausbeutung der «Ostarbeiter» aufzuarbeiten. Vielmehr sind das schwierige Verhältnis zur eigenen Mutter und eine verborgene Trauer Ausgangspunkte für das tiefe Graben nach ihren ukrainisch-russischen Wurzeln. Es sind die vielen unerwarteten Momente und finsteren Entdeckungen, durch die sich das Buch stellenweise wie ein Krimi liest.

Über das Internet und mit Hilfe des russischen Stammbaumforschers Konstantin spürt Wodin entfernte Verwandte in der Ukraine und in Russland auf. Mosaikstein um Mosaikstein entsteht das Bild einer Familie, die mit jedem alten Foto, mit jeder Erinnerung auch ihre eigene wird. Eine einst wohlhabende Familie, die im Zuge der Revolutionen in Russland vor 100 Jahren und der Machtergreifung der Kommunisten alles verliert. Diese Menschen machen in der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol Terror und Säuberungen, Hunger und Krieg durch.

Wodins Suche fällt in eine Zeit, da sich die Ukraine einmal mehr von Russland lösen will –und wie ehedem hin- und herge­rissen ist zwischen der russischen und der ukrainischen Sprache. Auch so gelingt es Wodin, Historisches fast zum Anfassen nah in die Gegenwart zu holen.

Der Erzählfluss bleibt unaufgeregt – selbst, wenn der verbreitete Kannibalismus zur Zeit der Hungerkatastrophe in der Ukraine und weitere menschliche Abgründe zur Sprache kommen. Von unschätzbarem Wert dabei sind der Autorin die Lebenserinnerungen von Lidia Iwaschtschenko, der Schwester ihrer Mutter, die ihr in die Hände fallen.

Im Chaos aufgewachsen

Ohne Selbstmitleid erzählt Wodin von sich als Kind, das der Mutter das Leben schwermacht und mit schlimmsten Lügen Unglück sät. Sie schont sich nicht und schönt nichts. Es ist auch die sehr intime Geschichte eines Mädchens, das im Chaos aufwächst, in der Schule von Lehrern und Mitschülern mit Russenhass zermürbt und dann auch noch missbraucht wird. Es ist eine grosse, aber auch unendlich traurige Familiengeschichte, weil es für die Protagonisten oft wenig Hoffnung und schon gar keine Gerechtigkeit gibt.

Ulf Mauder (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

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