Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LITERATUR: Mariella Mehr – Die Überlebende

Zum 70. Geburtstag legt der Limmat-Verlag Mariella Mehrs vergriffenes Hauptwerk neu auf. Gleichzeitig erscheint ein Band mit Essays, Gedichten und Reportagen.
Christina Genova
«Ich tauge nicht fürs moderate Schreiben», ist die Autorin Mariella Mehr überzeugt. (Bild: PD)

«Ich tauge nicht fürs moderate Schreiben», ist die Autorin Mariella Mehr überzeugt. (Bild: PD)

Christina Genova

«Vor Ihnen steht eine ‹verstimmbare, haltlose, impulsive und geltungsbedürftige Psychopathin mit neurotischen Mechanismen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist›». Mit diesem Zitat leitet Mariella Mehr 1998 die Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an der Universität Basel ein. Es stammt aus ihrer «Kinder der Landstrasse»-Akte. Als Angehörige der Jenischen war sie als Kind von ihrer Mutter getrennt worden und ist in Heimen, bei Pflegeeltern und in Erziehungsanstalten aufgewachsen. Auch ihr wurde mit 18 Jahren ihr Kind weggenommen, sie wurde zwangssterilisiert und admini­strativ versorgt. Dies alles geschah auf Veranlassung des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse», das von der Pro Juventute gegründet worden war, weil man die Fahrenden und ihre Lebensweise als asozial und minderwertig ansah.

Mariella Mehr aber hat all diese traumatischen Erfahrungen überlebt. Und noch viel mehr, sie hat sie zu Literatur verarbeitet. Sie hat es ihren Peinigern gezeigt und ist allen Herabwürdigungen, Verletzungen und Übergriffen zum Trotz eben doch Schriftstellerin geworden, zu einer wichtigen und einzigartigen Stimme der Schweizer Gegenwartsliteratur. Gewalt in all ihren Ausprägungen ist das Kernthema von Mariella Mehrs Schreiben, die sie mit einer messerscharfen Sprache beschreibt.

Journalistin, Lyrikerin, Essayistin

Während Mariella Mehr in den 1970er- und 1980er-Jahren im ­öffentlichen Leben der Schweiz sehr präsent war, ist es vor allem seit ihrer Auswanderung 1997 in die Toscana ruhig um die Autorin und ihr Werk geworden. Seit 2014 lebt sie wieder in der Schweiz. Dazu kommt, dass ihr Prosawerk lange Zeit fast vollständig vergriffen war und die Gedichtbände schwer erhältlich waren. Dem Limmat-Verlag kommt nun das grosse Verdienst zu, zum 70. Geburtstag Mariella Mehrs nicht nur ihr Hauptwerk, die aus den Romanen «Daskind», «Brandzauber» und «Angeklagt» bestehende Trilogie der Gewalt, neu aufgelegt zu haben. Gleichzeitig ist auch der Band «Widerworte» erschienen, der erstmals einen Überblick über ihr literarisches und journalistisches Schaffen bietet. Im sorgfältig gestalteten Buch findet man Geschichten, Gedichte, Reden und Reportagen. Zahlreiche davon werden erstmals veröffentlicht; erläuternde Essays helfen bei der Einordnung. Fotos aus Mariella Mehrs Leben und Werke ihrer Lieblingskünstler Meret Oppenheim und Walter Arnold Steffen ergänzen das Buch, das die vielen Facetten von Mariella Mehrs Schreiben aufzeigt. Besonders lohnt sich eine Auseinandersetzung mit ihren weniger bekannten Gedichten. Möglich wurde die Publikation dank des reichhaltigen Archivs Mariella Mehrs im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, das 2015 fertig ­erschlossen wurde.

Gestohlene Bücher

Das Kapitel «Gestohlene Dichter» vereint Texte, die sich mit dem Lesen und der Literatur beschäftigen. Sie zeigen auf, wie überlebenswichtig das Lesen und Schreiben für Mariella Mehr ist. Bei ihren Pflegeeltern standen nur zwei Bücher im Regal, doch sie gierte nach mehr. Im Essay «Die Bettlerschale oder gestohlene Dichter» erzählt die Autorin, wie sie, um an Bücher zu kommen, selbst vor Diebstahl nicht zurückschreckte. Sie beschreibt «das fast beängstigend aufregende Gefühl» nach dem ersten Bücherdiebstahl: «Ich fühlte mich als Eroberer eines lange begehrten und gesuchten Schatzes, den ich mir nicht mehr nehmen lassen wollte.» Mariella Mehr stahl nur Bücher, die gut rochen: «Ich nehme an, Sie kennen ihn alle, den Geruch in Leder gebundener Bücher, das Modrige und gleichzeitig Animalische, Urtümliche, das sie nach langem Ein­geschlossensein verströmen.» Etliche dieser Bücher stünden noch immer in ihren Regalen: «Ich betrachte sie mit Dankbarkeit, haben sie doch mein Leben gerettet.»

Mariella Mehr: Widerworte. Limmat Verlag, 352 S., Fr. 38.–Mariella Mehr: Daskind; Brandzauber; Angeklagt. Limmat Verlag, 384 S., Fr. 32.–

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.