LITERATUR: Leiden in Grösse XXL

Uferlos, anmassend – und eine Prüfung für die Leser: «Ein wenig Leben» der US-Autorin Hanya Yanagihara, ab morgen im Handel, ist einer der ganz grossen Buchtitel des Frühjahrs 2017.

Peter Henning
Drucken
Teilen
Hanya Yanagihara (41) suchte und fand den literarischen Grössenwahn. (Bild: Getty (10. Oktober 2015))

Hanya Yanagihara (41) suchte und fand den literarischen Grössenwahn. (Bild: Getty (10. Oktober 2015))

Peter Henning

kultur@luzernerzeitung.ch

Bei einem Umfang von 958 Seiten in der deutschen Übersetzung kommt das Buch wie ein atomar-literarischer Erstschlag daher, der mit seiner gewaltigen Sprengkraft alles, was sich ihm in den Weg stellt, pulverisiert. Da sind alle Illusionen verbrannt, alle Träume vernichtet, alle Literaturtheorien obsolet geworden.

Warum? Weil seine Verfasserin sich offenbar einen Kehricht um gängige Erzählmuster schert, also um innere Logik, Ökonomie oder so etwas wie epische oder formale Strenge. Sondern ganz auf ihrer Mission beharrt. Der Mission literarische Erneuerung!

Krankenbericht einer Seele, der nicht zu helfen ist

Das macht ihr Buch interessant, denn tatsächlich versucht Hanya Yanagihara etwas gravierend Neues, Radikales: Leiden im XXL-Format. Sie schrieb den ­Roman als Teufelsaustreibung in Gestalt eines nicht enden wollenden Krankenberichts einer Seele, der auf Erden nicht zu helfen ist. Genau darin aber offenbart sich sein ganzes sowohl ästhetisches als auch moralisches Dilemma. In der Beschreibung von nicht enden wollendem Leid, die sich leerläuft – und schliesslich zur blossen Attitüde verkommt.

«Grosse Kunst ist immer exzessiv!» So reagiert die Autorin im Interview selbstbewusst auf den Vorwurf, ihr Buch sei manipulativ, siedele am Kitsch und erscheine völlig überzogen. «Was ich nicht wollte, war ein Buch, wie es sie zu Tausenden gibt, nämlich ein smartes, cooles Werk, sondern etwas, das grössenwahnsinnig und in jeder Hinsicht too much ist!»

Das ist ihr gelungen – in Form eines Textes, welcher Missbrauch auf allen nur erdenklichen Ebenen und in allen finsteren Facetten durchdekliniert: Erwachsene missbrauchen Kinder und Jugendliche, Freunde missbrauchen Freunde – und: Die Autorin missbraucht ihre Leser, indem sie ihnen scheinbar skrupellos immer neu an die Herzen greift! Jeder Satz ein gezielter Anschlag auf die limbischen Zentren in deren Hirnen, in der Hoffnung auf Mitgefühl. Jede Umdrehung ihrer Erzählschraube ein neuerlicher Stich ins Herz. Bis es Tränen regnet, bis es alle wegschwemmt in einem Strom aus Blut und anderen Körperflüssigkeiten.

«Dieses Buch wird dich verschlingen»

Der zweite, 2015 in den USA erschienene Roman der 1975 geborenen Schriftstellerin und Journalistin hawaiianischer Herkunft hat dort polarisiert wie lange kein Buch mehr. Allein 2300 verfasste Amazon-Rezensionen belegen dies eindrucksvoll. Von Statements wie «Ich hasse dieses Buch» bis «Dieses Buch macht dich verrückt, es wird dich verschlingen und von deinem Leben Besitz ergreifen» war alles dabei. Heute noch ist das Buch in den USA im Gespräch. Doch worum geht es in «Ein wenig Leben»?

Erzählt wird von vier jungen Männern, die einander als Studenten an einem College in New England begegnen und nach dem Studium gemeinsam nach New York ziehen, um dort Erfolg versprechende Karrieren zu starten. Da ist der kunstverliebte Willem Ragnarsson, der kellnert und von einer Laufbahn als Schauspieler träumt. Zweitens Jean-Baptiste Marion, den Visionen von einem Dasein als Maler umtreiben, während er als Rezeptionist bei einer Kunstzeitschrift den Alltag fristet. Hinzu kommt der farbige Malcolm Irvine, der unter den Erwartungen seines Vaters, einem afroamerikanischen Juristen, leidet, und zuletzt der rätselvolle Jude St. Francis – um den die anderen kreisen wie Satelliten um einen verseuchten Planeten. In schier endlosen Erzählschleifen fängt der Roman das Erfolg versprechend beginnende Miteinander seiner Protagonisten ein. Bis der Textkörper nach etwa 350 Seiten wie ein auf Grund gelaufener Chemietanker zu lecken beginnt – und das Gift, das dabei in Gestalt von St. Francis finster-erschreckender Biografieentblössung austritt, die anderen zu verätzen und zu marginalisieren beginnt, bis deren Schöpferin sie bald aus dem Auge verliert.

Chronik eines stetigen Missbrauchs

«Ich fürchte, wenn Herold herausfindet, wer ich wirklich bin, will er mich nicht mehr.» Denn tatsächlich hütet St. Francis, der sich von Julia und Herold adoptieren lassen möchte, ein ebenso dunkles wie ihn unaufhaltsam vernichtendes Geheimnis – von Hanya Yanagihara als die lange, unendlich traurige Chronik eines fortwährenden Missbrauchs offenbart. Angefangen bei einem Mönch, der ihn an Männer vermietet, bis hin zu einem «Liebhaber», der ihn zum Krüppel macht, dem am Ende beide Beine abgenommen werden müssen. All das breitet der Roman minutiös und nicht selten effekthascherisch aus. «Mein Lektor wollte, dass ich 300 Seiten rausnehme», gesteht die Autorin. Und fügt forsch hinzu: «Gestrichen habe ich 20.» So fallen die Beschriebenen bald nach und nach wie Figuren beim Räuberschach. Bis es selbst St. Francis zu viel wird – und er sich in den Tod stürzt.

«Ich sehe mich in keiner Tradition», betont Hanya Yanagihara, an­gesprochen auf literarische Einflüsse. «Mein Buch wurzelt indes tief im Märchen und genau so sollte man es auch lesen. Es ist radikal, ironisch und will dem Leser keinen Ausweg lassen.»

«Erfahrungen müssen dich verletzen, sonst sind es keine!», heisst es in dem Roman «Die erdabgewandte Seite der Geschichte» des 1979 mit 42 Jahren früh verstorbenen deutschen Romanschreibers Nicolas Born. Hanya Yanagiharas Roman ist eine solche Erfahrung, die verletzt, verstört, nicht loslässt. Zugleich eine enorme Kunstanstrengung, eine Zumutung, eine Qual. Gleichwohl deutet «Ein wenig Leben» an, wie eine von allen Skrupeln und formalen Fesseln befreite Literatur dereinst aussehen könnte.

Hinweis

Hanya Yanagihara:

Ein wenig Leben.

Hanser, 958 Seiten, ca. Fr. 40.–.