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LITERATUR: Enthüllung eines schwulen Priesters

Der hohe katholische Würdenträger Krzysztof Charamsa sorgte im Vatikan mit seinem Outing für ein Erdbeben. Mit «Der erste Stein» legt er seine Autobiografie vor – die einige Fragen offen lässt.
Haymo Empl und Birgit Kawohl
Krzysztof Charamsa steht zu seiner Homosexualität. Das macht ihn für die katholische Kirche zur Persona non grata. (Bild: PD/photocase.com)

Krzysztof Charamsa steht zu seiner Homosexualität. Das macht ihn für die katholische Kirche zur Persona non grata. (Bild: PD/photocase.com)

Haymo Empl und Birgit Kawohl
redaktion@zugerzeitung.ch

Der polnische Priester Krzysztof Charamsa lebte 17 Jahre in Rom und war Assistenzsekretär der Internationalen Theologischen Kommission im Vatikan, die an die Glaubenskongregation der Kurie angegliedert ist. Im Oktober 2015 outete sich der Pfarrer – einen Tag vor der Familiensynode – als homosexuell. Der Vatikan war erschüttert; in logischer Konsequenz wurde Charamsa von all seinen Ämtern enthoben. Seine Erlebnisse hat er in seinem im April 2017 erschienenen Buch «Der erste Stein» festgehalten. Er, der katholische Priester, der öffentlich kundgetan hat, einen Mann zu lieben, sorgt für Unmut in der katholischen Kirche.

Im Buch schreibt Krzysztof Charamsa mit grossen Worten und publikumswirksam. Schon das Cover ist ein Hingucker, es bildet den Autor auf dem Hintergrund eines minimal geöffneten Kragens einer Soutane ab. Der 1972 in Polen geborene, lange Zeit im Dienste der Kirche stehende Priester veröffentlicht hier seine Autobiografie, die zugleich eine Anklageschrift gegen die katholische Kirche, ihr System und ihr Denken darstellt. Dass das in der katholischen Kirche (erneut) Wellen schlagen muss, ist klar. Wie sieht es aber bei Lesern aus, die nicht im «System Kirche» sind? Kann er mit seiner Schrift auch Laien oder Atheisten überzeugen?

Die Kirche und die Sexualität

Wir lernen im Buch einen Mann kennen, der schon als kleiner ­Junge – er wurde im erzkonservativen, stark katholisch geprägten Polen geboren – davon träumt, Priester zu werden, und später alles daransetzt, diesen Traum zu verwirklichen. Hierfür nimmt er auch die kasernenartigen Unterkünfte im Priesterseminar – Bettzeit für alle Männer ist um zehn Uhr – in Kauf und passt sich den teils abstrusen Anforderungen an. Er durchläuft die notwendigen Etappen des Aufstiegs und erreicht sein Ziel: die Aufnahme in die Glaubenskongregation. 2011 wird er deren zweiter Sekretär. Zu diesem Zeitpunkt ist ihm schon lange klar, dass er schwul ist. Dies ist besonders pikant, da die Glaubenskongregation quasi der Geheimdienst, die Inquisitionsbehörde des Vatikans, ist. Dort wird spioniert, geurteilt, gnadenlos verurteilt oder auch geschwiegen, wenn es zum Beispiel um Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche geht. Hier fragt sich der Leser, musste das sein? Musste er sich, wenn er schon dem System Kirche angehören will, dem Ganzen so anpassen und hingeben, dass er bis in die obersten Kreise aufsteigen konnte? Verständlich ist sicherlich, dass ein im katholischen Glauben erzogener, polnischer Junge den Berufswunsch Priester hegt und sich in der Schule und später im Priesterseminar besonders anstrengt, um sein Ziel zu erreichen. Verständlich ist auch, dass dieses Berufsziel Grund ist, dass man als junger Pole nicht etwa frühestmöglich den Bund der Heteroehe schliesst. Aber ist das noch verständlich für einen Mann, der immer wieder betont, dass Sexualität, egal welcher Art, positive Energie sei? Der die Forderung nach Akzeptanz der Andersartigkeit von Schwulen und Lesben stellt?

Ein Befreiungskampf über Jahre

Es ist etwas (zu) einfach, alles – und das tut der Autor oft – auf seine Herkunft zu schieben. So erklärt Charamsa, dass die Polen stets zu Duckmäusern gegenüber Staat und Kirche erzogen worden seien, bei denen der Glaube über allem stehe. Sich aus dieser Sozialisation aus eigener Kraft zu befreien, ist sicherlich kein Leichtes. Daher ist es nachvollziehbar, dass sich sein Befreiungskampf über Jahre erstreckte. Ob die Angst um die Sicherung seines Lebensunterhaltes als Grund für einen solch intelligenten Kopf genügen mag, ist hingegen anzuzweifeln, hätte er sicher auch an einer weltlichen Universität Karriere machen können. Er hat in drei europäischen Ländern (Polen, Italien, Schweiz) studiert, spricht mehrere Sprachen fliessend und zeigt auch im Buch immer wieder, dass in seinem Kopf mehr steckt als der Inhalt der Bibel. Hierfür widmet er dann auch einen Teil seines Buches den allgemeineren Zuständen in der Kirche und vor allem der Interpretation vom Wort Gottes, den er – ähnlich wie Martin Luther vor 500 Jahren – als liebenden, verständnisvollen Hirten sieht. Er fragt sich, wie dieser liebende Gott und das Verhalten der Kirche zusammenpassen können. Müsste nicht gerade die Kirche, sich an die Heilige Schrift haltend, alle Menschen gleichermassen akzeptieren und wertschätzen? Mit welchem Recht werden Menschen von ihr ob ihrer Sexualität bewertet und verurteilt?

Die Hälfte der Geistlichen ist homosexuell

Trotzdem bleiben beim Leser ein paar Fragen offen: Die eigene Sexualität zu verschweigen und sie im Geheimen doch auszuleben – Charamsa geht (wohl bewusst provozierend) davon aus, dass 50 Prozent aller katholischen Geistlichen schwul sind –, ist eine Sache, sich aber bewusst gegen das Aufdecken eines Missbrauchs innerhalb der eigenen Familie zu stellen, weil man damit den eigenen beruflichen Aufstieg gefährdet, ist nicht akzeptabel.

Nicht nur, aber auch deswegen wirken weite Teile dieser Buchpassage wie eine Rechtfertigung, um vielleicht schlussendlich doch noch ins Himmelreich zu gelangen. Das ist sicherlich der Punkt, an dem zumindest die Atheisten ihr Verständnis verlieren und das Ganze als ein letztendlich leicht verlogenes Pam­phlet empfinden. Dass andererseits endlich einmal aus dem Inneren des Systems Kritik an der katholischen Kirche geübt wird, lässt die Hoffnung erwachsen, dass sich unter Papst Franziskus vielleicht auch hier in nächster Zeit einmal etwas bewegen wird.

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