Literatur
In Judith Kuckarts neuem Roman sind Menschen wie zerkratzte Schallplatten ohne B-Seite

Judith Kuckarts Roman «Café der Unsichtbaren» spielt in einem Berliner Sorgentelefon und ist eine poetische Gesellschaftsreportage.

Hansruedi Kugler
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Die Schriftstellerin Judith Kuckart, hier an der Frankfurter Buchmesse 2019.

Die Schriftstellerin Judith Kuckart, hier an der Frankfurter Buchmesse 2019.

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Bildhafte Vergleiche setzen sich in Judith Kuckarts Literatur fest: So drehen sich die Anrufer beim Sorgentelefon wie alte Single-Vinyls auf dem Plattenspieler und bleiben immer an derselben verkratzten Stelle hängen. Schon meint man das leise Knacken in den fernen, anonymen Alltagsleben zu hören.

Judith Kuckart: Café der Unsichtbaren. Roman. Dumont, 203 Seiten.

Judith Kuckart: Café der Unsichtbaren. Roman. Dumont, 203 Seiten.

Das Leben bietet diesen Unsichtbaren, den höflichen Pädophilen, einsamen Opernliebhabern, Wendeverlierern, Missbrauchten genau ein Lied: Schuld, Scham, Einsamkeit, Suizid oder freche Provokation. Veränderung, ja gar ein Neuanfang auf der B-Seite scheint illusionär.

Judith Kuckart begleitet und porträtiert sieben Ehrenamtliche, die das mal stumme, mal beredte Elend am Telefon beruhigen oder trösten. Diese sieben sind zwischen zwanzig und achtzig und hadern selbst mit ihrer gefühlten Unsichtbarkeit.

Modernes Erzählen ist ein Labyrinth ohne Ausgang

Ein fröhliches Buch ist «Café der Unsichtbaren» zwar nicht gerade, aber keineswegs depressiv. Immer wieder blitzen verrückte, verträumte Szenen und viel makabrer Humor auf. Man erkennt darin ein sehr deutsches Gesellschaftsporträt und Alltagspanorama – in hoch verdichteten Fragmenten.

Am besten begreift man diesen Roman als luftig-modernen Episodenroman, dessen Szenen sich eher zu einem löchrigen Puzzle denn zu einer kompakten Geschichte verbinden. Kuckarts Erzählerin, die 80-jährige Frau von Schley, erklärt zusätzlich: «Erzählen ist wie ein Labyrinth. Immer wieder kommt man – auf der Suche nach einem guten Ausgang – an Stellen vorbei, die einem bekannt vorkommen, aber doch noch kein Ausgang sind.» Im Leben ist das meist nicht anders.

Jesus am Kreuz – geheilt mit Erdbeermarmelade

Wie sollte das auch gelingen, wenn Wanda ihren Vaterhass und ihre DDR-Nostalgie nicht loswird? Wenn Frau von Schley noch immer an ihrem früh als RAF-Terrorist von der Polizei erschossenen Mann Carl hängt? Wenn der verklemmte, pensionierte Radiomoderator Lorentz mit einem Richtmikrofon Stimmen aus dem Weltall und von Verstorbenen einfängt?

Die sieben raufen sich zusammen und gehen danach getrennte Wege. Die einen verlieben sich ineinander, andere bleiben nach zaghaft-ungeschickter Annäherung einsam. Gerade in diesen Passagen zeigt sich Judith Kuckart als Meisterin der literarischen Körpersprache. Da muss eine Frau nur ihre Knie anziehen, sofort ist die Szene emotional lesbar.

Kuckart entwirft die Leben ihrer Figuren als ein ausgewogenes Gelingen und Misslingen und lässt die Szenen zwischen Karfreitag und Ostermontag spielen. Es sind Tage, in denen Einsamkeit besonders krass erlebt werden kann – und gute Gelegenheit bieten, eine poetische Präsenz von Erinnerung und Gegenwart erzählend zu beschwören. Frau von Schley etwa hat als kleines Mädchen das Blut von Jesus am Kreuz mit Erdbeermarmelade geheilt und versüsst.

Sieht sie heute Erdbeermarmelade, ist Jesus präsent. Denn was ist das schon: Zeit und Wirklichkeit? Das fragen sich nicht nur Physiker, sondern auch die Figuren in «Café der Unsichtbaren», und wissen: Erinnerungen sind oft stärkere Wirklichkeit als aktuelles Geschehen.

Judith Kuckart: Café der Unsichtbaren. Roman. Dumont, 203 S.

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