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LITERATUR: Gewalt im Namen des Glaubens

In Kirchenkreisen wird die Existenz von Klosterkerkern bis heute als antiklerikale Propaganda abgetan. Zu Unrecht, wie die neuere Untersuchung eines amerikanischen Kirchenhistorikers beweist.
Josef Imbach Josef Imbach
Die verurteilten Ordensleute vegetierten oft über Monate in einem unterirdischen Verliess vor sich hin. Tägliche Körperstrafen gehörten dazu. (Bild Andreas Faessler)

Die verurteilten Ordensleute vegetierten oft über Monate in einem unterirdischen Verliess vor sich hin. Tägliche Körperstrafen gehörten dazu. (Bild Andreas Faessler)

Josef Imbach

«Alle möglichen Heilmittel werden kranken Mönchen verabreicht, um ihre Gebrechen zu lindern. Falls aber ihre Seelen von schweren Todsünden heimgesucht werden, begnügt man sich damit, sie in ein Verlies zu werfen und sie sich selbst zu überlassen.» So der französische Benediktinermönch und Begründer der Historischen Hilfswissenschaften Jean Mabillon in seinen 1694 erschienenen «Réflexions sur les prisons des ordres reli­gieux». Damit bezieht er sich auf die von der katholischen Kirchengeschichtsschreibung bislang bewusst ignorierte Existenz von Klosterkerkern.

Existenz von Kerkern abgestritten

Es handelt sich dabei um eine systematische Vertuschung. Und die hängt damit zusammen, dass die religiösen Orden seit jeher daran interessiert waren, Regelübertretungen ihrer Mitglieder und mögliche durch sie verursachte Skandale geheim zu halten, um das Ansehen der Gemeinschaft nicht zu gefährden. Dies wiederum bedingte, dass selbst kriminelle Machenschaften von Mönchen und Nonnen und die dafür verhängten Strafen nicht an die Öffentlichkeit gelangen durften. Insbesondere nördlich der Alpen meinte man von der Mitte des 16. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, dieses Ziel am ehesten durch die Errichtung von Klostergefängnissen zu erreichen. Wobei die Ordensleute gehalten waren, die Existenz dieser Einrichtungen gegenüber Aussenstehenden zu bestreiten. Mit anderen Worten, sie wurden gezwungen zu lügen.

Besonders tragisch wirkte sich aus, dass die Ordensoberen gleichzeitig als Ankläger und Richter fungierten. Dass damit der Willkür Tür und Tor geöffnet waren, dokumentieren die akribischen Recherchen des katholischen Kirchenhistorikers Ulrich L. Lehner auf geradezu bestürzende Weise.

Hohe Strafen

Häufig wurden schon kleinere Verstösse gegen die Ordensregel aufs Härteste geahndet. Wer an einem Oberen Kritik übte, riskierte in manchen Klöstern eine mehrmonatige Haftstrafe, die sich bei «Uneinsichtigkeit» bis zum Lebensende hinziehen konnte. Gleiches blühte auch Mönchen oder Monialen, welche die Bitte um Dispens von den Gelübden vorbrachten, weil so angeblich die Ehre des Ordens beschmutzt wurde. Einzelne Bischöfe waren realistisch genug, anzunehmen, dass Klosterobere eher die Verbrechen ihrer Untergebenen vertuschen würden, statt sie aufzudecken und so einen Skandal zu provozieren. Um jegliches Aufsehen zu verhindern, wurden die Schuldigen nicht selten zu lebenslanger Klosterhaft verdonnert.

Das Verlies bestand in der Regel aus einem unterirdischen, fensterlosen Raum. Dort waren die Unglücklichen oft über Monate hin angekettet und zum Nichtstun verurteilt. Körperliche Züchtigungen mit dem Ochsenziemer gehörten zur Tagesordnung. Kirchlicherseits wurde immer wieder behauptet, dass diese Dinge von religionsfeindlichen Kritikern erdichtet worden seien. Dagegen spricht eine Vielzahl von Dokumenten, in denen sich Kirchenrechtler und Ordensschriftsteller für eine humane Behandlung der Gefangenen starkmachten. So zeigte sich der berühmte katholische Kirchenjurist Prospero Fagniani (†1678) entsetzt über die in Klostergefängnissen herrschenden Lebensbedingungen. Geradezu «angeekelt» war er von der Meinung eines Fachkollegen, dass ein Klosteroberer einen renitenten Ordensmann legalerweise verhungern lassen könne. Der Gerechtigkeit halber ist zu sagen, dass gelegentlich sogar Bischöfe innerhalb der ihnen gesetzten rechtlichen Grenzen intervenierten – und dass die Zustände in den staatlichen Verliesen um keinen Deut besser waren.

Eine Ausnahmeerscheinung in dieser düsteren Landschaft bildet der Jesuitenorden, der zu keiner Zeit Kerker unterhielt. Das mag damit zusammenhängen, dass die Zulassungskriterien überaus streng waren. Während die Bettelorden praktisch jeden Anwärter aufnahmen, kannten die Jünger des Ignatius ein strenges Auswahlverfahren und eine wesentlich längere Probezeit. Bestanden auch nur die geringsten Bedenken, wurde der Kandidat nicht zu den ewigen Gelübden zugelassen. Mitglieder, die sich schwerer Vergehen schuldig machten, wurden, ungeachtet der Wirkung auf die Öffentlichkeit, entlassen. Die in den Klosterkerkern angewandten Foltermethoden fanden erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts allmählich ein Ende, als die europäischen Nationalstaaten nicht mehr zuliessen, dass die Kirche am behördlichen Gewaltmonopol vorbei eine von Willkür geprägte sadistische Schattenjustiz praktizierte.

«Der Prälat hat Pfaffen genug»

Vorher konnten die in Klöstern Inhaftierten ihrem desolaten Zustand nur ein Ende setzen, wenn ihnen die Flucht in protestantische Gegenden gelang, wo sie vor den kirchlichen Häschern sicher waren. Manche schafften es in der Folge, sich als Handwerker oder Hilfsarbeiter durchzuschlagen. In nicht wenigen Fällen führte der Weg von der Klosterflucht zur Kriminalität. Oder zum Soldatenstand. Ein Mönch, der 1740 aus dem Konvent Benediktbeuren entfloh, verpflichtete sich kurz danach zum Dienst in der preussischen Armee. Als der Orden seine Rückkehr einforderte, soll Friedrich II. von Preussen kurz und knapp geantwortet haben: «Der Prälat hat Pfaffen genug, ich aber nit Soldaten.»

Hinweis

Ulrich L. Lehner, Mönche und Nonnen im Klosterkerker. Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer 2015, 178 Seiten, ca. Fr. 11.50. Der Verfasser ist Professor für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Marquette University in Milwaukee.

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