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LITERATUR: Ilija Torjanow hat alle Olympia-Disziplinen getestet

Der Autor Ilija Trojanow hat achtzig olympische Sportarten trainiert. Für die meisten konnte er sich begeistern. Ausser für das Schiessen.
Marina Bolzli
Der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow (50) bei einigen seiner sportlichen Aktivitäten, die er durchaus ernst genommen hat. (Bilder PD)

Der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow (50) bei einigen seiner sportlichen Aktivitäten, die er durchaus ernst genommen hat. (Bilder PD)

Marina Bolzli

Sind Sie schon einmal vor dem Fernseher gesessen und haben ein Bahnradrennen verfolgt? Zugeschaut, wie zwei oder auch mehrere Fahrer sich belauern und dann scheinbar endlos Runden in einer gebogenen Bahn fahren? Das sieht im besten Fall elegant aus, im schlechtesten ist es so langweilig, dass rasch der Sender gewechselt wird. Bahnradfahren ist eine olympische Disziplin, es gibt Einzel- und Teamwettkämpfe. Und es ist eine der vielen Sportarten, die der deutsche Autor Ilija Trojanow seit den letzten Spielen 2012 auf der ganzen Welt ausprobiert hat. In «Meine Olympiade» widmet der bulgarischstämmige Autor jeder olympischen Einzelsportart ein Kapitel.

Im Ganzen sind das achtzig Disziplinen – denn in vielen Sportarten gibt es mehrere Wertungen. Und alle davon hat er ausprobiert. Wenn es möglich war, hat er auch einen Wettkampf bestritten, wobei es immer sein Ziel war, halb so gut wie der Olympiasieger abzuschneiden.

Das ist grössenwahnsinnig, denkt man im ersten Moment. Da will ein Endvierziger allen Ernstes alle olympischen Einzeldisziplinen trainieren? Woher nimmt er die Zeit? Woher nimmt er die Kraft und die Ausdauer? Und was soll das bringen?

Drei Stunden Sport pro Tag

Die erste Frage hat er gleich selbst beantwortet: «Man kann täglich nicht mehr als sechs Stunden schreiben und nicht mehr als drei Stunden Sport treiben», sagte er in einem Interview im «Blick». Neben dem Schreiben brauche er einen Ausgleich, er habe zu einer früheren Zeit auch schon die Ausbildung zum Sommelier gemacht, als er an einem Roman geschrieben habe.

Kraft und Ausdauer nimmt Trojanow zum Teil wohl aus den Genen – beide Elternteile waren Spitzensportler –, zudem hat der Autor ein Leben lang selbst Sport getrieben. Er ist also für einen gut 50-Jährigen durchaus fit. Und gereist ist er schon immer viel: Als Kind flüchtete er mit seinen Eltern über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, lebte anschliessend mehrere Jahre in Kenia, studierte in Deutschland, später ging er nach Indien und Kapstadt und lebt heute in Wien. Dass er die Sportarten an verschiedenen Orten auf der Welt ausgeübt hat, lag nicht nur daran, dass er sie in einer möglichst geeigneten Stadt praktizieren wollte – oft weilte er als Schriftsteller oder Privatperson sowieso in jenen Ländern. Zum Beispiel war er Writer-in-Residence in Sri Lanka. Die Leser bekommen auch einen Einblick in den Iran, wohin er zum Ringen fährt, oder nach Brooklyn, wohin er zum Boxen fährt.

Kommen wir zur wichtigsten Frage: Was soll das bringen? Sehr viel. Denn es geht Ilija Trojanow nicht um Leistung, auch wenn das schwer zu glauben ist. Es geht ihm um «das ‹Höher hinaus› als geistige Übung, gemessen nicht in Minuten oder Metern, sondern in Erfahrung und Einsicht», wie er einmal schreibt.

Dabei entspricht ihm nicht jede Sportart. Mit dem Schiessen mit Gewehr und Pistole kann er sich nicht anfreunden. «Ich muss gestehen, ich hegte Vorurteile gegenüber dem Schiessen. Ich muss gestehen, ich habe sie nicht gänzlich ablegen können», schreibt er. Das heisse keineswegs, dass er Sportschützen mit Amokschützen in Verbindung bringe. Was ihm an diesen Disziplinen nicht gefällt, ist Folgendes: «Die Herausforderung beim Schiessen besteht darin, sich in eine Maschine zu verwandeln. In­stinkt, Kreativität oder Improvisation kommen nicht zum Tragen.»

Das Schöne am Gewichtheben

Schiessen ist aber eine Ausnahme. Für praktisch alle anderen Sportarten konnte sich Trojanow spätestens beim Lernen der Tätigkeit begeistern. Besonders schön beschreibt er das beim Gewichtheben: «Von allen Sportarten erschien mir Gewichtheben als die unattraktivste. Weil sie eine Fähigkeit fördert, die im Leben selten zum Tragen kommt – eigentlich nur, wenn man umziehen muss –, zum anderen, weil sie den Menschen nicht gerade veredelt.»

Später lernt er viel von seinem Trainer Milan, der ihm gesagt habe: «Erst die Erwachsenen beugen den Rücken. Das Leben drücke die Menschen zu Boden. Wenn jemand gekrümmt ins Fitnesszentrum komme, könne man Rückschlüsse auf seine Psyche, auf sein Leben ziehen.» Das ist kein Buch über Sport, es ist ein Buch über Lebenshaltungen. Und ganz nebenbei lernt man, dass Bahnradfahren nur in der Gruppe richtig funktioniert. «Das meiste entwickelt sich aus der Gruppendynamik heraus. Im Velodrom fahren wir alle im Windschatten einer spezifischen Schwarmintelligenz.» Daran gilt es sich zu erinnern, wenn Sie bei Olympia vor dem Fernseher sitzen und ein Bahnradrennen läuft.

Hinweis

Ilija Trojanow: Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen. Fischer, 335 Seiten, Fr. 32.–.

Ilija Trojanow. (Bild: PD)

Ilija Trojanow. (Bild: PD)

Ilija Trojanow. (Bild: PD)

Ilija Trojanow. (Bild: PD)

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