Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LITERATUR: Jugendliche, die zu Killern geworden sind

Roberto Savianos erster Roman handelt von einem tragischen Phänomen: Der Italiener, der seit vielen Jahren Polizeischutz braucht, erzählt von «Baby Gangs». Deren Gewaltbereitschaft kennt kaum Grenzen.
Roberto Saviano prangert Mafiastrukturen an und begibt sich so in Lebensgefahr. (Bild: Hanser-Verlag)

Roberto Saviano prangert Mafiastrukturen an und begibt sich so in Lebensgefahr. (Bild: Hanser-Verlag)

Sie sind elf, zwölf Jahre alt, rasen auf ihren Mopeds durch die Strassen von Neapel, in der Hand eine Kalaschnikow, die sie auch benutzen. Die Medien nennen sie «Baby Gangs». Es gibt sie seit wenigen Jahren. Der neapolitanische Journalist Roberto Saviano hat einen Roman über sie geschrieben.

Erschreckend ist das Ausmass der Gewalt – und ihre Beliebigkeit. Saviano lässt sie langsam beginnen – auf dem Pausenplatz. Ein Junge hat auf Facebook ein Foto von Nicolas’ Freundin gelikt. Dafür wird er von Nicolas und dessen Clique abgestraft. Die Bilder kommen ins Netz. Es ist eine reale Szene, ein Polizist hat sie dem Autor erzählt.

Roberto Saviano war 2006 mit dem dokumentarischen Buch «Gomorrha» bekannt geworden, in dem er die Machenschaften der neapolitanischen Mafia offenlegt, der Camorra. Weltweit wurden mehr als zehn Millionen Exemplare von dem Buch verkauft. Auf einer Anti-Mafia-Veranstaltung rief der damals 26-jährige Saviano die Namen der Anführer ins Publikum: «Michele Zagari, Antonio Iovine, Francesco Schiavone – eure Macht gründet nur auf Angst!» Seither wurde er wiederholt mit dem Tod bedroht. Heute steht er noch immer unter Polizeischutz, auch seine Familie ist in Gefahr. Er übernachtet in Hotelzimmern, wird von fünf Bodyguards bewacht und bewegt sich in Autos mit Panzerglas.

Bosse ziehen auch vom Knast aus die Fäden

Im Roman kehrt Saviano nach Neapel zurück. Zagari, Iovine und Schiavone sind verhaftet, ebenso die meisten alten Bosse der Clans. Das hindert sie jedoch nicht daran, weiter die Fäden zu ziehen. Die Bosse locken die kleinen Fische an – «Paranza» nennen die Jugendgangs sich selbst, wie die Fischerboote, die mit Schleppnetzen aufs Meer fahren.

Saviano zeigt, wie die Fische gefangen werden: Ein alter Capo fixt Nicolas und seine Freunde an, lässt sie ein bisschen Marihuana für ihn verkaufen, reibt ihnen mit dem schnellen Geld und obszönen Festen den Glanz der Unterwelt unter die Nase. Als der Capo gefasst wird, ist Nicolas wild entschlossen, den Platz ­einzunehmen. Er spielt die alten Bosse gegeneinander aus und erfindet seine eigenen Regeln. Immer schneller dreht die Spirale der jugendlichen Gewalt.

Jeder fünfzehnte Jugendliche ist Mitglied einer Bande

Solche gibt es auch in Rom, Mailand oder Turin, am grössten ist das Problem aber in Neapel. 6,5 Prozent aller Minderjährigen sind Mitglied einer Jugendbande, dies laut einer Studie der staatlichen Beobachtungsstelle für Heranwachsende. 16 Prozent sind schon durch Vandalismus aufgefallen, drei von zehn Teenagern haben an einer Prügelei teilgenommen. Manche Kinder werden von den Clans gezielt eingegliedert, weil sie strafrechtlich noch nicht belangt werden können. Und dann gibt es die Baby-Gangster, die eigene Banden aufbauen und aus purer Lust an der Aggression handeln. Um sie geht es im Roman.

Dafür recherchierte Saviano über die Gang von Emanuele Sibillo. Mit nur 15 Jahren wurde er Boss einer Paranza, mit 19 Jahren wurde er von einem ­Rivalen erschossen. Saviano besuchte Gerichtsverhandlungen, las Protokolle und sprach im Gefängnis mit Überlebenden der Gang.

«Der Clan der Kinder» verstört mit einer visuellen Sprache. Der Text ist schnell und brutal. Erzählerisch formt der Autor den Strudel der Gewalt nach, schreibt fast nur aus Sicht der Jugendlichen. Wie eine zweite Tonspur lässt er die filmische Parallelwelt mitlaufen: Die Jungs orientieren sich an Szenen aus «Assasin’s Creed» oder «Breaking Bad», nutzen Youtube-Videos als Anleitung zum Schiessen, schauen voller Bewunderung Dschihadisten-Videos an: «Wer stirbt, um etwas zu erreichen, ist ein Held.»

Ist es traurige Ironie? Saviano wird in Italien kritisiert, den Jugendlichen Vorlagen zu liefern – «Gomorrha» wurde fürs Kino verfilmt und ist Grundlage einer TV-Serie. Doch der Autor lässt die Vorwürfe nicht gelten. Die Mafia gehe nicht nur die Polizei, Richter und Staatsanwälte an, sagt er. «Man muss ständig über die Mafia reden, schreiben und ihre Mechanismen offenlegen.»

Anne-Sophie Scholl

kultur@luzernerzeitung.ch

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder. Hanser, 416 S., Fr. 37.–.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.