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LITERATUR: Ihr Leben prägt Helen Meiers neues Buch

Helen Meier (88) gehört zu den grossen Schriftstellerinnen der Schweiz. Ein neues Lesebuch zeigt sie nun auf eine ganz besondere Weise: unsentimental, unermüdlich, todesmutig. Ihr Schaffen wurde auch von Schicksalsschlägen geprägt.
Helen Meier: Ihr Leben prägt ihr Werk. (Bild: Yvonne Böhler/PD)

Helen Meier: Ihr Leben prägt ihr Werk. (Bild: Yvonne Böhler/PD)

Welche Herausforderung an ­einen Literaturvermittler, die Biografie einer lebenden Autorin zu schreiben. Und die dann also den Text zu lesen bekommt. «Helen Meier war zuerst erschrocken nach ein, zwei Tagen voller Überraschungen für sie, dann war sie mit allem einverstanden», sagt Charles Linsmayer, der die ­Biografie verfasst hat. Der Titel «Übung im Torkeln entlang des Falls» erinnert an Helen Meiers persönlichstes Buch, den autobiografischen Roman «Leben­leben» (1989). Darin sagt die ­Figur Lia: «Wir haben das Torkeln entlang des Falls zu üben».

Charles Linsmayer kennt die Ostschweizer Autorin wie kaum ein anderer. Er hat elf Gespräche mit ihr geführt, er hat ihre unveröffentlichten Tagebücher gelesen und den Briefwechsel im Nachlass des Ammann-Verlags. Da war 1984 «Trockenwiese» erschienen, Helen Meiers erster ­Erzählband. Zudem hatte Linsmayer Zugang zu ihrer Fotosammlung. Die im biografischen Nachwort abgedruckten Bilder reichen vom Geburtsjahr 1929 bis heute.

Die 37 Texte für das Lesebuch hat Linsmayer gemeinsam mit der Autorin ausgewählt. «Geschichten» nennt sie Helen Meier, und sie stammen aus all ihren Büchern seit «Trockenwiese».

Bisher unveröffentlicht: Persönliche Trauerode

Die längste Geschichte, 1994 verfasst, ist vorher noch nie publiziert worden: «Walensee» ist ein Erstdruck. Und «das Persönlichste, das Helen Meier je geschrieben hat», sagt Linsmayer. Darin verarbeitet sie einen Tod. Zwischen den Sätzen «Am schlimmsten ist die Nacht. Gefühle zerreissen mich, mein Fleisch ist in ihrem Rachen und Vergiss Dich, dann vergisst Du ihn» liegen Hader und Lethargie, Erinnerung und Verzweiflung, Wut und Widerstand.

Helen Meier lebt von Stunde zu Stunde, von Atem zu Atem und beschwört den verstorbenen Liebsten mit aller Intensität. Denn nur so kann sie sich den Abschied ermöglichen, nur so kann sie der Sprachlosigkeit entrinnen. «Den Tod des Geliebten zu verarbeiten, eine grössere Arbeit wird von mir nie mehr verlangt.»

Auch in vielen der übrigen Texte des Lesebuchs sind die Figuren akut Gefährdete, stehen nah am Abgrund. «In Helen Meiers Geschichten ist nichts Trautes, nichts Gemütliches, nichts Wohlgeordnetes», hat Klara Obermüller zu «Trockenwiese» geschrieben, und das gilt für vieles in ­Helen Meiers Werk. Für die erste Geschichte des Lesebuchs etwa, «Flugtag», wo ein Fallschirmspringer, dessen Schirm sich nicht öffnet, eine extreme Wandlung durchläuft. Oder für «Rot und Schwarz», den wohl modernsten Text, in dem eine Ich-Erzählerin zwei Frauen beobachtet – und einen Totschlag.

Glück und Qual der Liebe, der Tod und die Wahrheit

Eine radikale, eine starke und unermüdliche, eine unsentimentale Erzählerin ist Helen Meier. «Ich will die Wahrheit, sonst nichts. Ich will keine Klage, ich will die Darstellung», hat sie einmal in ihr Tagebuch geschrieben. Um die Wucht des Todes geht es ihr und, immer wieder, um die Liebe als Glück und als Qual zugleich. Helen Meier schreibt aber eher Geschichten über das Leiden an der Liebe denn solche über die Liebe.

Ihre «Liebeslehre» setzt sie in mehreren Büchern erzählerisch um, erstmals 1985 in «Das einzige Objekt in Farbe» und durchaus widersprüchlich: «Die Menschen alle, sie sterben an Liebesmangel», schreibt sie 1992 in ihr Tagebuch, während es in «Lebenleben» heisst, dass «nichts die Natur des Menschen mehr negiere als die Liebe». Stets muss der Leser mitdenken, Meier erzählt, sie erklärt nichts. Und obwohl ein pessimistisches Weltbild ihr Werk durchzieht, erliegt sie nie der Gefahr, sentimental zu werden. Charles Linsmayers Verdienst ist es, diesen existenziellen Aspekt bei ­Helen Meier herausgearbeitet zu haben. «Er ist erst aus dem Gesamtwerk erkennbar», sagt er.

Unfall als junge Frau – und der Tod des Geliebten

Charles Linsmayer will das Unverwechselbare dieser Autorin herausarbeiten. Geschickt verwebt er in seinem umfangreichen Nachwort biografische Details mit Werkstellen und weist nach, wie präsent und bestimmend frühere Lebenserfahrungen waren, wie untrennbar Leben und Werk sind. Er belegt ihr Schreiben aus belastenden Erfahrungen heraus: Der Unfall als Seminaristin in Rorschach treibt sie in die Einsamkeit; die Schizophrenie ist die Geissel der Familie; der Tod des Vaters bei einem Selbstunfall erschüttert die 24-Jährige zutiefst und wirkt lebenslang nach.

Dann der Herztod des Geliebten 1994 bei einer gemeinsamen Wanderung am Walensee – er entlockt Helen Meier den intimsten Text zu Liebe und Tod. Sie bringt ihre Trauer ungefiltert zu Papier, beschwört alles, was er ihr in den 28 Jahren bedeutete. Während ihre Stärke früher in der Rollenprosa lag, geht es in «Walensee» um sie selber, um die unterschiedlichen Qualen der Liebe, um die Mächtigkeit des Todes.

Für Charles Linsmayer ist das Geheimnis von Helen Meiers Texten ihr eigentümliches Erzählen, das scheinbar naiv, aber höchst kunstvoll gestaltet und komponiert ist. Sein Lesebuch trägt dazu bei, dass Helen Meier wieder ins Gespräch kommt.

Dieter Langhart

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Helen Meier: Übung im Torkeln entlang des Falls. Huber Verlag, 384 S., Fr. 32.–

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