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LITERATUR: Er war die Stimme der Innerschweiz

Er war der erste Innerschweizer Autor von nationaler Geltung: Meinrad Lienert, der vor 150 Jahren in Einsiedeln auf die Welt kam. Und er spielte eine wichtige Vermittlerrolle.
Pirmin Meier
Titelbild des SJW-Heftes. (Bild: PD)

Titelbild des SJW-Heftes. (Bild: PD)

Pirmin Meier

Meinrad Lienert wurde am 21. Mai 1865 als Sohn des Ratschreibers Conrad Lienert im klosternahen Haus «Adam und Eva» in Einsiedeln geboren. Seine Mutter war eine geborene Ochsner. Deren Familie galt irrtümlicherweise als mit dem berühmten Alchemisten Paracelsus verwandt. Lienert hat seinen «Urvetter» mit «Der Hexenmeister» in den 1914 erschienenen «Schweizer Sagen und Heldengeschichten» populär gemacht.

Der Text ist – mit anderen – soeben in der Kurzfassung «Talgenossen» (SJW-Heft 2496) neu greifbar geworden. Dank liberalem Vaterhaus war der Autor der erste Innerschweizer, der (ab 1887) regelmässig in der «Neuen Zürcher Zeitung» schrieb. Seine Gedichte wurden früh als «wahre Volkspoesie» (Carl Spitteler) ins Französische übertragen. Französischprofessor Charly Clerc von der Uni Zürich war vom Klang und Gehalt der stimmungsvollen «Nachtbuobeliedli» im Ibergerdialekt begeistert.

Die Volkskunde repräsentiert

Der Berner Mundartprofessor Otto von Greyerz (1863–1940), selber Mundartschriftsteller, der fast nur Rudolf von Tavels Berndeutsch und Josef Reinharts Solothurnerdialekt als mundartliche Literatursprache gelten liess, bescheinigte der Poesie von Lienert, darin sei «die ganze Natur- und Volkskunde des Schwyzerländchens aufgespeichert: Heilige und Hexen, Kinderspiel, Geissenhüten und Maienpfeifenschneiden, Blustfahrt im Mai, lustige Kilbi- und Fasnachtszeiten, Becherlupfen mit Sang und Tanz, Hochzeit und erste Elternfreuden, Weihnachtszeit mit Samichlaus und Silvester».

Dazu das Volksleben der Korber, Stromer, Turpner (Torfstecher), ferner Pfeifer und Händörgeler, die Bruderschaft der Spielleute, die ganze «röischi wildi Kumpäny der alten Schwyzer». Zum Hauptmotiv im Schaffen Lienerts wurde das «Schwäbelpfyffli», Titel eines mehrbändigen Werks, das von Einsiedelns Lienert-Stiftung 1991 wieder aufgelegt wurde. Nicht zu verwechseln mit dem Lob des Pfeifenrauchens, welches in Karl Henslers soeben erschienenem Lese- und Kommentarband «Meinrad Lienert – 1865–1933, Bd. II» mit zu den vergnüglichsten Texten gehört. Die Editionsleistung erweist sich für biografische Bezüge und frühe Rezeption als ergiebig.

Wie der «Katzenstrecker» entstand

Unter dem «Schwäbelpfyffli», eigentlich «Schwägelpfyffli», kurz «Schwägle» genannt, verstanden die Schwyzer die Querpfeife, die an der Spitze ihrer Fähnlein geblasen wurde. Ein gewaltiges Thema, jenseits von SVP-Doyen Christoph Blocher und Geschichtsprofessor Thomas Maissen, dafür verbindlicher, ist bei Lienert die Schlacht bei Marignano. Was versteht man schon davon – ohne den Einsiedler Hauptmann Kätzi? Gemäss Lienert soll dieser vor dem Mailänder Feldzug gewarnt haben. Nach dem Marignano-Veteran, nach dem die Alp Katzenstrick benannt ist, sind die Luzerner Pilger zu ihrem Volksnamen «Katzenstrecker» gekommen.

Marignano wichtiger als Morgarten

Für das Marignano-Verständnis in der Innerschweiz darf Lienerts Erzählung «Die Getreuen» als repräsentativ gelten. Es geht um die Schicksale der in den Totenbüchern registrierten 175 Talgenossen. Für Lienert, Mitglied des Historischen Vereins der fünf Orte, war Geschichtsbewusstsein weniger patriotisch als existenziell, fast so etwas wie ein Bestandteil der Bergluft.

Die Niederlagen in Marignano 1515 und in Einsiedeln 1798/99 wurden für den Schwyzer wichtiger als Morgarten und Sempach, weil es ihm wie seinem Förderer Carl Spitteler um schweizerische Selbstbescheidung zu tun war. Diesem Gedanken galt auch die Rede seines Lebens, die «Trichtenhauser Weltbetrachtung» vom Juli 1915, eine Ansprache vor dem Lesezirkel Hottingen. Ein damals notwendiger friedensstiftender Nachtrag zu Spittelers «Unser Schweizer Standpunkt» vom Dezember 1914. Prominente Gründer des Schweizer Schriftstellervereins, so Bauerndichter Alfred Huggenberger (1867–1960), wandten sich gegen den angeblich reichskritischen und franzosenfreundlichen Carl Spitteler. Dessen Freund Lienert betonte umso stärker die Einheit der deutschsprachigen, französischen und italienischen «Brüder» in der Schweiz. Im Gegensatz zu Spitteler verzichtete er auf polarisierende Kommentare über die Kriegsparteien des Weltkriegs.

Lienerts Gedichte enthalten sich hurra­patriotischer Klänge:

O Schwyzerland! Und stell di jetzt wie d’witt/

Es chunnt ä nagelnüi Zyt/

Si hät ä andre Schritt/Und nimmt is weidli mit.

Im Gegensatz zu Huggenberger, dem Kritiker der Mähmaschine, stellte sich Lienert nicht gegen den industriellen Fortschritt. Ein epochales Bekenntnis zur neuen Zeit wurde sein Einweihungsgedicht zum Sihlsee-Kraftwerk. Der Blick des liberal-konservativen Heimatschriftstellers war nach vorwärts gerichtet.

Hinweis

Pirmin Meier (67) ist Schweizer Autor, Erwachsenenbildner und früherer Gymnasiallehrer. Er lebt in Rickenbach LU.

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