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LITERATUR: Expedition ins Teereich

In ihrem neuen Roman «Die Kieferninseln» lässt die Lyrikerin Marion Poschmann einen unscheinbaren Bartforscher in Japan auf Pilgerreise gehen – an Kultorte für Selbstmörder. Ein geistreiches Vergnügen.
Marion Poschmann. (Bild: Armando Babani / EPA (Frankfurt, 13. Oktober 2017))

Marion Poschmann. (Bild: Armando Babani / EPA (Frankfurt, 13. Oktober 2017))

Kaffee oder Tee? Das ist hier mehr als eine Geschmacksfrage. Gilbert Silvester zählt sich zur Kaffeefraktion; Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum hat er bisher kategorisch abgelehnt. «Er reiste in Kaffeeländer, Frankreich, Italien, gefiel sich darin, nach einem Museumsbesuch in Paris einen Café au lait zu bestellen oder in Zürich nach einem Café crème zu verlangen, er mochte Wiener Kaffeehäuser und die gesamte kulturelle Tradition, die damit verbunden war. Eine Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit. In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielte sich alles unter einem Schleier der Mystik ab.»

Man darf von einem veritablen Kulturschock sprechen, den sich der blasse Wissenschafter zumutet, als er eines Abends Hals über Kopf das Notwendigste zusammenrafft, seine perplexe Gattin Mathilda sitzen lässt und mit der nächsten Maschine nach Tokio flüchtet. Welten werden zwischen ihm und Mathilda liegen; zwischen der Liebe zu Laubbäumen und windschiefen Kiefern, zwischen Tee und Kaffee.

Eine Prosa der feinen Nadelstiche

Die erste Seite duftet dabei nach Espresso, tiefschwarz, heiss und stark. Gilbert träumt, dass seine Frau ihn betrügt. Er glaubt dem Traum, stellt sie zur Rede, sie leugnet heftig. Gilbert fühlt sich dadurch nur in seinem Verdacht bestätigt und reist ab. Warum es ausgerechnet Japan ist: Damit beginnt die Teekultur des kleinen, abgebrühten Romans. Er wird zu einer Pilgerfahrt ins Ungewisse, Uneindeutige. Wie oft in der ­Literatur geht die Reise sogleich nach innen. Schon während des Flugs hat Silvester, Privatdozent und Kulturwissenschafter im Rahmen eines Drittmittelprojekts, das «die Wirkung von Bartdarstellungen im Film» untersucht, reichlich Zeit, über seine in die Sackgasse geratene akademische Laufbahn nachzudenken. Wobei er grundsätzlich nicht unglücklich ist mit seinem Themenschwerpunkt «Bartmode und Gottesbild», und auch die Leserin kommt damit bestens auf die Rechnung. Nicht etwa, weil es «um Aspekte der Kulturwissenschaft und Gendertheorie, um religiöse Ikonographie und Fragen nach der Möglichkeit philosophischer Expressivität im Medium des Bildes» geht. Sondern vielmehr, weil Marion Poschmann es hinreissend versteht, den Background ihres erfolglosen Helden zu karikieren – mit feinen, punktgenau gesetzten Nadelstichen und einer Prosa, in der jedes Wort am rechten Ort ist.

Sie selbst hat eine Weile in Japan gelebt und in dieser Zeit als Lyrikerin nicht nur die Kleinform des Haiku zu schätzen gelernt, sondern auch die Kultur der Uneindeutigkeit. Gilbert Silvester freilich wäre nicht er selbst, würde er seinen fernöstlichen Egotrip nicht gleich nach der Landung ­offensiv angehen. Er deckt sich sofort ein mit Literatur. Darunter ein Klassiker: Die Reiseaufzeichnungen des Dichters Matsuo Basho (1644–1694), dessen Spuren er nachwandert: zu den Kieferninseln in Matsushima. Pech nur, dass ihn das Schicksal mit dem lebensmüden Studenten Yosa zusammenführt. In dessen Tasche steckt ein Handbuch zum per­fekten Selbstmord – was Gilbert fortan zu verhindern sucht. Lakonisch folgt die Erzählerin den ­beiden auf ihrem Weg und hält kunstvoll die Spannung aufrecht: Verspielt und zart, als sei der Roman nur siebzehn Silben lang.

Bettina Kugler

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