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LITERATUR: Hanna hat wieder mal ihre Schildkrötentage

Ulrike Ulrichs Erzählband «Draussen um diese Zeit» spielt gekonnt mit der Erzählperspektive. Die Wahlzürcherin führt dabei durch sehnsuchtsvolle Innenwelten.
Ulrike Ulrich macht sogar aus einem «Zwischenbericht» eine literarische Köstlichkeit. (Bild: PD)

Ulrike Ulrich macht sogar aus einem «Zwischenbericht» eine literarische Köstlichkeit. (Bild: PD)

Jeden Freitag geht Hanna in die Zürcher Stadtgärtnerei, setzt sich auf die Bank bei den Schildkröten. Denn freitags war jeweils auch er da, Ivo, der junge Mann, «der ihr so sehr gefällt, dass sie es körperlich spürt», und zuletzt waren sie sogar ins Gespräch gekommen. Doch Ivo ist deutlich jünger, das erkennt Hanna allein an seiner Frisur. «Solche gewollten Strubbelfrisuren kennt Hanna von den Freunden ihrer Töchter.»

Fremd auch nach zwei Jahren

Nun ist Ivo aber schon die letzten zwei Freitage ausgeblieben. Hanna sitzt allein bei den Schildkröten und wartet, beobachtet, erinnert sich und grübelt. Etwa darüber, dass sie sich als Zugezogene auch nach zwei Jahren noch fremd fühlt in der Stadt. Und, ab wann wird man wohl auch sie als «ältere Dame» bezeichnen? Hannas innerer Monolog skizziert eine Gestimmtheit, die über den Moment hinausweist und die zu einer Lebensphase gehört.

Einblick in die Gedanken von Einzelgängern, die am immer gleichen Ort herumhängen: Darin liegt ein Grundmuster von Ulrike Ulrichs Erzählungen aus dem Band «Draussen um diese Zeit», nach zwei Romanen das dritte Buch der 47-jährigen gebürtigen Düsseldorferin. Die meisten ihrer Protagonisten sind gleichsam im Bann eines bestimmten Lokals, in dem sie entscheidende Begegnungen hatten. Da hängen sie ihren Erinnerungen nach und hoffen auf irgendeine Form von Reprise oder Fortsetzung.

Figur tritt am Fumetto auf

Die Geschichten spielen an den Orten, an denen Ulrich gelebt und gearbeitet hat: New York, Paris, Wien, Rom und gegenwärtig – Zürich, und es überwiegen weibliche Erzählperspektiven. Doch ein Schelm wäre, wer die Erzählungen autobiografisch lesen wollte. Polly, die in der Bar des New Yorker Hotels «Roosevelt» Woche für Woche Männer abschleppt und ihre Affären in einem Comicbuch verarbeitet, mit dem sie am Luzerner Fumetto-Festival Vernissage feiert, ist gewiss eine fiktive Figur.

Hintersinniger «Zwischenbericht»

Die Erzählung um Polly setzt den Wechsel zwischen zwei kontrastierenden Perspektiven sparsam und effektiv ein. Andere Erzählungen benützen das Stilmittel etwas gar ausgiebig, so etwa «Le Refuge», in dem sich Servicepersonal und Gäste einer Bar im Kreis herum beobachten und zu enträtseln suchen. Die Gemüter sind in Unruhe, eine Handlung entwickelt sich kaum.

Ereignisreich im äusserlichen Sinn sind Ulrichs Erzählungen generell nicht. Dafür deutet sie subtile psychische Entwicklungen an. Ob die Momente, an denen die Leserin teilhat, für die Protagonisten bloss weitere verstrichene Lebenszeit oder eine alles verändernde Wende bedeuten, ist oft nicht eindeutig.

Nachdem Hanna bemerkt hat, dass «die Schildkrötentage Wartetage geworden» sind, und dass sie vielleicht einmal einige Wochen zu Hause bleiben sollte, sieht sie beim Hinausgehen Ivo. Doch bevor er sie sehen kann, schlüpft sie durch den Nebenausgang raus. Sie kann ja nächsten Freitag wiederkommen.

Spiel mit der eigenen Rolle

Der letzte Text des Bandes hebt sich wohltuend von den statischen Erzählungen in der dritten Person ab. Hier spielt die Autorin lustvoll mit ihrer eigenen Rolle. Ein pseudo-autobiografischer «Zwischenbericht» an eine Stipendien-Kommission serviert eine ausschweifende Rechtfertigung dafür, warum die Autorin mit ihrem Schreibprojekt gescheitert und stecken geblieben sei.

«Es tut mir leid», schliesst sie zerknirscht. Und der Leser braucht eine Weile, um zu realisieren, dass ihm gerade ein hintersinniger literarischer Text untergejubelt worden ist.

Florian Bissig, SFD

Ulrike Ulrich: Draussen um diese Zeit. Erzählungen. Luftschacht, 198 Seiten, Fr. 27.90.

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