Literatur
Kultautor Christian Kracht rettet sich im neuen Roman aus dem Familientrauma in den Humor

Im neuen autofiktionalen Roman «Eurotrash» von Christian Kracht reist der Erzähler gleichen Namens mit seiner Mutter nach Gstaad in seine desaströse Familiengeschichte. Er erweist sich dabei als kunstvoller biografischer Gaukler voller doppelbödiger Selbstironie.

Hansruedi Kugler
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Ein grosser Ironiker: Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht.

Ein grosser Ironiker: Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht.

Bild: Noa Ben-Shalom

Dieser Kultautor und Gewinner des Schweizer Buchpreises 2016 führt mit jedem Buch aufs Neue seine Leser am Nasenring durch sein literarisches Spiegelkabinett. Aber wie brillant er das Doppelspiel mit seiner Biografie in «Eurotrash» treibt, ist grossartig. Wer dieses Buch aufmerksam auf die psychologischen, literarischen und biografischen Spiegelungen liest, wird doppelt belohnt. Zunächst, und das ist die einfache Lesart, mit einer Story, in welcher die Romanfigur Kracht sich dank seiner verschrobenen, halbdementen und pfiffigen Mutter vom Zyniker zum empathischen, ja rührenden Humoristen wandelt.

Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Kiepenheuer&Witsch, 210 Seiten.

Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Kiepenheuer&Witsch, 210 Seiten.

Dann aber zusätzlich mit einem leichtfüssigen Vexierspiel. Die Ästhetik ist bei Kracht ja immer zwielichtig und vertrackt. Denn was ist das eigentlich für ein Erzähler? Ist er nur ein literarischer Hochstapler, der aber «keinen Funken Intellekt» besitzt? Ein von seiner zerrütteten deutschen Familiengeschichte unheilbar traumatisierter, «autistischer Snob»? Das sagt die Hauptfigur, die gleich heisst wie der Autor, über sich selbst. Dürfen wir ihm glauben? Wir können über ihn lachen, ihn bemitleiden, verachten – oder uns über seinen gekünstelten Stil nerven. Das Geniale am Autor Christian Kracht aber ist: Wir müssen selbst klarkommen mit seiner Romanfigur. So wird Literatur Kunst, die sich der Eindeutigkeit entzieht.

In Zürich muss man ja verrückt werden

«Eurotrash» fängt dort an, wo Krachts Kultroman «Faserland» vor 25 Jahren nach einer desaströsen Reise des Erzählers durch ein Deutschland der Wohlstandsverwahrlosung in einem erzählerisch offenen Ende landete: Damals liess er sich von einem Bootsmann auf den nächtlichen Zürichsee fahren. Suizid oder doch nur ein spielerisches Zitat aus der Kunstgeschichte? Charon, der Fährmann, der die Toten zum Hades rudert? Das Buch also eine «liebevolle Karikatur», wie der Erzähler selbst andeutet? Alles nur Ironie? 200 Franken gab’s jedenfalls für den Bootsmann. In «Eurotrash» sind es nun 200 Euro, mit denen ein Hamburger Kapitän belohnt worden ist für das Versenken der väterlichen Asche. Es ist nur eine von unzähligen autofiktionalen Verweisen und Spiegelungen.

Die Romanfigur Kracht also besucht seine halbdemente, dank geerbten Aktien von Waffenfabriken und Milchverarbeitern steinreiche 80-jährige Mutter in Zürich, die sich vereinsamt von billigem Weisswein, einem grotesken Medikamentenmix und Tiefkühlkost ernährt und immer wieder in die Psychiatrie eingewiesen wird. Mit ruppigem Humor und Wehleidigkeit ist sie eine ideale Komödienfigur, die dem 50-jährigen Sohn, den sie für ein lachhaftes Sensibelchen hält, das nur «belanglosen Unsinn» schreibt, den Kopf wäscht. Kracht selbst giesst seinen Ekel über Zürich aus («eine Stadt der geldgierigen Oberleutnants und selbstherrlichen Strizzis»), kauft als Protest an der Bahnhofstrasse einen Wollpulli einer Ökokommune, die sich später im Buch als durchgeknallte Nazisekte erweist, sitzt dann aber doch in die Bar des Nobelrestaurants Kronenhalle – und gibt sich dem Leser als ein zermürbter Snob zu erkennen. Das liest sich amüsant – die Welt ist komplett verrückt, bietet nirgends Halt.

Die Familienhölle ist ihm nur als Groteske erträglich

«Wenn Du Deutschland liebst, dann besuche es lieber nicht», stellt Kracht seinem Roman als Motto voraus. Einem Roman, den er vier Frauen widmet: Ehefrau, Tochter, Schwester, Mutter. Damit lockt er uns zu einer unironischen Lesart. Denn was der Roman-Kracht in einer Wutrede auftischt, ist die deutsche Männer-Nachkriegshölle: der Grossvater ein Alt-Nazi, der sich im eigenen Sadomaso-Studio quälen lässt, der Vater ein Manipulator und geldgieriger Emporkömmling in der Wirtschaftswunder-BRD. Seine Mutter wurde als Mädchen über Wochen vergewaltigt, er selbst in einem Internat von einem Priester missbraucht. Vieles entspricht detailliert Krachts Biografie. Der zornige Dreiklang: unbelehr­bare Nazis, die Kinder zynische Emporkömmlinge, der Enkel trägt das Unbewältigte als Verstopfung in sich.

Seinen Ästhetizismus demaskiert Kracht als hilflosen Fetisch eines Traumas. Was er am Vater verachtet, dessen groteske Ausschmückung seines Lebens mit Luxuswaren als Kompensation seines Minderwertigkeitsgefühls als Arbeiterkind, dasselbe betreibt der Erzähler sprachlich mit der Ausschmückung mit Begriffen wie «Reverse Snobbery», «Palimpsest» oder der Nennung von Luxusprodukten. Auch seine Mutter ist eine Hochstaplerin, die zwar nur Klatschheftchen liest, aber mit auswendig gelernten Literaturzitaten angibt. Sie ist die eigentliche Heldin dieser Geschichte: Statt in die Klinik will sie nach Afrika reisen, nochmals Zebras sehen. Zusammen nehmen sie ein Taxi, fahren aber in ihren alten Wohnort, die Nobelgemeinde Gstaad. Mit einem Sack voller Tausendernoten, keifend auf dem Rücksitz des Taxis. Regelmässig muss Kracht den künstlichen Darmausgang der Mama leeren, ihre Geisteszerrüttung mit makabren Geschichten trösten und auf einem Berg Tausendernoten verschenken.

Ein überraschend versöhnliches Buch

Die turbulente Reise in die Vergangenheit ist Krachts humoristische Glanzleistung. Da überführt er seine Verdammungsrhetorik («ganz und gar abscheulich») in eine liebevolle Groteske. Erst würzt er seinen Ekel mit Décadence-Versatzstücken. Treffsicher und spöttisch nennt ihn seine Mutter «Huysmans», nach dem Begründer dieser Literatur. Zum Schluss aber sagt der Sohn ironiefrei zur Mutter: «Es war eine sehr schöne Reise mit dir.» Weil seine Romanfigur das Erzählte immerzu als Kunstform beschreibt, führt er uns zudem ins literarische Spiegelkabinett: Sein Leben sei «ein perfides, elendes, kümmerliches Dramolett», seine Mutter erscheint ihm wie eine Figur aus einem Roman von Charles Dickens.

Am Ende glaubt man, da habe einer aus dem Ekel auf Vergangenheit und Gegenwart herausgefunden. Oder liest man doch nur eine Spielerei, eine bloss literarische Rettungsfantasie? Es ist halt Fiktion, aber ein überraschend versöhnliches Buch. Geradezu heiter. Wunderbar.

Christian Kracht, Schriftsteller. Das Foto ist nur in Verbindung mit dem aktuellen Buch„Eurotrash“ honorarfrei.

Christian Kracht, Schriftsteller. Das Foto ist nur in Verbindung mit dem aktuellen Buch„Eurotrash“ honorarfrei.

Noa Ben-Shalom