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LITERATUR: «Eine Zeit der schrillen Töne»

Als Kind musste sie leise sein, Witze waren verboten. Dana Grigorcea wuchs unter der Diktatur Ceausescus auf. Heute schätzt sie die Schweizer Demokratie. Und hat aktuell ein Buch für lebhafte Kinder geschrieben.
Interview Susanne Holz
Zuletzt war sie mit zwei Romanen auf Erfolgskurs, nun folgt das Kinderbuch. «Von meinen Kindern habe ich wieder gelernt, die Aufmerksamkeit auf kleine Dinge zu richten», sagt Dana Grigorcea. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Zuletzt war sie mit zwei Romanen auf Erfolgskurs, nun folgt das Kinderbuch. «Von meinen Kindern habe ich wieder gelernt, die Aufmerksamkeit auf kleine Dinge zu richten», sagt Dana Grigorcea. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Interview Susanne Holz

Dana Grigorcea, Ihr neuestes Buch ist ein Kinderbuch. Es heisst «Mond aus!» und erzählt von einem Wolf, der nicht schlafen kann. Speist sich dieses Buch aus Ihren eigenen Erfahrungen als zweifache Mutter?

Dana Grigorcea: Ja, meine Kinder schlafen oft nicht ein – manchmal schlafe ich vor ihnen ein, und dann wecken sie mich (lacht). Kinder sind anspruchsvolle Zuhörer: Ich wollte eine Geschichte schreiben, die sowohl meiner Tochter als auch meinem Sohn gefällt. Dieses Kinderbuch ist ein Produkt der Begeisterung mehrerer Personen: der meiner Kinder und der meiner Freundin und Illustratorin Anna Luchs. Und schlussendlich meiner eigenen. Doch hätte ich nicht darauf beharrt, das Buch letztlich auch zu veröffentlichen. Das wiederum verdankt sich der schnellen Entschlossenheit der Glarner Baeschlin-Buchhandlung, die zugleich ein Verlag ist.

Ihr Kinderbuch folgt auf zwei Romane. Wie viel einfacher ist es, ein Kinderbuch zu schreiben?

Grigorcea: Man darf die Arbeit an einem Kinderbuch nicht unterschätzen. Natürlich ist sie weniger zeitaufwendig. Aber ich wollte eine Kinderliteratur gestalten, die die Kinder ernst nimmt. Und ich habe mit Anna, der Illustratorin, zusammengearbeitet, das war sehr spannend. Es war auch schön, zu sehen, wie sich zwei Kunstrichtungen – Bild und Text – ergänzen.

Für Ihren zweiten Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» erhielten Sie 2015 in Klagenfurt den 3sat-Preis. Ein schönes Gefühl?

Grigorcea: Ich habe mich sehr gefreut. Ich ging nach Klagenfurt, um zu sehen, was so ein Wettbewerb aus einem macht. Wie es sich anfühlt. Meine Oma sagte mal: «Mach aus allem in deinem Leben ein denkwürdiges Ereignis.» Ich betrachte den Preis als Geschenk, denn es gibt sehr viel gute Literatur, die keine Preise bekommt.

Für Ihren Erstling «Baba Rada» wurden Sie 2011 mit der Schweizer Literaturperle ausgezeichnet. Eine Überraschung?

Grigorcea: Ich hatte einen erstaunlichen Erfolg, obwohl ich einen kleinen Verlag gewählt hatte. Das war ein bewusster Entscheid, weil mein Mann Perikles Monioudis bei grossen Verlagen schreibt und ich nicht die Frau sein wollte, die vom Glanz des Ehemanns profitiert. Ich durfte dieses Buch übrigens am Schreibtisch von Max Frisch schreiben – als wir nach Zürich kamen, haben wir bei seiner zweiten Frau Marianne gewohnt. Ich dachte mir damals: ‹Was gibt es Schöneres, als in Zürich an Max Frischs Schreibtisch einen Roman zu schreiben?›

Seit mehreren Jahren sind Sie selbst Schweizerin?

Grigorcea: Fünf Jahre nach meiner Heirat 2007 habe ich mich einbürgern lassen. Ich bin nun eigentlich Glarnerin, weil mein Mann Perikles, dessen Eltern aus Alexandria eingewandert sind, in Glarus geboren ist (lacht). Als man mich damals fragte, wieso ich mich einbürgern lassen will, habe ich geantwortet: Ich möchte mitwirken. Ich finde es aber schön, dass ich schon als Schweizer Schriftstellerin galt, bevor ich die Schweizer Dokumente hatte – das ist für mich ein Beweis für die Macht der Kunst, die Grenzen zu sprengen. Wohl weil ich immer unter Künstlern gelebt habe, habe ich auch nie Rassismus erfahren.

Ihr Mann Perikles Monioudis hat 2016 mit «Frederick» einen Roman über den Stepptänzer Fred Astaire veröffentlicht. Tanzen Sie beide selbst gerne?

Grigorcea: Wir tanzen sehr gerne, aber das ist nicht mit Fred Astaire zu verglei­chen (lacht). Das neue Buch meines Mannes begeistert mich. Es ist ein ehrliches, brutales, aber auch anrührendes Buch. Es geht um Perfektion und die Frage, ab wann man ein Künstler ist. Astaire hat seine Kunst perfektioniert. Heute wird Kunst gerne über den Markt definiert – frei nach dem Prinzip «Des Kaisers neue Kleider». Alle stimmen in den Chor mit ein, sofern es einen gibt. Kunst ist aber ernster als solch ein Jahrmarkt.

Wie geht es eigentlich einem Schriftsteller-Ehepaar so? Ist man sich zu ähnlich, oder ist das gerade das Schöne an der Beziehung? Und kommt man finanziell über die Runden?

Grigorcea: Es ist wunderbar, die gleichen Leidenschaften zu haben. Die gleichen Interessen. Wir lesen beide sehr gerne. Seit ein paar Monaten betreiben wir zusammen einen Literaturblog unter www.neue-telegramme.ch. Wir geben Kurzempfehlungen ab und bieten Kurzinterviews mit Autoren. Das kommt sehr gut an. Ich sehe Literatur auch als Angebot, sich nahe zu kommen, ohne sich zu nahe zu treten. Finanziell gehen wir mit zwei Kindern kein Risiko ein: Perikles hat eine Festanstellung als Chefredaktor einer Sportzeitung.

Wo haben Sie zueinander gefunden? In Rumänien, Belgien, Österreich, Deutschland? Alles Orte, an denen Sie bereits gelebt haben.

Grigorcea: Wir haben uns im Literarischen Colloquium am Wannsee kennen gelernt. Bei einer Bootsfahrt haben wir uns unterhalten und unterhalten – bis der Bootsverkehr eingestellt wurde. Seither sind wir ein Paar.

Und wo fühlen Sie sich heute zu ­Hause?

Grigorcea: Zu Hause ist da, wo man wirkt. Ich wirke hier. Ich gehe abstimmen. Bin Teil der Künstlerpartei «Kunst und Politik».

Die Regisseurin Maria Schrader, deren aktueller Film «Vor der Morgenröte» von den Exiljahren des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig erzählt, wurde unlängst in dieser Zeitung mit folgender Aussage zitiert: «Was ich an Zweig so interessant finde, ist sein Weltbürgertum. Seine Utopie war eine geistige Heimat.» Wie wichtig ist Ihnen als schweizerisch-rumänische Schriftstellerin der Begriff von der geistigen Heimat?

Grigorcea: Als Künstler hat man natürlich eine geistige Heimat. Alle Künstler, die man liebt, sind sozusagen Mitbürger. Aber ich finde, dass man da, wo man lebt, auch etwas bewegen sollte. Dazu gibt es hier in der Schweiz sehr viele Möglichkeiten. Und: Künstler sollten die Wahrnehmung für Zustände schärfen.

Seit einem Jahr organisieren Sie in Zürich monatliche Benefizlesungen für Flüchtlinge mit. Wie läufts?

Grigorcea: Sehr gut. Im Herbst starten wir wieder, wie gehabt im Kreis 4, im «Réunion». Der Erlös der Kollekte geht jeweils ans «Schwizerchruez» von Michael Räber, der in Griechenland aktive Soforthilfe leistet.

Müssen sich Schriftsteller politisch einmischen, gerade in unruhigen Zeiten wie diesen?

Grigorcea: Ja, gute Literatur reflektiert, sie nimmt gesellschaftliche Geschehnisse und Stimmungen auf. Autoren haben ein feines Sensorium für das, was um sie herum passiert. Als Autor und als Bürger sollte man sich einsetzen für Rechte, für die Gesellschaft. Bei rumänischen Autoren hat dieses Engagement eine lange Tradition.

Sie sind in Rumänien aufgewachsen. Können Sie erklären, was gerade in den Osteuropäern vor sich geht, die den Flüchtlingen die Tür versperren?

Grigorcea: Die Menschen in Osteuropa sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Mauern im Denken sind noch da, und die Leute begreifen sich immer noch als Opfer. Die Opfer werden zu Tätern – das kennt man ja. Es ist die Stunde der Populisten, auch hier. Aber im Gegensatz zu Osteuropa hat hier die Demokratie Tradition. Es braucht Kraft, um die Mauern im Denken und in den Herzen vieler Osteuropäer zum Einsturz zu bringen.

Welche Themen gehen Ihnen nahe?

Grigorcea: Die Frage nach der Heimat, dem Dazugehören. Die grossen Themen um Leben, Sterben, Liebe, um das Recht darauf, geliebt zu werden. Politisch wünsche ich mir eine Lösung für die Flüchtlingskrise. Ich halte es für eine Schande, in dieser Hinsicht mit Abgrenzung weiterkommen zu wollen. Und ich denke, dass die Rolle Russlands in der Orientkrise zu wenig diskutiert wird. Auf einer Lesereise empfand ich die Atmosphäre im Land als erschreckend. Es war beklemmend, überall auf Hammer und Sichel zu stossen. Den Trend zur Restauration Stalins zu beobachten. Grotesk: Ein Stalin-Bild hing in einem Café namens Berlusconi in Sibirien. Die Kulturnation Russland hätte eine bessere Politik verdient.

Was ist Ihnen wichtiger: Kultur oder Politik?

Grigorcea: Das trenne ich nicht. Das ganze Leben ist eine Kunst: es schön zu leben, es zu feiern. Ich lebe in keinem Elfenbeinturm. Kultur entspringt dem Leben. Und gehört zur Politik.

Sie sind politisch engagiert und beruflich derzeit vor allem mit Schreiben befasst. In Ihrer Freizeit gehen Sie dann noch einer ganz bestimmten Leidenschaft nach – erzählen Sie uns davon?

Grigorcea: Ich liebe Musik, kann selber aber nicht singen. Deshalb freue ich mich, an der Zürcher Oper immer wieder als Statistin dabei zu sein. Ich mag die Position des Statisten auch deshalb, weil ich gerne zuschaue. Letztens war ich eine Balldame beim Ballett «Schwanensee»: Das Einzige, was ich zu tun hatte, war, begeistert zu sein. Und das bin ich sowieso (lacht). Ab Herbst darf ich Julias Mutter in Bellinis «I Capuleti e i Montecchi» verkörpern. Als Kind in Bukarest war ich oft in der Oper – gratis, weil ich Ballettschülerin war. Zudem habe ich gegenüber der Oper gewohnt. Grosszügigkeit ist eine Geste, die zum Künstlertum dazugehört. Ich mochte besonders gerne «Nabucco» und sah auch Opern, die nicht gerade kindgerecht waren, wie «Carmen» oder «Doktor Faust».

Ihr Urgrossvater, Bürgermeister von Bukarest, hätte 1947 zusammen mit König Michael I ins Schweizer Exil gehen können – tat es aber nicht. Haben Sie sich schon mal gefragt, was alles anders wäre in Ihrer Familie, hätte er diesen Weg gewählt?

Grigorcea: Deshalb bin ich Schriftstellerin, weil ich mir allerlei vorstelle. Statt Tagträumerin zu werden, habe ich begonnen, Bücher zu schreiben.

Sie haben sich in Rumänien wohl gefühlt und hatten nicht unbedingt das Bedürfnis, von dort wegzugehen?

Grigorcea: Ich hatte viele Bekannte und Freunde. Meine Eltern hatten immer Besuch und ein volles Haus. Es war schön. Wenn man zudem dort, wo man lebt, die Kultur verfolgt, fühlt man sich verbunden. Ich bekam dann aber wunderbare Studienangebote im Ausland.

Ihre ersten zehn Lebensjahre wurden durch Ceausescus kommunistische Diktatur geprägt. Wie war das?

Grigorcea: Wie ich es in meinem zweiten Roman beschreibe: In der Familie fühlte ich mich sehr gut aufgehoben – gleichzeitig passierte um einen herum viel Schreckliches. Ich bekam diese Stimmung der Gewalt gut mit. Schweigen war sehr wichtig. Man musste leise sein. Durfte keine Witze machen. Meine Eltern mussten mal in der Schule antanzen, weil ich während des Singens der Nationalhymne Tierstimmen nachgeahmt hatte. Für eine Diktatur war ich sehr lebendig, nach unseren Massstäben hier dagegen nicht so sehr. In meiner Erinnerung wird es erstmals laut, als das Regime fiel und alle vor dem Fernseher mitfieberten.

Ihr zweiter Roman spielt in Bukarest und arbeitet mit Stimmungen. Mit dem Rhythmus der Stadt. Welches ist der Rhythmus unserer Zeit?

Grigorcea: Wir leben in einer Zeit der schrillen Töne. Es ist wichtig, sich nicht darin zu verlieren, einen Diskurs zu haben, seinen Themen treu zu bleiben. In Bukarest ist es noch viel hektischer als hier – es bleibt keine Zeit für den Aufbau einer Zivilgesellschaft. Weil jeder zu viel mit sich selbst beschäftigt ist.

Poetischer und politischer Mensch

Zur Person sh. Ihre sechsjährige Tochter Maria mag Geschichten aus dem dunklen Wald, der vierjährige Sohn Thomas solche vom bösen Wolf. Immer nur Rotkäppchen? ... Dana Grigorcea (36) liess sich etwas einfallen und schrieb ihr erstes Kinderbuch. «Mond aus!» (Baeschlin Verlag, Glarus) liegt ab dem 15. September in den Buchhandlungen auf und erzählt vom Wolf, der nicht schlafen kann.

Ein Problem, das die zweifache Mutter und schweizerisch-rumänische Schriftstellerin Dana Grigorcea bislang kaum kennt. Die viel beschäftigte Kosmopolitin kam am 11. November 1979 in Bukarest zur Welt – als Tochter eines Bauingenieurs und einer Arabistin. «Meine Eltern sind Kino-, Theater-, Opernliebhaber», erzählt Grigorcea, die gegenüber der Bukarester Oper aufwuchs und heute in ihrer Freizeit an der Zürcher Oper als Statistin agiert. Grigorcea studierte Deutsche und Niederländische Philologie in Bukarest und Brüssel, Theater- und Filmregie in Brüssel sowie Journalismus in Krems.

Sie arbeitete beim «Kurier» in Wien, bei der Deutschen Welle in Bonn, bei Arte in Strassburg. An der HTW in Chur verantwortete sie 2009 bis 2011 den Bereich TV/Film in den Medieningenieurwissenschaften. Ihr erster Roman «Baba Rada» wurde 2011 mit der Schweizer Literaturperle ausgezeichnet. 2015 gewann Grigorcea mit ihrem zweiten Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den 3sat-Preis.

Seit 2007 lebt die Autorin mit ihrem Mann, Schriftsteller Perikles Monioudis, und den gemeinsamen Kindern in Zürich, wo sie sich auch politisch engagiert: Sie organisiert Benefizlesungen für Flüchtlinge und gehört der Interessengemeinschaft Kunst und Politik an.

Dana Grigorcea: «Was gibt es Schöneres, als an Max Frischs Schreibtisch einen Roman zu schreiben?» (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Dana Grigorcea: «Was gibt es Schöneres, als an Max Frischs Schreibtisch einen Roman zu schreiben?» (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

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