LITERATUR: Er kippt Männer ins Verderben

In David Signers Erzählungen rutschen Männer in Dakar, Berlin und Varanasi ins Elend. Mit bösem Witz und pessimistisch geschrieben, grandios detailreich mit dem präzisen Blick des Ethnologen und Journalisten.

Hansruedi Kugler
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David Signer anlässlich der Buchvernissage im Zürcher Salis-Verlag. (Bild: Hansruedi Kugler)

David Signer anlässlich der Buchvernissage im Zürcher Salis-Verlag. (Bild: Hansruedi Kugler)

Hansruedi Kugler

David Signer hat ein beunruhigendes Menschenbild: «Intelligenz schützt einem nicht vor dem Sturz ins Verderben.» Dass er dies mit einem Lächeln sagt, gibt der Aussage den Anschein ab­geklärter Lebensweisheit. Der St. Galler Ethnologe ist einer der profiliertesten Afrikakenner, wohnt in der senegalesischen Hauptstadt Dakar und berichtet als Korrespondent der NZZ über den Kontinent. In seiner Doktorarbeit hat er den Glauben an Hexerei als wesentliches Hindernis bei der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung Afrikas benannt.

Das Irrationale fasziniert ihn auch in seinen literarischen Werken. Im ersten Roman «Keine Chance in Mori» liess er einen Europäer im Labyrinth Afrikas sich verirren. Die Welt als Labyrinth der Täuschungen, Sehnsüchte, Verlockungen, Betrügereien, Fremdheiten aller Art ist auch das Thema seines neuen Buches «Dead End». In acht Erzählungen lässt Signer weisse, europäische Mitvierziger sehenden Auges ins Verderben kippen, unter anderem in Berlin, Varanasi, Senegal, Zürich.

Antihelden, zum Verwechseln ähnlich

Und der Leser schaut ihnen gebannt zu – nicht zuletzt, weil diese Antihelden uns zum Verwechseln ähnlich sind: Gebildete, aufgeklärte, verwöhnte Europäer, ein wenig haltlos in einer Midlifekrise und der Welt nicht gewachsen. Der Stachel sitzt und Signer kostet die männlichen Verwirrungen pessimistisch aus. Eine vermeintliche Erbschaft in Spanien erweist sich als tödlicher Betrug, ein Club-Wochenende in Berlin gerät drogenbedingt völlig aus dem Ruder, eine Dienstreise in den Senegal endet in einer grotesken Odyssee, eine betörende Massage im indischen Varanasi bringt einen Fotografen erpresserisch um sein Hab und Gut.

Die Antihelden in David Signers Erzählungen sind nicht naiv, sie erkennen die Gefahren, sehen als Rationalisten die Indizien und Vorboten des Scheiterns – und handeln doch nicht besonnen und vorsichtig genug. In ihnen scheint jene Überheblichkeit auf, die rationale Europäer annehmen lässt, sie würden die Situation schon in Griff kriegen. Dass ihnen ihr Leben entgleitet, ist ein durchgehendes Motiv in Signers Schaffen. «Dieser Widerspruch interessiert mich sehr: Dass Denken und Handeln oft kaum verbunden sind», sagt David Signer an der Buchvernissage in Zürich. In seinen Erzählungen verwebt er dieses Motiv psychologisch und kulturpessimistisch einleuchtend. Es liesse sich aber problemlos politisch deuten: In der Ohnmacht des Westens bei der Einflussnahme auf andere Kulturen und Kontinente.

Die Erzählungen sind über die letzten sieben Jahre entstanden. Dass sie alle eine düstere Wendung nehmen, habe sich mit der Zeit so ergeben, sagt Signer: «Es scheint ein dämonischer Zwang am Werk gewesen zu sein.» Wieder lächelt er. Sein ewiges Thema, denkt man und erinnert sich an sein Hexereibuch. Signer aber merkt es und relativiert. «Als Autor will man sich beim Schreiben ja schliesslich auch selbst unterhalten. Und man schaut Leuten einfach gerne beim Scheitern zu.» Und als Leser bewundere er Krimiautoren wie Raymond Chandler, die ins Zwielicht der Sehnsüchte blicken.

Ein Autor, der die Schauplätze genau kennt

Man mag sich daran stören, dass Signers Antihelden in Indien und Afrika mit Lug und Trug übers Ohr gehauen werden. Aber Signer zeichnet eben ein Bild des Westeuropäers, der wenig von der Welt versteht und dieser nicht gewachsen ist. Das ist bedenkenswert. Überhaupt ist dieser Erzählband von herausragender Qualität: Psychologisch dicht, faszinierend präzis und reich in der Schilderung der Milieus und exotischen Schauplätze, den Sog existenzieller und kriminalistischer Dramatik verbindend.

Grossartig, wie Signer die Bewusstseinsverschiebung im Berliner Drogentrip sprachlich spiegelt; bewundernswert, was er so nebenbei über die heilige Stadt Varanasi oder über das chaotische Transportwesen im Senegal erzählt. Er schreibe nur über Milieus und Orte, die er kenne oder recherchiert habe. Das spürt man auf jeder Seite. Man hat Erzählungen vor sich, die Welthaltigkeit mit psychologischer Tiefe und der Dramaturgie des Unausweichlichen verbinden.

David Signer: Dead End. Erzählungen. lector books, 348 S., Fr. 32.–