LITERATUR: Japaner mit makellosem Englisch

Der 1954 in Nagasaki geborene Brite Kazuo Ishiguro erhält den Literaturnobelpreis 2017. Eine vorzügliche Wahl.

Peter Henning
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Quelle: literaturnobelpreis.com/Grafik: sbu (Bild: Autor mit starker emotionaler Kraft: Kazuo Ishiguro (62) erhält den Literaturnobelpreis 2017. Bild: Jeff Cottenden/EPA)

Quelle: literaturnobelpreis.com/Grafik: sbu (Bild: Autor mit starker emotionaler Kraft: Kazuo Ishiguro (62) erhält den Literaturnobelpreis 2017. Bild: Jeff Cottenden/EPA)

Peter Henning

«Leider kann man getrost voraussagen, dass so manche Leser, die dieses Meisterwerk schätzen könnten, einen Bogen darum ­machen werden, weil sie nun ­einmal beschlossen haben, dass ­sogenannte Fantasy unter ihrer ­Würde ist.» Mit dieser Prognose schloss 2015 der Schriftsteller Daniel Kehlmann, gefeierter Bestsellerautor, seine lobende Rezension zu Kazuo Ishiguros Roman «Der begrabene Riese», in welchem der Japaner sich ­einen erneuten erzählerischen Ausflug in die Science-Fiction gegönnt hatte.

Kehlmann sollte recht behalten. Das Buch, welches das konfuzianische Credo «Wer die Zukunft sehen will, muss in die Vergangenheit blicken» in ein neues erzählerisches Gewand kleidete, verschwand als Geheimtipp für Genrewanderer in den Regalen gut sortierter Buchhandlungen. Dort fand es seinen Platz unter «I – international» neben Ishiguros nicht minder grossartiger Dystopie «Alles, was wir geben mussten». Darin erzählte er 2005 die fantastische Geschichte einer jungen Frau, die an einer Schule arbeitet, welche in Wahrheit als eine Art Ersatzteillager für menschliche Organe dient.

Als Vierjähriger nach England gekommen

Lange zirkulierte der Name Ishiguro ausschliesslich unter Literatur-Insidern, die früh erkannten, dass sich hier eine Art literarischer Brückenbauer anschickte, die uralte Tradition der japanische Legenden- und Mythenerzählung mit der zeitgenössischen realistischen Literatur zu vermählen. Kam die Rede auf mögliche japanische Nobelpreis-kandidaten, so fiel regelmässig der Name Haruki Murakami.

Tatsächlich aber schreibt der 1954 in Nagasaki geborene Kazuo Ishiguro die weitaus welthaltigeren Bücher. Lang warf lediglich sein 1989 erschienener und später erfolgreich mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmter Roman «Was vom Tage übrig blieb» («Remains of the Day») internationalen Glanz auf den Namen seines Verfassers. Was wahrscheinlich der strikten Weigerung des Autors geschuldet ist, die Stoffe seiner Romane nach den Chancen ihrer Verkäuflichkeit auszurichten.

Ishiguro, der seine Heimat bereits im Alter von vier Jahren mit seiner Familie verliess und nach England übersiedelte, wo er in Guilford, Surrey, aufwuchs, ist bis heute in seinem Schreiben geleitet von der Intension, den Hergang und die rasante Veränderung der Welt von ihren historischen Verläufen her zu erklären. Dabei lauten seine grossen Erzählthemen Familie und Identität. Denn früh hat dieser Autor begriffen, dass die eigene Identität mit all ihren Widersprüchen und Rissen unauflöslich mit der seiner Vorfahren verbunden ist. So tastete er sich schon 1984 wie selbstverständlich in seinem Roman «Damals in Nagasaki» zurück an den Ort seiner Geburt. Und zu jenem ominösen 9. August 1945, an dem ein amerikanischer B-29-Bomber eine Atombombe über der dortigen Mit­subishi-Waffenfabrik abwarf. Ishiguros Roman blickte furchtlos in die Asche, welche die Amerikaner zurückliessen, und beschwor die traurigen Legenden der 36000 Toten.

Vollendeter Stilist mit magischer Klarheit

Kazuo Ishiguro lesen heisst auch, in den Kosmos eines vollendeten Stilisten einzutreten. Denn oft ­erscheinen seine Sätze wie los­gelöst von aller syntaktischen Schwere, sodass sie in ihren ­besten Momenten eine geradezu magische Klarheit, ja, Durchsichtigkeit entfalten. Als blickte man durch Fenster hinein in eine uns plötzlich neu und überaus faszinierend erscheinende Welt.

Exemplarisch sei hierfür sein exquisiter, mit dem Booker-Prize ausgezeichneter Erfolgsroman «Was vom Tage übrig blieb» genannt. Darin schickte er den Butler Stevens auf eine Reise quer durch England mit Ziel Cornwall. Stevens will – man schreibt das Jahr 1956 – seine ehemalige ­Kollegin Miss Kenton besuchen, um sie zu bitten, nach Darlington Hall zurückzukehren. Dorthin, wo zwischen 1920 und 1938 Vertreter der internationalen Politik ein und aus gingen und seither dessen Besitzer Lord Darlington der Ruf eines Nazifreundes anhaftet. Dabei liest sich Ishiguros in einem wahrhaft makellosen Englisch verfasster Roman – manche behaupten gar, er schreibe das vollkommenste Englisch überhaupt – als Gang durch die Geschichte, auf den er seinen reisenden Butler schickt.

«Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Geschichte verstehen lernen», hat Kazuo Ishiguro einmal in einem Interview gesagt. Nun hat das schwedische Nobelpreiskomitee den Sohn eines Ozeanografen für sein nicht nachlassendes Bestreben, das Gestern mit dem Heute literarisch auszusöhnen, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Eine gute, nein: eine vorzügliche Wahl.