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LITERATUR: Gehört mein Leben mir selber?

Ein Mann begegnet seinem jüngeren Ich und sieht die eigene Existenz bedroht. Peter Stamm betreibt im neuen Roman ein raffiniertes Spiel mit Realitäten und Möglichkeiten. Und lässt zentrale Fragen offen.
Arno Renggli
Seit seinem Romandebüt «Agnes» (1998) zählt Peter Stamm zu den bekanntesten Schweizer Schriftstellern. (Bild: Roberto Ricciuti/Getty)

Seit seinem Romandebüt «Agnes» (1998) zählt Peter Stamm zu den bekanntesten Schweizer Schriftstellern. (Bild: Roberto Ricciuti/Getty)

Arno Renggli

Wenn man im Leben nochmals zurück und neue Entscheidungen treffen könnte: Würde dann alles anders? Diese Frage hat schon viele Autoren inspiriert, Max Frisch etwa. Der hat zwar Identität als etwas erachtet, das alles andere als sicher ist. Doch dass wir unser Leben auch komplett anders führen könnten, hat er beispielsweise im Stück «Biografie» auf krasse Art verneint.

Autor Peter Stamm, der 54-jährige Thurgauer, der in Winterthur lebt, wandelt also in seinem neuen Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» auf durchaus schon begangenen ­Pfaden. Aber formal, mit seinen Wendungen und Ebenen, ist es ein spannender Text geworden.

Protagonist spricht Freundin seines Doppelgängers an

Es geht um vier Menschen, die quasi quadratisch angeordnet sind: Erzähler ist Christoph, Autor eines erfolgreichen Romans und nun unter einer nachhaltigen Schreibblockade leidend. Er war mit Magdalena zusammen, die ihn verlassen hat und im Roman nur in Form von Erinnerungen auftaucht. Dann haben wir Chris, einen jungen Doppelgänger von Christoph, und Lena, Freundin von Chris, die Christopher als Doppelgängerin von Magdalena wahrnimmt. Christoph nimmt nun diagonal Kontakt mit Lena auf und erzählt ihr auf einem Spaziergang seine Geschichte, vor allem die irritierenden Begegnungen mit Chris.

Doch was bezweckt er damit? Zunächst scheint er verifizieren zu wollen, dass es die Parallelen zwischen ihm und dem jungen Chris tatsächlich so umfassend gibt. Zu diesen gehören die beiden Frauen. Vielleicht aber will er auch via Chris sein jüngeres Leben zurück und sieht Lena als Zugang dafür. Doch falls er hofft, nochmals von vorne und anders leben zu können, muss er feststellen, dass die Beeinflussung umgekehrt läuft: Chris definiert seinerseits Christophs Leben um, stellt die Existenz wichtiger Dinge in Frage, etwa diejenige des erfolgreichen Buches. Er wird zum Konkurrenten, zum Feind. Derweil sich Lena auf ihrem eigenständigen Leben insistiert, sich dagegen wehrt, dass Christoph Kontrolle über ihr Leben gewinnt und sie zur Ersatzliebe macht.

Peter Stamm treibt die Gedankenspiele immer weiter voran. So gibt es eine weitere Ebene mit einem alten Mann (auch Christoph?) und die Option, dass die Parallelitäten von individuellen Lebensverläufen auch als endlose Ketten denkbar wären. Stamm deutet auch die logischen Probleme seiner Geschichte an: Wie kann Chris das Gleiche tun wie Christoph damals, obwohl sich Personen, Schauplätze oder Kommunikationsmittel verändert haben. Und müsste nicht jede kleinste Abweichung sofort potenzierte Veränderungen verursachen? In diesem Spiel fragilen Realitäten bleibt offen, was Peter Stamm uns als zentrale Einsicht vermitteln will. Vielleicht ist das ganz gut so. Weil wohl jede eindeutige Kernbotschaft mit der komplexen Verspieltheit des Romans schlecht mithalten könnte.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. S. Fischer, 156 S., Fr. 30.–. Ab übermorgen im Handel.

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