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LITERATUR: Martina Clavadetscher und die Musik als anarchische Kraft

«Knochenlieder», der neue Roman der in Brunnen lebenden Autorin Martina Clavadetscher (37), ist ein wohlkomponierter Protestsong gegen eine Welt im Ausnahmezustand. Und ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit.
Julia Stephan
Bühnen- und Romanautorin Martina Clavadetscher stellt ihren neuen Roman morgen Abend im Luzerner Kleintheater vor. Bild: Ingo Höhn/PD

Bühnen- und Romanautorin Martina Clavadetscher stellt ihren neuen Roman morgen Abend im Luzerner Kleintheater vor. Bild: Ingo Höhn/PD

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Nein, in Brunnen, wo Martina Clavadetscher lebt und arbeitet, sitzt man abends nicht mehr am Lagerfeuer und löffelt Haferbrei. Ein bisschen ländliches Flair hat die Autorin in ihren Roman dennoch reingepackt. Während sich die Welt im Ausnahmezustand befindet, wagen zu Beginn von «Knochenlieder» ein paar Aussteiger die Flucht nach hinten. Als Selbstversorger leben sie «in einem entlegenen Tal» in blauen, grünen, roten und weissen Häusern. Sie legen Vorräte an, konservieren Esswaren und Werte und schirmen den Nachwuchs behutsam vorm Fortschritt ab.

In dieser Welt hat man sich zivilisatorischer Nachnamen wieder entledigt. Man nennt sich nach den Farben der Häuser, aus denen man kommt. Man gebiert und ärgert sich in der Farblogik der Hausfassaden «grün und blau», wenn der Nachbar wieder mal gegen die Dorfordnung verstösst. Dass die so einengend ist wie die der Zivilisation, die man einst verliess, hat man vergessen.

Die Vorzeichen unserer Gegenwart?

Befinden wir uns in der Gegenwart oder in der Zukunft? Vieles, was bei Clavadetscher wie beiläufig in diese Dorfidylle dringt – Flugzeuggeräusche, schnelle Autos, Schlagzeilen –, ist uns wohlvertraut. Dennoch entwirft die Autorin – das wird beim Weiterlesen offenkundig – keinen Zeitroman, sondern eine Dystopie. Deren Bausteine: die Vorzeichen unserer Gegenwart.

Über mehrere Generationen hinweg verfolgen wir die Geschichten dieser Aussteigerfamilien. Wir folgen dem pubertierenden Nachwuchs in die Stadt, wo ein monströser Hightech-Überwachungsstaat die Freiheit des technologischen Zeitalters mit Sicherheitskontrollen pervertiert. Pippa, eine der Nachkommen, organisiert sich in der Hackerszene und sucht ihre Mutter.

Es ist der Moment, wo Clavadetschers archaische Sprache überraschend in den Hackerjargon kippt. Plötzlich befinden wir uns in einer hypernervösen Welt im Ausnahmezustand. Menschen funktionieren hinter Schutzkleidern wie Maschinen. Es gibt kein Vokabular mehr für Liebe und Menschlichkeit. Wer sich um andere kümmert, prüft deren «Biologie».

In dieser Welt kennt das öffent­liche Leben wie schon bei der Aussteigersiedlung nur einen Antrieb: Protest. Und genau an die Fersen jener, die ausbrechen wollen, heftet sich Clavedetscher in ihrem Roman.

Wie schon beim Debüt «Sammler»(2014) liegt der Reiz von Clavadetschers Erzählweise im Unvermögen ihrer Figuren, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Der Soundtrack zu diesem Protestroman schrieb David Bowie. Sein Song «Life On Mars» über ein Mädchen, das vorm Fernseher realisiert, dass die pervertierte Welt, in der es lebt, am Bildschirm das grosse Geschäft ist, steht ein für die Ungerechtigkeit des Erzählens selbst, das immer Opfer fordert und die Realität nur annäherungsweise abbildet. Oder wie es Pippas Mutter der Tochter gegenüber formuliert: «Wie sehr wir dabei scheitern, Kleines, im Versuch, zu verstehen, im Versuch, uns die Geschehnisse als gerechte Geschichten zusammenzustellen.»

Alarmbereitschaft geht durch Mark und Bein

Trotz seiner hochartifiziellen Oberfläche hat dieser Roman mit der Gegenwart zu tun. Er denkt den ständigen Ausnahmezustand einer im Terror erstarrten Welt weiter, er zeichnet sensibel nach, wie ständige Alarmbereitschaft einem Menschen durch Mark und Bein geht, seine DNA umschreibt, ihn aus der Geborgenheit seiner Existenz katapultiert.

Egal ist letztlich, ob es für diese Ängste reale Gründe gibt. Die Figuren setzen der Angst Mut entgegen und suchen die Freiheit blind. Und genauso freiwillig verbauen sie sich diese wieder. Denn immer da, wo sich so etwas wie Geborgenheit einstellt, wo es ein Drinnen gibt, braucht es auch ein Draussen. Diesen Gegensatz zu überwinden, kann bei Clavadetscher letztlich nur die Musik. Sie ist die anarchische Kraft dieses klingenden und genial komponierten Romans. Mauern stürzen vor ihr ein, Konventionen werden gesprengt. Bis in die Knochen fahren einem ihre Lieder.

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