LITERATUR: Hungrig nach Informationen

Überwiegend muslimisch und doch tolerant: Das will Indonesien sein. Auf der heute startenden Frankfurter Buchmesse will sich das Land auch seiner dunklen Vergangenheit stellen.

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Andrea Hirate aus Indonesien gelang mit seiner Autobiografie ein Welterfolg. (Bild: PD)

Andrea Hirate aus Indonesien gelang mit seiner Autobiografie ein Welterfolg. (Bild: PD)

Thomas Maier, dpa

Mit 3000 Büchern an Bord schippert Muhammad Ridwan zu den kleinen Eilanden, die der grossen indonesischen Insel Sulawesi vorgelagert sind. Der 36-Jährige hat seinen Job als Lehrer hingeschmissen und besucht jetzt mit seiner schwimmenden Bibliothek die verstreuten Siedlungen auf den oft winzigen Inseln. «Die Kinder lesen am liebsten Comics», weiss Ridwan. Er geht mit seinem spendenfinanzierten Boot in der Regel jeweils drei Tage vor Anker.

Es sind solche Initiativen, die Indonesien mit seinen mehr als 17 000 Inseln dringend braucht. Die Lesekultur im 250-Millionen-Land, bevölkerungsmässig das viertgrösste der Welt, ist unterentwickelt. Wenn es Bibliotheken in Schulen gibt, dann sind sie kümmerlich ausgestattet.

Der Auftritt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse soll dem Land, das gerne mit der Bali-Romantik assoziiert wird, einen Schub geben. Der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre hat Indonesien auch für den globalen Buchmarkt interessant gemacht. Die junge Bevölkerung ist hungrig nach Informationen: Bei der Nutzung der sozialen Netzwerke rangieren die Indonesier in Statistiken weltweit vorne.

Die Regierung will das Lesen auch in Indonesien zur Kulturtechnik machen, verspricht Kulturminister Amies Basweda. In den Schulen soll jeden Tag zehn Minuten frei gelesen werden. Eltern werden dazu animiert, mit Kindern zu Hause zu lesen.

Märchen, Sagen, Gedichte

Märchen und Sagen aus den altindischen Epen sind der indonesischen Kultur seit vielen Jahrhunderten vertraut. Doch eine gemeinsame Sprache besitzt der 1945 gegründete Staat mit seinen fast 400 Völkern erst seit 1928. Heute ist das Malaiische die Landessprache. Bahasa Indonesia, das auch für Europäer gut erlernbar ist, wird inzwischen fast überall auf den Inseln verstanden.

Traditionell gilt die Liebe der Indonesier der Dichtung. Die moderne Literatur wurde dann zum Mittel im Kampf gegen die niederländischen Kolonialherren. Weltweit bekannt wurde Pramoedya Ananta Toer (1925–2006), der nach dem Militärputsch von General Suharto 1965 auf die berüchtigte Gefängnisinsel Buru deportiert wurde und dort seine berühmtesten Werke schrieb. Er war auch mehrfach für den Literaturnobelpreis im Gespräch.

Starke Frauen

Der politische Frühling nach dem Ende der Militärdiktatur 1998 hat auch der Literatur Auftrieb gegeben. Es waren erstaunlicherweise vor allem Frauen, die in ihren Werken über wirtschaftliche Ausbeutung, religiöse Bevormundung und sexuelle Emanzipation offen schrieben. Mit ihrem Roman «Saman» aus dem Jahr 2000 hat die heute 46-jährige Ayu Utami eine ganze Generation beeinflusst.

Einen aktuellen Bestseller über die Massaker während der Militärdiktatur, denen Hunderttausende von Kommunisten und Dissidenten zum Opfer fielen, hat Laksmi Pamuntjak geschrieben. Die Autorin Linda Christanty legt sich mit islamischen Fundamentalisten in ihrer Heimatprovinz Aceh an.

Reklame für toleranten Islam

Bekanntester Autor des Landes ist Andrea Hirata, der mit seiner Autobiografie einen Welterfolg erzielt hat. Es ist der Roman eines armen Jungen auf einer Insel, der mit seinen Freunden von der «Regenbogentruppe» für mehr Bildung kämpft. Auch Hirata kommt zur Buchmesse – mehr als 60 Autoren schickt Indonesien nach Frankfurt und in andere deutsche Städte.

Auf der Buchmesse wollen Indonesier in speziellen Seminaren für ihren toleranten Islam werben. Auch die dunkle Vergangenheit des Landes – in Wirtschaft und Verwaltung sind zum Teil immer noch dieselben Leute an der Macht wie in der Militärdiktatur – wird ein grosses Thema. «Die Regierung sollte anerkennen, dass es Massaker gab», sagt Autorin Pamuntjak.

Hinweis

Die Frankfurter Buchmesse öffnet heute ihre Tore und dauert bis zum Sonntag.